• Von Alexander Fröhlich: Schläger im Rockerklub

Von Alexander Fröhlich : Schläger im Rockerklub

Einer der Männer, die bei der WM ’98 Daniel Nivel fast totprügelten, ist Hells Angel in Potsdam

Alexander Fröhlich

Vor elf Jahren hat Christopher R. mit anderen Hooligans den Polizisten Daniel Nivel bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich fast tot geschlagen – heute mischt er bei den Hells Angels in Potsdam mit. Das bestätigten Ermittler den PNN. Demnach soll Christopher R., Jahrgang 1975, in der Führungsriege des erst im Frühjahr gegründeten Chapters in Potsdam aktiv sein, zwischenzeitlich war der gelernte Techniker sogar als Präsident des Klub-Ablegers im Gespräch. Das Landgericht Essen hatte R. im November 1999 wegen der Attacke auf den Gendarmen zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Für die Hells Angels zählt aber nur, dass R. „diesen früheren Zeiten abgeschworen“ hat, wie sich ein Mitglied des Klubs von der „Morgenpost“ zitieren lässt. Ansonsten haben die Rocker kein Problem mit dem Mann. Früher gehörte er zum harten Kern der Hooligans des einstigen Ostberliner Stasi-Vereins BFC Dynamo und hatte einen gewissen Ruf in der Szene – er galt als Führungspersönlichkeit. Das mag auch an seiner Geschäftstüchtigkeit liegen, die ihm Ermittler bescheinigen: R. zählte zur „High Society“ der Hooligans, war in den Drogenhandel verstrickt und gehörte zu etwa 200 BFC-Fans mit Kampfsportausbildung, die in den 1990er Jahren die Ostberliner Diskotheken und die Türsteherszene unter ihre Kontrolle brachten. Dass Christopher R. nun die Hells Angels in Potsdam mit anführt, wundert Sicherheitsbehörden kaum. Auch in Hannover soll einer der ehemaligen Schläger aus Frankreich bei dem Motorradklub aktiv sein und einen hohen Rang innehaben. Unter dem Dach der Rockerklubs machen zahlreiche Ex-Hooligans weiter Geschäfte und gehen gegen Rivalen äußerst brutal vor.

In Berlin und Brandenburg liefern sich die verfeindeten Gruppen Hells Angels und Bandidos seit einigen Jahren blutige Auseinandersetzungen um Macht und Kontrolle, beide mischen mit dubiosen Sicherheitsfirmen in der Türsteherszene mit, kontrollieren damit den Drogen- und Waffenhandel, betreiben Zuhälterei und Schutzgelderpressung. Erst Mitte August ist ein 33-Jähriger im Berliner Stadtteil Wartenberg angeschossen worden und auf offener Straße verblutet. Die Polizei vermutet einen Racheakt, weil das Opfer von den Hells Angels zu den Bandidos gewechselt war.

Mitte Juni war einem Mann aus der Führungsriege der Hells Angels Berlin in Finowfurt fast das Bein abgehackt worden, einem anderen steckte eine abgebrochene Messerklinge im Rücken. Einen Monat später entdeckten Passanten in Eberswalde eine Handgranate unter dem Auto des Chefs der Barnimer Chicanos, einem Unterstützerklub der Bandidos.

Auch in Potsdam liegen zwei Rockerklubs über Kreuz. Die Hells Angels machen dem dort seit langem ansässigen Gremium Motorradclub (MC) die Geschäfte streitig. Anfang August fielen vor einem Lokal Schüsse, drei Gremium-Rocker wurden verletzt. Auch Christopher R. soll beteiligt gewesen sein. Bei einem Racheakt einige Stunden später wurde ein Mitglied der Hells Angels in der Stadt aus seinem Auto gezerrt und auf offener Straße verprügelt.

Ermittler warnen nun davor, dass die Landeshauptstadt samt Umland sich zum Zentrum von Rockerkriminalität und gewalttätiger Zusammenstöße entwickle. Denn wenige Kilometer weiter sitzen in Ludwigsfelde und Teltow-Fläming auch die Bandidos und deren Ableger, die Chicanos. Auch mit diesen lieferten sich Hells Angels schon Auseinandersetzungen.

Anfang vergangener Woche hat Brandenburgs Innenministerium mit den Chicanos in Barnim erstmals einen Rockerklub wegen dessen krimineller Machenschaften verboten. Die eskalierende Gewalt unter den Rockerklubs war am Dienstag auch Thema im Innenausschuss des Potsdamer Landtags. CDU-Innenexperte Sven Petke forderte ein gemeinsames Handeln der Polizei in Berlin und Brandenburg. „Wenn die Entwicklung nicht gestoppt wird, werden wir bald Opfer unter Unbeteiligten haben“, sagte er. Die Lage sei dramatisch und das Vereinsverbot gegen die Chicanos lediglich ein „Teilschritt“. Der Druck müsse deutlich erhöht werden. Von der Opposition, aber auch von Polizei und Innenministerium hieß es, schon jetzt arbeiteten die Behörden beider Länder eng zusammen.

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