• Villa Herpich in Potsdam: Wo Stalin polterte und Models posierten

Villa Herpich in Potsdam : Wo Stalin polterte und Models posierten

Die Villa Herpich am Griebnitzsee ist in Potsdam vor allem als Stalinvilla bekannt. Erstmals ist sie am Tag des offenen Denkmals zur Besichtigung geöffnet

Wuchtig, aber zurückgenommen. Architekt Grenander baute schon zaghaft modern.
Wuchtig, aber zurückgenommen. Architekt Grenander baute schon zaghaft modern.

Potsdam - Das große Büfett war den Russen vermutlich zu schwer. Oder zu sperrig. Oder einfach zu fest in der soliden Wandvertäfelung verankert. Das war sein Glück: Das wuchtige Möbel, das im Speisezimmer der vornehmen Villa Herpich am Griebnitzsee eine ganze Wand einnahm, und zwei dazu passende kleinere Anrichten an den gegenüberliegenden Wänden haben Stalins damalige Säuberungsaktion überlebt. Sie sind das einzige originale Mobiliar, das der Genosse in Siegermanier nicht aus der Villa entfernen ließ, in der er während der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 Quartier nahm. Vielleicht befand er es auch als würdigen Rahmen, um hier wichtige Gäste zu empfangen. Alles andere aber flog raus, landete auf dem Müll oder wurde von den Russen mit Pferdewagen in den Wald gekarrt und abgekippt. Zuvor war Luise Herpich, Ehefrau des 1923 verstorbenen Haus-Erbauers Paul Herpich, kurzerhand aus ihrem Haus gejagt worden.

Mit vielen Babelsberger Häusern, die man für die Entourage der Konferenzteilnehmer brauchte, wurde damals so verfahren. Die vertriebenen Besitzer sahen von ihrem Eigentum – Möbel, Privatgegenstände, Kunst – meist nichts wieder. Viele von ihnen kamen ohnehin nicht mehr zurück und emigrierten wie Luise Herpich. Die russische Siegermacht blieb bis Mitte der 1950er-Jahre in dem abgeriegelten Gebiet, die Villa der Herpichs wurde vorübergehend sogar zu einer Pilgerstätte für Stalin-Verehrer. Anschließend kamen neue Nutzer: In die Villa zog zunächst die Babelsberger Akademie für Staat und Recht ein, später die Filmhochschule. Rektor Lothar Bisky hatte hier sein Büro.

Vielen Potsdamern ist das Haus noch als Stalin-Villa bekannt

Büros gibt es hier heute wieder. 1994 kaufte der Bauindustrieverband Berlin-Brandenburg das Anwesen, ein seit 1977 denkmalgeschütztes Haus. Das historische Erbe fand man charmant. Ein Statement, sagt Beate Bahr, Verbandssprecherin. Die Räume sind repräsentativ. Im Untergeschoss wird empfangen und getagt, in den Obergeschossen gibt es reichlich Platz für Büros.

Eine Tafel an der Außenwand, sichtbar auch von der Straße, erzählt in Kurzform die Geschichte von Stalins Aufenthalt 1945. Als Stalin-Villa ist das Haus vielen Potsdamern bekannt. Die Geschichte von Paul Herpich, der das Haus 1910/11 erbauen ließ, ist weniger präsent. Aber sie ist dem Haus, das zum größten Teil in der Original-Raumaufteilung erhalten ist, noch anzusehen. In vielen Details zeigt sich, wie man vor etwa 100 Jahren baute und wohnte. Erstmals kann das Gebäude jetzt zum Tag des offenen Denkmals besichtigt werden. Der Bauindustrieverband öffnet für Besucher Beletage und Garten. Dort findet zudem ein Kinderprogramm statt – selbstredend zum Thema Bauen, so Beate Bahr.

Die Villa atmet trotz seiner Wucht und Noblesse eine neue Leichtigkeit

Familie Herpich führte ein großes Pelzwarenhaus in Berlin. C. A. Herpich & Söhne hatte sich aus einem kleinen Kürschnerunternehmen heraus entwickelt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde daraus ein Großhandel und das Modekaufhaus in Berlin war für sein umfassendes Angebot an Pelzen berühmt – und den Service. Denn bei Herpichs wurde auch repariert und eingelagert. Außerdem gab es eine Teppichabteilung. Paul Herpich, geboren 1869, hatte also Geld und es zog ihn ins Grüne. In der damals entstehenden Villenkolonie Neubabelsberg kaufte er ein Grundstück in der Kaiserstraße und beauftragte den schwedischen Architekten Alfred Grenander mit dem Bau einer Familienvilla. Grenander galt als Anhänger der aufkommenden Moderne und hatte bis dahin vor allem U-Bahnhöfe, Brücken und Verwaltungsgebäude in Berlin geplant. Das Haus in Potsdam ist zwar als klassische Villa konzipiert. Aber eine gewisse Zurückhaltung ist ihm anzusehen, das riesige Gebäude atmet trotz seiner Wucht und Noblesse eine neue Leichtigkeit.

Schnörkellos, aber nicht schmucklos, sachlich, aber nicht ärmlich kommt es daher. Die Eingangstreppe verläuft fast unsichtbar, integriert in die äußere Kubatur des Hauses. Dann betritt man eine große Halle mit Kamin, Stuckdecke und textiler Wandbespannung. Ein kleiner Stutzen mitten an der Wand gehört zur modernen, zentralen Staubsaugeranlage. Im Keller stand der Motor, zur geräuscharmen Teppichpflege musste man nur noch einen Schlauch anschließen. Es gibt weiterhin Empfangs-, Herren- und Damenzimmer. Über ein repräsentatives Treppenhaus gelangt man zu den privaten Räumen im Obergeschoss. Links an das Haupthaus schließt sich ein kleinerer Flügel mit zweitem Treppenaufgang, Küche, Leutezimmer und Chauffeurswohnung an. Rechts am Haus eine Pergola, der Übergang in die Natur. Den einstigen Senkgarten vor dem Haus machten die Russen 1945 platt – zugunsten einer breiteren Auffahrt.

1959 hat ein Model vor dieser Kulisse posiert

Die schönste Seite der Villa ist dem See zugewandt. Von der Terrasse führt eine zweiflügelige Treppe in den Garten, der damals dreimal so groß war wie heute. Die neobarocke Gartenanlage mit geschwungenen Wegen und Hecken sollte spielerisch die acht Meter Höhenunterschied zum Ufer überbrücken. Den Garten, der mit dem Mauerbau 1961 brutal zerschnitten wurde, fand auch die Filmhochschule interessant: 1959 posiert in dieser bürgerlichen Kulisse ein Model. Da hieß die Kaiserstraße längst Karl-Marx-Straße. Und Paul Herpichs Geschichte schien damals weit weg.

Karl-Marx-Straße 27, geöffnet am 10. September von 14 bis 18 Uhr

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