• Vier Heimbewohner getötet: Das Warum bleibt unbeantwortet

Vier Heimbewohner getötet : Das Warum bleibt unbeantwortet

"Warum dürft ihr nicht mehr bei uns sein?": Die Gewalttat im Oberlinhaus trifft die Stadt mitten ins Herz und hinterlässt viele Fragen.

Marion Kaufmann
Trauernde legten am Thusnelda-von-Saldern-Haus Blumen und Briefe nieder. Auch eine Kerze wurde entzündet.
Trauernde legten am Thusnelda-von-Saldern-Haus Blumen und Briefe nieder. Auch eine Kerze wurde entzündet.Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Diese Frage, die sich immer stellt bei solch unbegreiflichen Taten, sie steht mit schwarzer Schrift auf einer weißen Tafel, die Oberlin-Mitarbeiter und -Bewohner vor dem Thusnelda-von-Saldern-Haus in Babelsberg abgestellt haben: „Gott, warum?“ „Warum dürft ihr nicht mehr bei uns sein? Mit uns lachen, mit uns weinen, mit uns leben? Die Welt ist über uns zusammengebrochen. Wir können es nicht begreifen“, steht da. Davor liegen Blumen.  

Begreifen kann am Donnerstagmorgen niemand, was sich im Oberlinhaus, jener traditionsreichen diakonischen Einrichtung im beschaulichen Babelsberg, in der Nacht zuvor zugetragen haben soll. Eines der schlimmsten Verbrechen, das Potsdam, ja ganz Brandenburg in den vergangenen Jahrzehnten neben der Entführung und Ermordung der beiden Jungen Elias und Mohamed 2015 erlebt hat. Eine 51-jährige Oberlin-Mitarbeiterin soll vier behinderte Menschen im Saldern-Haus, einer Wohneinrichtung für 65 Menschen mit schweren Behinderungen, mutmaßlich mit einem Messer getötet und eine weitere Bewohnerin, die notoperiert wurde, schwer verletzt haben. Warum?

Auch ein Polizeihund kam zum Einsatz.
Auch ein Polizeihund kam zum Einsatz.Foto: Ottmar Winter

Das Motiv ist unklar 

Diese Frage kann bis Donnerstagnachmittag niemand gesichert beantworten ohne in Spekulationen abzugleiten. Das Motiv ist unklar, Mordkommission und Staatsanwaltschaft ermitteln. Die Staatsanwaltschaft Potsdam beantragt einen Haftbefehl wegen Totschlags für die Frau, die noch Mittwochnacht festgenommen worden war. Der Tatvorwurf könne auf Mord erweitert werden, falls Mordmerkmale wie niedere Beweggründe oder Heimtücke erfüllt sind, heißt es. 

Am späten Nachmittag dann die Nachricht: Nach Vorführung beim Haftrichter wird die Frau in eine Psychiatrie eingewiesen. Es gebe „entsprechende Hinweise“ auf eine psychiatrische Erkrankung. „Die Opfer werden zurzeit gerichtsmedizinisch untersucht“, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Wilfried Lehmann am Nachmittag der Deutschen Presseagentur. Sie sollen nach unbestätigten Informationen schwere Schnittverletzungen an der Kehle aufgewiesen haben. „Zum Motiv, zum konkreten Ablauf haben wir noch keine Erkenntnisse“, so Lehmann. 

Frau soll ihrem Ehemann von den Taten berichtet haben 

Nach PNN-Informationen soll die Frau, die nach Angaben des „Spiegel“ seit mehr als 20 Jahren als Pflegehelferin bei Oberlin arbeitet, ihrem Ehemann von der Tat berichtet haben, als sie nach Hause kam, woraufhin dieser die Polizei informierte. Dies wollte die Staatsanwaltschaft zunächst nicht bestätigen. 

Auch PNN-Informationen, wonach die Opfer zwischen 31 und 56 Jahre alt sind, wurden öffentlich noch nicht bekanntgegeben. Nach Angaben des Oberlinhauses waren die vier Todesopfer langjährige Bewohner in der Einrichtung. Zwei von ihnen hätten seit ihrer Kindheit dort gelebt. 
Am Donnerstagmorgen ist die Polizei auf dem weitläufigen Gelände unterwegs, das an drei Straßen grenzt. Beamte tragen Kisten, offenbar mit Beweismaterial, aus dem Saldern-Haus zu einem Transporter der Kriminalpolizei. Auch ein Suchhund wird eingesetzt. 

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In der Nacht zu Donnerstag hingegen wirkte die Szene vor dem Oberlin-Campus surreal. Ab 22 Uhr gilt die Corona-Ausgangsbeschränkung in Potsdam, alles ist ruhig. Doch vor dem Eingang stehen um Mitternacht immer noch Pressevertreter, Fotografen, die auf Informationen warten. Die Kripo fährt vor und wieder weg. Notarztwagen stehen bereit, eine Person wird mit einer Trage aus dem Haus gefahren. Notfallseelsorger sind vor Ort. Bis etwa 2 Uhr nachts ist auf und vor dem Areal Bewegung, während die Stadt ringsherum längst schläft. 

"Die Tat trifft Potsdam, besonders Babelsberg, mitten ins Herz" 

Als am Donnerstagmorgen der Berufsverkehr Richtung Innenstadt anrollt, passieren immer wieder Passanten den Tatort. Eine der ersten, die Blumen ablegt, ist die Babelsberger SPD-Stadtverordnete Babette Reimers. „So etwas hätte man sich nicht vorstellen können“, sagt sie. Die Tat trifft Potsdam, besonders Babelsberg, mitten ins Herz. 

Oberlin mit seinen rund 2000 Mitarbeiter ist eine Institution, einer der größten Arbeitgeber der Stadt. „Es gibt keine Babelsbergerin, die nicht jemanden bei ,Oberlins’, wie wir sie hier nennen, kennt“, schreibt Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle (SPD), selbst Babelsbergerin, bei Twitter. „Diese Tat ist so erschütternd, verstörend, nah.“ 

Polizisten suchten die Umgebung nach Spuren ab.
Polizisten suchten die Umgebung nach Spuren ab.Foto: dpa

Das Oberlinhaus muss weiter funktionieren 

Das Oberlinhaus selbst lädt um 10 Uhr kurzfristig zu einer Pressekonferenz ins benachbarte Babelsberger Rathaus, das längst nicht mehr als solches genutzt wird. Die Arbeiterwohlfahrt betreibt dort einen Hort, vor Corona fanden hier Kulturveranstaltungen statt. Der Theologische Vorstand von Oberlin, der evangelische Pfarrer Matthias Fichtmüller, ringt um die richtigen Worte. 

Was zuerst? Trauer, Entsetzen, weiterarbeiten und – auch das ist zu spüren bei seinem Statement – die Sorge, dass das Haus jetzt für lange Zeit mit Negativschlagzeilen verbunden wird. Alles kommt an diesem Morgen zusammen. „Das hat uns die Beine weggehauen“, sagt Fichtmüller. Während der Pandemie habe es in dem betroffenen Haus nicht einen einzigen Corona-Fall gegeben. Jetzt müssten alle „weiter funktionieren“ und für die Menschen da sein. „Wir können uns noch gar nicht auf das Trauern konzentrieren“, sagt er und kündigt für den Abend eine Andacht in der Oberlinkirche an. 

Matthias Fichtmüller.
Matthias Fichtmüller.Foto: Ottmar Winter PNN

Viele Fragen sind offen 

Offen sind viele Fragen, auch in Richtung Oberlinhaus. Unklar ist, wie viele Betreuer und Bewohner zum Zeitpunkt des Geschehens vor Ort waren und ob die Beschuldigte schon früher durch Übergriffe oder psychologische Probleme aufgefallen ist. Auch stellt sich die Frage, ob es zu den Opfern ein besonderes Verhältnis gab – oder ob die Betreuung vor Ort im Rotationsprinzip geregelt ist. Oberlin-Sprecherin Andrea Benke sagte, man könne zu solch detaillierten Fragen keine Antworten geben und verwies auf die Ermittler. 

Die Potsdamer Tat erinnert an den Fall der Berliner Krankenschwester Irene B., die 2005 und 2006 in der Charité fünf Menschen mit einer Überdosis Medikamente tötete. Sie wurde 2007 zu lebenslanger Haft verurteilt, eine besondere Schwere der Schuld wurde nicht festgestellt.  

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Der Potsdamer Fall steht hingegen erst am Anfang. Sowohl was die Aufklärung, als auch was die Bewältigung und Trauerarbeit angeht. Auf das Warum wird es so schnell keine Antwort geben. (Mitarbeit: Henri Kramer, Alexander Fröhlich, Sabine Schicketanz)

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