Potsdam : Vergessenes Imperium

Die Fachhochschule Potsdam untersucht die Geschichte der Mühlen-Firma Kampffmeyer

Villa Kampffmeyer. 1924 wurde sie nahe der Glienicker Brücke erbaut.
Villa Kampffmeyer. 1924 wurde sie nahe der Glienicker Brücke erbaut.Foto: dapd

Mit dem Namen Kampffmeyer verbindet man vor allem die gleichnamige Villa am Tiefen See – doch die Unternehmerfamilie hat weitaus ältere Wurzeln in Potsdam. Sie lagen lange Zeit im Dunkeln, doch vor drei Jahren machte sich die Fachhochschule Potsdam daran, die „Akte Kampffmeyer“ zu lüften. Dabei habe sich „eine stolze Unternehmensgeschichte mit vielen Höhen und Tiefen“ offenbart, sagt Karin Schwarz, Archivwissenschaftlerin der FH Potsdam.

Etwa 100 Jahre – von der Unternehmensgründung 1883 bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts – haben die Potsdamer Wissenschaftler dabei aufgearbeitet. Potsdam, so Schwarz, sei die Keimzelle des Unternehmens gewesen, von dem aus die Familie Kampffmeyer ein ganzes „Mühlenimperium“ aufgebaut habe. Es begann 1922 erst richtig aufzublühen, und zwar mit dem Kauf der Potsdamer Dampfmühle – viele weitere Mühlen folgten. In den Jahrzehnten darauf weitete sich das Unternehmen auf ganz Deutschland aus, hatte Standorte in Celle, Mannheim und Köln. Dabei trat Kurt Kampffmeyer senior oft als Investor auf: „Er kaufte vorwiegend recht marode Mühlen, die er dann auf den neuesten technischen Stand brachte“, sagt Schwarz. Seine internationalen Handelsbeziehungen im Getreideimport und -export halfen Kampffmeyer dabei auch über die Wirtschaftskrise hinweg. Anfang der 30er Jahre, als sich das Mühlenimperium schon bis nach Rumänien ausbreitete, gehörte Kampffmeyer zu den größten deutschen Mühlenunternehmen.

Für die Aufarbeitung der Firmengeschichte suchte die FH auch nach ehemaligen Mitarbeitern – und wurde fündig: „Wir haben nicht nur hier in Potsdam und Umgebung Zeitzeugen gefunden, sondern auch in Hamburg und im Rheinland“, berichtet Schwarz. Diese halfen den Wissenschaftlern nicht nur mit ihren Erinnerungen, sondern auch mit aufbewahrten Materialien bei ihrer Spurensuche. Dazu gehörten auch Dokumente über die Flucht ehemaliger Mitarbeiter nach Berlin oder nach Westdeutschland Anfang der 50er Jahre. 1952 wurde Kurt Kampffmeyer junior nämlich von der DDR zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Begründung: „Steuerhinterziehung“. Der Firmenchef war zu diesem Zeitpunkt aber bereits nach Westdeutschland geflüchtet, ebenso wie alle leitenden Mitarbeiter. Nur einer von ihnen schaffte es nicht und verbrachte in der DDR mehrere Jahre im Gefängnis, unter anderem auch im Potsdamer Stasi-Gefängnis in der Lindenstraße. Das Mühlenwerk an der Leipziger Straße wurde kurz darauf enteignet und zu einem Volkseigenen Betrieb (VEB) umgewandelt.

Dabei waren die Kampffmeyers keineswegs „Erzkapitalisten“, eher im Gegenteil: „Man kann sehen“, so Schwarz, „dass alle drei Generationen, die das Familienunternehmen führten, zum einen bestrebt waren, ihr Unternehmen aufrecht zu erhalten, aber gleichzeitig immer den Anspruch hatten, als ‚ehrbare Kaufmänner’ zu agieren und moralische Werte zu leben.“ Vor allem Dokumente aus der Nachkriegszeit belegten, dass die Firma sich etwa für die Nahrungssicherung der Bevölkerung engagiert habe, so Schwarz. Außerdem war Kurt Kampffmeyer senior, der die Firma in den 30er und 40er Jahren leitete, kein Mitglied der NSDAP: „Wir haben sehr viele Quellen gefunden, in denen sich viele jüdische Mitarbeiter in Briefen bei Kurt Kampffmeyer bedankt haben, dass er sie während der Kriegszeit unterstützt und möglichst nicht entlassen hat“, sagt Schwarz.

Nach der Flucht aus der DDR verlegte Kampffmeyer seinen Firmensitz nach Hamburg. Heute gehört Kampffmeyer zur Hamburger VK Mühlen Aktiengesellschaft, die fast 1000 Mitarbeiter beschäftigt und einen Jahresumsatz von 744 Millionen Euro hat. Einen ausführlichen Einblick in die Unternehmensgeschichte soll es im Herbst geben – dann wird die Untersuchung der FH abgeschlossen sein.

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