Potsdam : Verblüht

Seit sieben Jahren gibt es die Regionalwährung Havelblüten: Die Initiatoren erhofften sich davon eine Stärkung der regionalen Wirtschaft. Durchgesetzt hat sich das Alternativgeld aber nicht

Lukas Berg
Echte Blüten. Für die Regionalwährung Havelblüten läuft es nicht so gut.
Echte Blüten. Für die Regionalwährung Havelblüten läuft es nicht so gut.Foto: A. Klaer

Uwe Kellermann steht hinter der Käsetheke seines Bioladens in Babelsberg. Er sei eigentlich der letzte Händler in Potsdam, der noch mit der Regionalwährung „Regio Havelblüte“ handele, sagt er. Doch einen richtigen Handel gäbe es ohnehin schon lange nicht mehr. Er nutze die Havelblüten mittlerweile als Rabattmarken für Kunden, ein Spaßprodukt für mehr Kundenbindung. Es ist eine ernüchternde Bilanz des vor sieben Jahren so ambitioniert gestarteten Projekt.

Kellermann war einer der Hauptinitiatoren, als die Regionalwährung im Juni 2006 an den Start ging. Mit dem alternativen Geld wollte man die regionale Wirtschaft im Zeitalter der Globalisierung stabilisieren. Man erhoffte sich eine Stärkung des Gemeinschaftsgefühls und mehr Arbeitsplätze durch einen ständigen Warenaustausch. Eine ständige Zirkulation innerhalb der Region sollte die ortsansässigen Betriebe fördern. Eine Havelblüte erhielten die Kunden damals zum Preis von einem Euro. Das Konzept schien aufzugehen: 2010 zählte der Havelblüten-Verein potsdamweit rund 100 aktive Unternehmen, die die Regionalwährung akzeptierten. Mehr als 60 000 Havelblüten sollen damals im Umlauf gewesen sein.

Viel geblieben ist davon nicht mehr: Zwar verzeichnet die Teilnehmerliste auf der Internetseite noch 68 Havelblüten-Anhänger – darunter neben Geschäften auch Arztpraxen oder Musiklehrer. Beim Besuch im Spieleladen „Galadriel“ in der Dortustraße, neben Kellermanns Bioladen „Q Regio“ einer von drei noch existierenden Servicestellen, in denen die Regionalwährung ausgegeben wird, stößt die Frage nach dem Alternativgeld auf Verwunderung. Danach habe schon lange niemand mehr gefragt, erklärt der Verkäufer. Nach einer kurzen Suche in mehreren Schubladen schüttelt er den Kopf: „Wir haben leider keine Scheine mehr, die aktuell gültig sind“, sagt er. Der letzte Havelblüten-Kunde sei vor geschätzt zwei Jahren gekommen.

Auch Kellermann ist diese Situation bewusst. Er schaut aus dem Fenster, erzählt von den Hoffnungen, die er und seine Mitstreiter hatten mit den Havelblüten.

Schön sehen sie immer noch aus. Auf den Scheinen zu Beträgen von einem, zwei, fünf, zehn oder 20 sind jeweils die Blüten einer typischen Nutzpflanze aus Brandenburg dargestellt: Kartoffeln, Gurken, Apfel, Spargel, Kirsche. Damit die Idee funktioniert, schätzten die Initiatoren beim Start, müssten sich allerdings rund 500 Unternehmen beteiligen.

Das Geld unter die bodenständigen Bauern zu bringen, sei schwierig gewesen, erzählt Kellermann. Ihnen hätte die Zeit gefehlt, Verständnis für diese Idee und das Projekt aufzubringen. Mit Havelblüten konnten sie ja keinen Mechaniker bezahlen, wenn ihre Geräte kaputt gingen. Auch die großen Geschäfte hätten gar nicht die Chance, sich mit der neuen Währung zu befassen, bilanziert Kellerman. Seitdem sein Bioladen größer geworden ist, könne er das auch besser nachvollziehen. Das Tagesgeschäft läuft mit dem Euro. Eine Supermarktkette könne die Angestellten auch nicht mit einer offiziell nicht anerkannten Währung bezahlen, sagt er.

Mit dem etablierten Urstromtaler aus Sachsen-Anhalt und dem Steintaler aus Bad Belzig kam es im Jahr 2010 zu einer überregionalen Fusion der Havelblüte zum „Regio“. Kellermann erhoffte sich dadurch einen größeren Kundenstamm, eine Belebung für die Regionalwährung. Schließlich konnte man jetzt mit dem Alternativgeld auch anderswo bezahlen. Aber die Nachfrage ging trotzdem immer weiter zurück.

Etwa 20 000 Regios seien heute im Umlauf, schätzt Kellermann. Er klingt ernüchtert. Die Fusion habe den Rückgang nicht aufhalten können. Er habe sich auch von größeren Unternehmen mehr Zuspruch erhofft: von den Potsdamer Verkehrsbetrieben zum Beispiel. Sie hätten ein Motor für die Regionalwährung werden können, glaubt Kellermann. Aber seine Anfrage sei erfolglos geblieben.

Noch Anfang 2012 hatte sich die „BB Regio Genossenschaft“ gegründet, die die eingeschlafene Währung wiederbeleben und auch Mikrokredite für Kleinunternehmer und Selbstständige anbieten wollte. Aber auch diese Initiative verlief im Sande.

Heute benutzt der Biohändler Kellermann die Währung zur Kundenbindung – nach einem ähnlichen System wie große Handelsketten die Kundenkarten: Man erhält bei ihm 105 Regios für 100 Euro – es gibt also fünf Euro Rabatt. Kellermann glaubt mittlerweile zu wissen, wo das Problem bei der Einführung der Regionalwährung gelegen hat: Man sei eine Gruppe von kleinen Individualisten gewesen – Spieleläden, Biomärkte, einige Dienstleister. Um die Idee durchzusetzten, brauche man aber den Rückhalt ganzer Kommunen.

Ganz abgeschrieben hat Uwe Kellermann die Idee trotzdem nicht. Wenn es zu einer neuen Wirtschaftskrise kommen würde, hätten die Regionalwährungen möglicherweise eine Chance, meint der Händler. Er wird dann sicherlich noch einen Versuch starten, die Havelblüten zu etablieren.