• US-Wahl 2020: „Wählen ist in den USA kein Spaziergang“ 

US-Wahl 2020 : „Wählen ist in den USA kein Spaziergang“ 

Die US-Wahl 2020 ist noch nicht entschieden. Die Welt schaut gebannt zu - auch in Potsdam. Uns haben hier lebendende Amerikaner erzählt, wie sie die aktuelle Situation erleben.

Foto: Kay Nietfeld/dpa (Symbolbild)

„Ich freue mich, wenn ich Trumps Stimme nicht mehr hören muss“ 

„Selbstverständlich habe ich gewählt, vor etwa sechs Wochen per Briefwahl in Maine. Das wäre fast schief gegangen, beim Öffnen des Umschlags mit den Unterlagen habe ich etwas zerrissen. Ich habe dann bei einer Stelle angerufen und gefragt, was ich machen soll und ich konnte dann trotzdem wählen. Gottseidank.  

Ich habe natürlich nicht Trump gewählt. Nach der Wahl habe ich bestimmt 30 Stunden nicht geschlafen, ich saß immer vor dem Fernseher. Zunächst sah es schlecht aus für Biden, jetzt ist es besser, aber noch ist nichts endgültig entschieden. Und die Spaltung im Land, die bleibt ja weiter bestehen, egal wie es ausgeht. Ich mache mir wirklich Sorgen, dass es Unruhen geben wird. Trump ist so erfolgreich, weil er eine große Klappe hat und sagt, ich bin einer von euch, dabei ist er das gar nicht. Er verkörpert Rassismus, Xenophobie und Frauenfeindlichkeit. Der Ausgang der Wahl hat für mich keine praktische Auswirkung, ich werde allerdings etwas ruhiger schlafen und freue mich, wenn ich Trumps Stimme nicht mehr hören muss.“ 

Nikki Bernstein
Nikki BernsteinFoto: privat


Nikki Bernstein lebt seit 1979 in Deutschland und arbeitet als Regisseurin für Kinder- und Jugendtheater im Offenen Kunstverein Potsdam. Sie ist 62 Jahre alt. 


„Wählen in den USA kein Spaziergang“ 

„Meine Frau und ich haben per Briefwahl in Arizona gewählt. Das funktionierte sehr gut, per E-Mail. Briefpost wäre auch möglich gewesen, aber das war uns zu unsicher. Wir haben Biden gewählt. Ich denke, er wird gewinnen. Aber dass es doch so eng ist – das finde ich besorgniserregend. Das hatten wir schon vor vier Jahren und jetzt wieder. Warum? Die Menschen sind schlecht informiert, die Medien sind nicht objektiv, nicht neutral. Dazu kommt das schlechte Bildungssystem. Gute Bildung ist teuer, staatliche Colleges werden immer schlechter finanziert. Es fehlt eine Mitte wie in Deutschland. In den USA werden die Menschen immer mehr an den Rand gedrückt. Und entwickeln dann extreme Meinungen. Da geht mittlerweile ein sehr sehr großer Riss durch die Gesellschaft. Das war in den 80ern noch nicht so. Da war die Chancengleichheit zum Beispiel in der Bildung viel größer. Dazu kommt, dass die Menschen gerade im Ländlichen kaum global denken. Die Wahrnehmung ist viel direkter. Für ihr Sicherheitsbedürfnis brauchen sie also eine Waffe im Haus. Und wenn sie krank sind, gehen sie lieber in die kostenlose Notaufnahme statt monatliche Raten für eine Krankenversicherung zu zahlen. 

Für mich bedeutet Sicherheit zum Beispiel, dass meine Kinder hier in Potsdam alleine mit dem Fahrrad zur Schule fahren können. Einfach so. Das ist doch großartig. 

Aber Amerika tickt nun mal so. Vor einigen Jahrzehnten konnten nicht mal die Frauen oder die Schwarzen wählen. Da hat sich schon was getan. Aber bis heute ist Wählen in den USA kein Spaziergang. Insofern ist es immerhin großartig, dass so viele die Briefwahl nutzten. Die hohe Wahlbeteiligung ist ein positiver Effekt. Der Ausgang der Wahl hat keine direkte Auswirkung für uns. Aber ich weiß von einigen, die wegen Trump die USA verlassen haben oder verlassen werden, sollte er doch gewinnen.“ 

Sydney A. Barnes ist Astrophysiker am AIP, Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam. Er ist 53 Jahre alt und lebt mit seiner Familie seit 2012 in Potsdam in Deutschland. 

Foto: Stefan Gloede

„Sozialismus, Kommunismus und den Nazis – das ist für viele dasselbe“. 

 „Ich habe meine Briefwahl schon im September nach Kalifornien geschickt. Das war überraschend einfach, Kalifornien ist ja auch demokratisch, ich bekam sogar Anrufe und Nachfragen, ob alles geklappt hat. Das läuft aber nicht überall so, allgemein waren die Versuche, die Wahl zu unterdrücken, in diesem Jahr besonders heftig. 

Die Wahl wird wohl für Biden ausgehen. Selbst falls in einigen Staaten noch mal gezählt werden muss, sollte das nichts am Ergebnis ändern. Das ist natürlich eine große Erleichterung, auch wenn es für mein Leben direkt keine Auswirkung hat. Ich lebe sehr gerne in Deutschland. Im Vergleich dazu ist das Gesundheits- und Bildungssystem in den USA katastrophal. Die Begeisterung für Trump kann ich mir auch nur schwer erklären. In den USA wird eben gerne polarisiert. Dazu kommt die Angst vor Sozialismus, Kommunismus und den Nazis – das ist für viele dasselbe. Diese Angst ist aus den 50er Jahren geblieben und wurde jetzt von Trump aufgegriffen und genutzt. Ich würde übrigens auch gerne in Deutschland wählen, wo ich lebe, aber das darf ich nicht.“ 

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Nathan Plante lebt seit 15 Jahren in Deutschland und arbeitet als Solo-Trompeter bei der Kammerakademie Potsdam. Er ist 38 Jahre alt. 


„Das Land hat eine Menge irrationale Züge“ 

„Ich bin zwar kein Amerikaner, fühle mich aber emotional betroffen und möchte, dass diese Freakshow endlich ein Ende hat. Leider wird sich selbst mit Biden nicht viel ändern. Ich hätte immerhin ein Gefühl der Befreiung. Aktuell sitze ich viel vor dem Fernseher, ist ja noch immer spannend. Wenn sich etwas in einem County ändert, kann das plötzlich ist das ganze Ergebnis umwerfen und die Wahlmänner gehen woanders hin. Dass ein Wahlmann nicht nach Partei abstimmt, ist übrigens bisher sehr selten vorgekommen, die Abstimmung ist meines Wissens auch nicht geheim. 

Falls Trump weitermacht, habe ich mir vorgenommen, mich dem Medieninput zu entziehen. Diese Mimik und Gestik, seine Aussagen – das halte ich nicht mehr aus. Andererseits ist er eben wichtig, er ist Präsident, Parteivorsitzender, höchster Kriegsherr, ranghöchster Diplomat – er kann in dieser Ämterhäufung jede Menge Mist bauen, hat er ja auch. Dass er bei vielen Schwarzen und Exilkubanern dennoch so beliebt ist, ist mir völlig unverständlich. Das Land hat eine Menge irrationale Züge. Manches ist natürlich historisch erklärbar: das Recht auf Waffenbesitz zum Beispiel. Und in vielen Familien wird aus Tradition seit Generationen strikt republikanisch gewählt.“ 

Rainer Schnoor war bis 2007 Dozent für Geschichte und Kulturgeschichte der USA am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Potsdam. Er ist 75 Jahre alt. 


Die vier Protokolle wurden von Steffi Pyanoe ausgeschrieben.

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