• Upcycling-Award für Potsdamerin: Der schöne Rest

Upcycling-Award für Potsdamerin : Der schöne Rest

Johanna-Magdalena Kruse aus Potsdam hat eine Jacke aus Stoffresten gefertigt und einen Designer-Preis dafür bekommen. Die Jacke gehört nun zu einem Klamottenfundus und wird vermietet.

"Wir schmeißen zu viel weg", sagt Bekleidungstechnik-Studentin Johanna-Magdalena Kruse.Alle Bilder anzeigen
Foto: privat
16.02.2016 21:50"Wir schmeißen zu viel weg", sagt Bekleidungstechnik-Studentin Johanna-Magdalena Kruse.

Potsdam - Die Italiener haben es vorgemacht: „Modateca Deanna“ ist eine Börse, auf der Designereinzelstücke gegen Gebühr ausgeliehen oder gekauft werden. Das Besondere daran: Die Teile entstehen aus textilen Resteschnipseln, Upcycling statt Recycling heißt das Motto. Jetzt soll es so etwas auch in Deutschland geben und Potsdam ist mitten drin. Die Designerin Hedwig Bouley aus Bayern möchte mit den lpj-Studios in München ein Label für recycelte Designerstücke aufbauen, die man sich dann – ganz nachhaltig – nach Bedarf ausleihen kann. Unter die ersten Stücke der exklusiven Sammlung hat es auch ein Kleidungsstück der Potsdamerin Johanna-Magdalena Kruse geschafft.

Es ist eine Upcycling-Jacke im Uniformstil. Kruse schneiderte das Teil im Rahmen ihres Masterstudiengangs Bekleidungstechnik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Der Auftrag des Forschungsprojekts lautete, aus textilen Resten, wie sie tonnenweise auf Stoffmessen anfallen, ein Kleidungsstück zu produzieren. Die Stoffteile sollten dabei nicht nur als zierendes Beiwerk verwendet werden, sondern tatsächlich tragenden Funktion haben. 100 Prozent Recycling eben. Aus den Näharbeiten der Studenten mehrerer Hochschulen Deutschlands wurde schließlich Kruses Jacke von einer Designer-Jury mit einem Preis, dem sogenannten Upcycling Award, gekürt.

Vielleicht trägt jemand die Upcycling-Jacke zur nächsten Berlinale?

„Ich wusste gar nichts davon“, sagt Kruse. Der Preis habe sie total überrascht. Natürlich hat sie sich gefreut. Für sechs Wochen Arbeit gibt es nun eine Einladung zu einer großen Stoffmesse in München. „Das ist gut zum Vernetzen, zum Knüpfen von Kontakten“, sagt sie. Und es tröstet etwas darüber, dass ihr Designerstück, ein absolutes Unikat, nun nicht mehr ihr gehört – sondern der Kleider-Börse, den lpj-Studios. „Vielleicht trägt es ja mal jemand zur nächsten Berlinale“, sagt sie.

Dass sie heute so viel Interesse und Gespür für ihr Studienfach hegt, hatte sie anfangs nicht erwartet. Nach dem Abitur war Kruse zunächst unsicher, wohin es gehen sollte. Zwei Jahre Auszeit gönnte sie sich in Australien. Und entdeckte dort ihre Kreativität, sie arbeitete als Schmuckdesignerin. Zurück in Potsdam lernte sie Herrenmaßschneiderin. Die Prüfung legte sie vor Volkmar Arnulf ab, Obermeister der Schneiderinnung und Inhaber eines renommierten Ateliers in Potsdam. Drei Tage später wusste Johanna-Magdalena Kruse, dass sie nicht ewig Schneiderin bleiben, sondern studieren wollte. Sie entschied für das Fach Bekleidungstechnik / Konfektion. Weil es eben doch nicht nur auf das Design ankomme, sondern darauf, dass etwas auch tragbar ist. Denn auch das gehöre zum Nachhaltigkeitsgedanken: Dass man weniger kauft und weniger wegwirft.

Genau hinschauen, was man kauft

„Wir überlegen heute nicht mehr, in welcher Farbe wir ein T-Shirt kaufen, sondern in welchen Farben. Weil es eben nur noch zwei Euro das Stück kostet“, sagt Kruse. Ein Stück zu finden, das tatsächlich ohne Kinderarbeit und umweltverträglich hergestellt ist, sei heute fast unmöglich. Auch weil kaum jemand bei den vielen Öko-Zertifikaten, die es durchaus gibt, durchblickt. „Liest und überprüft man das tatsächlich?“, fragt sie sich. Während man als Verbraucher kaum auf den Markt und die Herstellungsgepflogenheiten Einfluss nehmen kann – „das muss politisch angegangen werden“ – sei es umso wichtiger, sein eigenes Verhalten zu ändern. Genau hinzuschauen, was man kauft, Kleidungsstücke, die man nicht mehr trägt, zu ändern, zu tauschen, wieder zu verwerten. Internetforen wie Kleiderkreisel, auf denen Textilien getauscht werden, sind gerade bei jungen Leuten sehr angesagt. Und sie appelliert: Was man gar nicht mehr braucht, gehört keineswegs in den Restmüll, sondern in die Kleidersammlung. Was nicht mehr tragbar ist, wird zu Putzlappen, Teppichen oder textilen Füll- und Dämmstoffen verarbeitet. Nur so, sagt sie, kann der Verwertungskreislauf funktionieren.

Die vielen Bücher mit hochwertigen Stoffproben, die die Hersteller für ihre Kunden anfertigen, wären allerdings zu schade für die Tonne. Aus ihnen kann man wunderbare Dinge herstellen, sagt Kruse. Beim Uni-Projekt bekam jede Studentin ein willkürliches Häufchen Reste vorgelegt, eine Extraherausforderung. Kruse analysierte die Proben, überprüfte die Stoffeigenschaften und entwarf dazu einen passenden Schnitt. „Ich bin sehr stolz, dass ich als Technikerin den Preis gewonnen habe und nicht jemand vom Design-Studiengang“, sagt sie.

Nach ihrem Studium, das sie im Sommer abschließt, würde sie gern in der Produktentwicklung arbeiten – oder als Gewandmeisterin im Theater. „Ich möchte gern in Potsdam bleiben.“

 

 

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