• Untreue-Verdacht in der Potsdamer Schlösserstiftung: Hausgemachte Missstände

Untreue-Verdacht in der Potsdamer Schlösserstiftung : Hausgemachte Missstände

Die Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt gegen fünf Mitarbeitende. Personelle Verflechtungen haben die mutmaßlichen Betrugsfälle offenbar begünstigt. Den Schaden schätzt die Stiftung auf eine Million Euro.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen fünf Personen wegen des Verdachts der Untreue in der Schlösserstiftung. 
Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen fünf Personen wegen des Verdachts der Untreue in der Schlösserstiftung. Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Der Untreue-Verdacht in der Schlösserstiftung zieht offenbar weitere Kreise, als zunächst bekannt. Die Staatsanwaltschaft Neuruppin hat ihre Ermittlungen von drei auf mittlerweile fünf Personen ausgeweitet. Das bestätigte Oberstaatsanwalt Frank Winter. Im Februar war öffentlich geworden, dass der Material-Disponent des Schirrhofes – der Bauhof der Schlösserstiftung – über viele Jahre mit Stiftungsgeld Werkzeug, Maschinen und Baumaterial bestellt haben soll. Dieses verkaufte er dann offenbar an Kollegen weiter und behielt das Geld. Erstmals nannte die Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten (SPSG) nun auf PNN-Nachfrage eine Summe: Auf eine Million Euro beziffert die Stiftung den Schaden. Ermittelt wird über einen Zeitraum von zehn Jahren. Aufgeflogen war das Ganze, weil eine Rechnung keinem Vorhaben zugeordnet werden konnte. 

Jahrelang kommissarische Leitung

Der mutmaßliche Betrug mit Stiftungsmitteln und damit letztendlich Steuergeld, das zeigen PNN-Recherchen, scheint durch personelle Entscheidungen und Verflechtungen begünstigt worden zu sein. So war der Bereich Baudenkmalpflege und Liegenschaften, zu dem der Schirrhof gehört, über mehrere Jahre nur kommissarisch besetzt. Der langjährige Stelleninhaber fiel krankheitsbedingt über lange Zeit aus. Innerhalb der Abteilung erhoben mehrere Mitarbeiter den Vorwurf, der ab 2015 eingesetzte Vertreter lasse wichtige Aufgaben unerledigt, kehre Probleme unter den Teppich. Ab 2018 folgte, wiederum kommissarisch, der Leiter des Schirrhofs. Und das, so sehen das mehrere aktuelle und ehemalige Mitarbeiter, obwohl er dafür nicht ausreichend qualifiziert war. Der gelernte Maurer sei nicht in der Lage gewesen, die personell größte Abteilung zu führen – zumal viele seiner Untergebenen als Architekten oder Ingenieure höher qualifiziert waren.

Über den Schirrhof sollen sich Mitarbeiter jahrelang privat Baumaterial und Werkzeug auf Stiftungskosten beschafft haben. 
Über den Schirrhof sollen sich Mitarbeiter jahrelang privat Baumaterial und Werkzeug auf Stiftungskosten beschafft haben. Foto: Ottmar Winter PNN

Für Unzufriedenheit sorgte zusätzlich, dass der Mann zeitgleich auch Personalratsvorsitzender war. Eine „unglückliche Verquickung“, sagt ein Mitarbeiter. Denn wer melde schon Probleme an den eigenen Vorgesetzten? „Dann darf man sich nicht wundern, wenn es Untreue gibt und keiner merkt es oder drückt die Augen zu“, sagt jemand, der nicht mehr für die Stiftung arbeitet. 

Ein mittlerweile verstorbener Mitarbeiter übte auch schriftlich Kritik an den Besetzungen der Führungsposition. „Wer ungeeignetes Personal zur Bewältigung der gestellten Aufgaben einsetzt“, schrieb er 2017 an den damaligen Stiftungschef Hartmut Dorgerloh, „trägt für das absehbare Misslingen die volle persönliche Verantwortung“. 

Meldung ans Ministerium

Der Mitarbeiter meldete dies im Sommer 2018 auch beim zuständigen Kultur- und Wissenschaftsministerium. „Die dort geschilderten Vorfälle sind im Rahmen der Rechtsaufsicht mit der SPSG geklärt worden“, sagte Ministeriumssprecher Stephan Breiding auf Anfrage. Geändert hat sich dadurch offenbar wenig. Jener Mitarbeiter, der den Missstand meldete, sei wenig später kurz vor der Rente beurlaubt worden, heißt es aus Stiftungskreisen. Die kommissarische Leitung der Abteilung hatte der genannte Handwerker aber noch bis Anfang 2020 inne. 

Die Frage, wie ein Betrug in einer solchen Höhe und über so viele Jahre unentdeckt bleiben konnte, treibt viele Mitarbeiter bis heute um. Mit der Aufarbeitung waren, neben den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, auch die Generalverwaltung mit der Innenrevisorin sowie externe Wirtschaftsprüfer betraut. Deren Abschlussbericht, so teilte Stiftungssprecher Frank Kallensee mit, sei im Juni vorgelegt worden. Eine der Schlussfolgerungen: „Die von der SPSG eingerichteten Kontrollmechanismen, um Untreuehandlungen von vornherein zu unterbinden, haben im Bereich Beschaffungswesen auf dem Schirrhof nicht gegriffen.“

Ein "Selbstbedienungsladen"

Das, so mutmaßen Mitarbeiter, könne auch daran gelegen haben, dass in vielen Bereichen offenbar auf Vertrauen gesetzt wurde – und Kontrolle ausblieb. Auch über jene aktuellen oder ehemaligen Mitarbeiter, gegen die nun ermittelt wird, hinaus war es wohl gang und gäbe, sich private Anschaffungen über den Umweg der Stiftung zu besorgen. Einen „Selbstbedienungsladen“ hatte ein Mitarbeiter die Praxis im Februar genannt. 

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Über die Frage, wie gründlich die Missstände aufgearbeitet werden, scheiden sich die Geister auch intern. „Das wird sehr intensiv untersucht, da ist richtig Zug reingekommen“, schilderte ein Mitarbeiter seinen Eindruck. Die dadurch offensichtlich gewordenen Probleme würden „gewissenhaft abgearbeitet“. Dem Material-Disponenten und einem Mitarbeiter wurde nach PNN-Informationen gekündigt, der Leiter des Schirrhofes intern versetzt. Im Personalrat ist er bis heute. 

Verhaltenskodex und E-Rechnungen

Die Stiftung will sich zu Personalfragen nicht äußern. Sprecher Kallensee listet unter den gezogenen Konsequenzen neben Schulungen für Beschäftigte auch eine Bestandsaufnahme über die Beschaffungsabläufe und einen Verhaltenskodex zur Korruptionsprävention auf. Bereits vor dem Verdachtsfall habe man einen zentralen Rechnungseingang eingeführt und arbeite nun an der vollständigen Einführung eines elektronischen Rechnungssystems. 

Doch nicht alle glauben an eine echte Aufarbeitung. „Wie soll eine Innenrevisorin, die selbst mit dem früheren Schirrhof-Chef im Personalrat sitzt, das aufklären?“, fragt ein ehemaliger Mitarbeiter. Wegen diesem „Sumpf“ habe er die Schlösserstiftung verlassen. 

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