• Ungewöhnliches Potsdamer Bauwerk : Rauchwolkensuche auf dem Kleinen Ravensberg

Ungewöhnliches Potsdamer Bauwerk : Rauchwolkensuche auf dem Kleinen Ravensberg

Der Turm auf dem Kleinen Ravensberg scheint geheimnisvoll. Noch bis 2009 hielten dort Menschen Ausschau nach Waldbränden.

Verlassen steht der 35 Meter hohe Turm im Wald.
Verlassen steht der 35 Meter hohe Turm im Wald.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Wer einen Spaziergang durch die Wälder südlich der Waldstadt unternimmt und die Steigung des Kleinen Ravensberges nicht scheut, der steht irgendwann vor einem ungewöhnlichen Bauwerk: Ein schlanker, mit weiß-grauen Asbestplatten verkleideter Turm mit überdachter Kanzel, mitten im Wald, ohne einen Hinweis auf seine Funktion. Nicht wenige fragen sich, was es mit dem 35 Meter hohen Turm auf sich hat, den man auch von der Innenstadt aus sehen kann. „Einmal da oben stehen, das wäre wohl die beste Aussicht auf Brandenburg, bis nach Berlin“, schwärmt der User „elMorres“ in einer Rezension auf Google Maps.

Tatsächlich handelt es sich bei dem Bauwerk, das sich auf der Spitze des 116 Meter hohen Kleinen Ravensberges befindet, um einen Feuerwachturm. Die Sensoren, mit denen die Umgebung kilometerweit erfasst werden kann, dienen der Früherkennung und Lokalisierung von Waldbränden. Doch würde dafür nicht ein einfacher Mast reichen? Warum ein so großer Bau? „Der Turm war früher immer durch einen Mitarbeiter besetzt“, sagt Raimund Engel, Waldbrandschutzbeauftragter vom Landesbetrieb Forst Brandenburg. „Er war einer der letzten Feuerwachtürme in Brandenburg, die manuell besetzt waren, das endete erst 2009.“ Ein sehr einsamer Job: Sobald eine erhöhte Waldbrandstufe ausgerufen wurde, mussten ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin des Forstamtes zum Ravensberg, die über 30 Meter hohe Treppe des Turms erklimmen und dort bei brütender Hitze die Umgebung beobachten.

Rauchwolke mit Peilscheibe anvisiert

Über ein Telefon konnte die Leitstelle über verdächtige Rauchwolken am Horizont informiert werden. Um diese zu lokalisieren, nutzten die Mitarbeiter:innen in der Kanzel eine 360-Grad-Peilscheibe: „Diese Scheibe hatte eine Art Vorrichtung, mit der man die Rauchwolke wie über Kimme und Korn anvisieren konnte. Dann hat man die entsprechende Gradzahl abgelesen und per Telefon durchgegeben“, sagt Engel.

Ähnlich rustikal ging es bis vor 20 Jahren auch noch in der Waldbrandzentrale in Königs Wusterhausen zu, wo die Informationen der verschiedenen Feuerwachtürme zusammenliefen: An einer großen Wandkarte, auf der das gesamte Zuständigkeitsgebiet eingezeichnet war, wurde ausgehend vom Standort des Feuerwachturms, der eine Rauchwolke gemeldet hatte, ein Bindfaden in die entsprechende Richtung gezogen. „Dann hat man einen benachbarten Turm angerufen und gefragt: Siehst du auch etwas?“, so Engel. War dies der Fall, wurde ein weiterer Bindfaden gezogen – wo sich die Fäden kreuzten, da war der Brand. „Dann konnte man die Feuerwehr anrufen und den Ort übermitteln“, sagt Engel. Ab 2002 übernahm das kameragestützte Waldbrandfrüherkennungssystem „Fire Watch“ diese Aufgabe, die Türme wurden mit Sensoren ausgestattet.

Schon nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein Wachturm errichtet

Auf dem Kleinen Ravensberg wurde bereits nach dem Zweiten Weltkrieg ein Feuerwachturm errichtet, 1977 wurde an seiner Stelle der jetzige Turm gebaut. Dessen Design geht auf Baumeister Karl Marusch aus Hoyerswerda zurück, allein in Brandenburg wurden 133 Türme dieses Typs errichtet. Heute gibt es in der Mark nur noch 60 davon, der Rest wurde abgerissen. Ihnen zur Seite stehen 40 Mobilfunkmasten, auf denen ebenfalls optische Sensoren installiert sind. „Die alten Türme waren irgendwann sehr sanierungsbedürftig und hatten ausgedient“, sagt Engel. „Die Mobilfunkmasten sind kostengünstiger.“

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Heute gibt es in Brandenburg 105 solcher Sensoren, die ähnlich arbeiten wie die Mitarbeiter:innen, die früher auf den Türmen Ausschau halten mussten: „Die Sensoren drehen sich und nehmen alle zehn Grad ein Bild auf“, sagt Engel. Wird eine Rauchwolke entdeckt, wird die Waldbrandzentrale elektronisch informiert. Als das System eingeführt worden war, haperte es hier und da noch an der Technik: Natürliche Wolken oder Nebel führten gelegentlich zu Fehlalarmen. Aber das System lernte und kann mittlerweile 16 000 Grauwerte unterscheiden. 

System kann Rauch- von Staubwolken unterscheiden

Dazu kann es Form und Bewegung von Rauchwolken erkennen und diese von Staubwolken unterscheiden, die von Mähdreschern aufgewirbelt werden. „Die Sensoren können auf 30 bis 40 Kilometer Rauchwolken erkennen“, sagt Engel. Die technische Überwachung funktioniert: Mittlerweile erreichen die Großbrände in Brandenburg nur noch eine durchschnittliche Größe von 0,3 Hektar, vor 2000 war es rund ein Hektar. „Wir können mit Stolz sagen, dass wir es schaffen, einen Großteil der Brände in Zaum zu halten“, sagt Engel. Auch in diesem Jahr gab es wenige Brände in der Mark – 157. 2018 waren es 491.

2022 soll der Feuerwachturm auf dem Kleinen Ravensberg saniert werden. „Die Zeit nagt am Stahlgerüst“, sagt Engel. Um die statische Sicherheit zu gewährleisten, muss das Gebäude ertüchtigt werden. Denn auch wenn auf dem Kleinen Ravensberg heute keine Menschen mehr zu wachen brauchen, müssen ihre elektronischen Kollegen ab und zu gewartet werden.


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