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Umgang mit der Coronakrise : Heftiger interner Streit bei der Awo

Awo-Chefin Angela Schweers hat an ihren Kitaerzieherinnen einen Brandbrief geschrieben, weil sie sich in der Coronakrise mehr Ideen von ihnen gewünscht hätte. Der Betriebsrat sieht die Grundwerte der Awo mit Füßen getreten.

Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Der Umgang mit der Coronakrise sorgt bei der Potsdamer Arbeiterwohlfahrt (Awo), dem größten Wohlfahrtsverband der Stadt, intern für heftigen Ärger. Anlass ist ein den PNN vorliegender Brandbrief von Awo-Chefin Angela Schweers an die Kitaerzieher des Trägers mit mehr als 2000 Beschäftigten, datiert vom vergangenen Donnerstag.

Es geht darin um die auch bundesweit debattierte Präsenzpflicht von Kitaerzieherinnen und Erziehern in den nur noch im Notbetrieb laufenden Einrichtungen – die Awo besteht dabei darauf, dass dort angesichts bestehender Arbeitsverträge und laufender Lohnzahlungen weitergearbeitet oder Urlaub genommen wird, notfalls auch unbezahlt. Forderungen von Erzieherinnen, zuhause bleiben zu können, weist Schweers so zurück: „Von Ihnen sind keinerlei Vorschläge zur Beherrschung der jetzigen Situationen eingegangen.“ Die Erzieherinnen gehörten zu jenen Arbeitnehmern, die „weder vor sofortiger Arbeitslosigkeit noch vor übermenschlichen Arbeitsaufgaben“ stünden, so Schweers. Dagegen hätten die Angestellten in den Awo-Seniorenzentren schon Feldbetten organisiert, damit Angestellte im Notfall bei den Bewohnern bleiben. Dann fragt Schweers: „Was haben Sie getan?“ Und fragt rhetorisch, ob die Erzieherinnen zum Beispiel ihre Hilfe in Kinder- oder Flüchtlingsheimen angeboten hätten. „All diese Ideen sind bisher nicht eingegangen.“

Grundwerte der Awo mit Füßen getreten

Der Brief der ohnehin als resolut geltenden Awo-Geschäftsführerin hat offensichtlich für Ärger gesorgt. So schrieben nach PNN-Informationen gleich mehrere Awo-Betriebsräte aus Potsdam, das Erzieherpersonal fühle sich durch das Schreiben beleidigt und angegriffen. „Die Mitarbeiter haben Angst und sind verunsichert und erscheinen trotzdem am Arbeitsplatz und nehmen das Risiko der Ansteckung in Kauf.“ Auch Potsdams Kita-Elternbeirat hatte bereits die Präsenzpflicht der Erzieherinnen als unnötiges Gesundheitsrisiko kritisiert. Die Betriebsräte schreiben weiter, Grundwerte der Awo wie Toleranz, Solidarität und Gerechtigkeit würden in dem Schweers-Schreiben „mit Füßen getreten“. Und weiter: „Falsche Behauptungen und Zurechtweisungen über das Arbeiten der Belegschaft vor Ort sind anmaßend und respektlos.“

Inzwischen hat Awo-Chefin Schweers auch darauf geantwortet. „Der Brief, den ich geschrieben habe, war der Versuch, Sie aufzurütteln und Ihnen Gelegenheit zu geben nach jahrelanger Anerkennung, Motivation, guter Bezahlung, hervorragenden Arbeitsbedingungen, einer ausgesprochen familienfreundlichen Arbeitszeit und immer Ersatz durch Personalfirmen bei Krankschreibung einen Beitrag zum Krisenmanagement beizutragen. Es gab hier genug Vorfälle, die meinen Brief begründen“, heißt es in der Antwort.

Mehr Ideen gewünscht

Sie habe sich eben mehr Ideen von Erziehern und Erzieherinnen gewünscht, wie diese andere Berufsgruppen der Awo – etwa in der Pflege – unterstützen könnten, so die Awo-Chefin. Auf Anfrage sagte sie, konkret umgestellt sei etwa die Arbeit der Bürgerhäuser und Seniorentreffs, die nun als Nachbarschafts- und Einkaufshilfe gerade für Senioren fungieren. Auch Lehrer einer Awo-Schule würden bereits bei der Pflege von Senioren helfen. Es gebe auch aus den Reihen der Kitas „gute Rückmeldungen“, die jetzt zum Beginn der Krise „tatsächlich über den Tag hinaus an das Morgen denken für alle Beteiligten“, so die Antwort von Schweers an die Betriebsräte. Auch zu den Mitbestimmungsrechten von Betriebsräten äußert sich Schweers in der Antwort. „In Krisen können nicht nur Arbeitsgesetze verändert werden, sondern auch Mitbestimmungen gelockert werden. Das wird durch die Krise bestimmt, nicht durch uns.“

Bundesweit appellieren Wohlfahrtsverbände an die Politik, soziale Dienste und Einrichtungen bei den finanziellen Schutzschirmen gegen die Folgen der Krise einzubeziehen. Als gemeinnützige Anbieter dürften die Träger der Wohlfahrtspflege praktisch keine Rücklagen bilden, deshalb könnten Ausfälle schnell in Insolvenzen münden, hatte etwa die Bundes-Awo gewarnt. Auf Anfrage sagte Schweers, man verschaffe sich gerade einen Überblick. Diesen Monat jedenfalls seien die Gehaltszahlungen sicher.

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