• Umfangreiche Absprachen: Potsdam sieht sich für Coronavirus gut gerüstet

Umfangreiche Absprachen : Potsdam sieht sich für Coronavirus gut gerüstet

In der Landeshauptstadt gibt es bislang keine Krisenstäbe. Dafür hat das Klinikum bereits ein Expertenteam gebildet. Dort gibt es einen Plan, wie Erkrankte behandelt werden. Hier ein Überblick.

Im Ernst von Bergmann-Klinikum wurde ein Expertenteam gebildet.
Im Ernst von Bergmann-Klinikum wurde ein Expertenteam gebildet.Foto: Sebastian Gabsch

Die Zahl der Menschen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, steigt weltweit, auch die Todesfälle häufen sich. Das Virus verbreitet sich immer stärker, auch in Europa. Wie bereitet sich Potsdam auf den Ernstfall vor? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Wie ist die aktuelle Lage in Potsdam?

Bislang geben sich die zuständigen Behörden entspannt. Ein bestätigter Verdachtsfall in der Landeshauptstadt ist noch nicht aufgetreten, gleiches gilt nach Rathausangaben für einen sogenannten begründeten Verdachtsfall nach den Kriterien des Robert-Koch-Instituts (RKI), der zentralen Bundeseinrichtung zur Krankheitsüberwachung und -prävention. Dafür müsste ein Patient neben den Symptomen entweder Kontakt zu einem Infizierten gehabt oder sich in einem Risikogebiet aufgehalten haben. Über unbegründete Verdachtsfälle werde keine Statistik geführt, weil es dafür keine Meldepflicht beim Gesundheitsamt gebe, sagte eine Rathaussprecherin den PNN. Auch in Brandenburg gibt es bislang keinen begründeten Verdachtsfall. Bei 21 untersuchten Fälle sei das Ergebnis negativ gewesen, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums den PNN.

Wie gehen die Behörden bei einem Verdacht vor?

Die Meldekette wird durch das Infektionsschutzgesetz bestimmt. Der Arzt oder die medizinische Einrichtung, bei dem ein möglicher Betroffener vorstellig wird, meldet den Fall an das städtische Gesundheitsamt. Dies gilt auch für Labore, die eine entsprechende Probe positiv testen. Das Gesundheitsamt leitet die Meldung an die zuständige Landesstelle weiter, die wiederum das RKI in Kenntnis setzt. Gegebenenfalls wird auch die Weltgesundheitsorganisation WHO benachrichtigt. In Brandenburg muss das Gesundheitsamt außerdem auch das Gesundheitsministerium informieren.

Wie groß ist das Risiko einer Ausbreitung der Krankheit in Potsdam und der Region?

Da Deutschland noch nicht in dem Maße betroffen ist wie beispielsweise Italien, schätzt das RKI die Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland noch als gering ein. Die Situation in Potsdam und in der Region müsse im Kontext mit der Lage in Deutschland gesehen werden, sagte der Ministeriumssprecher. Mit einem „Import von weiteren Fällen“ sei zu rechnen.

Welche Rolle spielt das Land im Fall einer Ausbreitung des Virus?

Eine große. Das Land stehe in engem Kontakt mit dem RKI, dem Bundesgesundheitsministerium und anderen Bundesländern, erläuterte der Ministeriumssprecher. In Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern der Kreise und Städte seien die Krankenhäuser und die Vertragsärzte des Landes einbezogen worden, um Maßnahmenkonzepte zur Prävention der Weiterverbreitung des Virus abzustimmen. Dazu gehören beispielsweise das Vorhandensein von Ablaufplänen zur Absonderung in Rettungsstellen, Isolationsmöglichkeiten in der Klinik, die Diagnostik-Kette und der Transport von Untersuchungsproben. Die geplanten Vorgehensweisen seien lageabhängig. Um schnell reagieren zu können, seien in der Vergangenheit auf verschiedenen Ebenen Seuchenalarmpläne entwickelt worden, die Szenarien für eine wirksame Bekämpfung der Infektionskrankheit enthalten.

Wie bereitet sich die Landeshauptstadt auf einen möglichen Ernstfall vor?

Potsdam sieht sich gut auf einen solchen Fall vorbereitet. Zwischen dem Potsdamer Gesundheitsamt, dem Gesundheitsministerium, den umliegenden Gesundheitsämtern des Landes Brandenburg, der Potsdamer Feuerwehr, dem Rettungsdienst sowie dem kommunalen Bergmann-Klinikum hätten bereits umfangreiche Absprachen stattgefunden, hieß es aus dem Rathaus. Krisenstäbe auf städtischer und Landesebene werden erst im Ernstfall einberufen, koordiniert würde auf Landesebene.

Wie würde mit einem konkreten, durch das Coronavirus verursachten Krankheitsfall umgegangen?

Schon bei einem begründeten Verdacht würde der Betroffene im Krankenhaus aufgenommen und dort zunächst isoliert werden. Sollte ein Test den Verdacht bestätigen, müsste der Erkrankte weiterhin im Krankenhaus behandelt werden, könnte aber – nach Abklingen der Symptome – auch zu Hause isoliert werden.

Welche Maßnahmen ergreifen die Krankenhäuser?

Im kommunalen Bergmann-Klinikum sei bereits ein Expertenteam gebildet worden, dem klinische Infektiologen, ein Mikrobiologe und Hygieniker sowie Notfall- und Intensivmediziner und die Pflegeteams angehören, sagte eine Sprecherin auf Anfrage. Auch für eine Krisensituation sei man gut aufgestellt, das Team eingespielt. Käme es zu einem Massenausbruch, würde man von der Einzel- zur sogenannten Kohortenisolation übergehen, so die Sprecherin. Mehrere Corona-Patienten würden gemeinsam auf ein Zimmer gelegt, sodass insgesamt mehr Patienten behandelt werden könnten. Die Kapazitäten im Klinikum reichten dafür aus, hieß es. Auch im katholischen St.-Josefs-Krankenhaus hält man vier Isolationszimmer vor, die bei Bedarf genutzt werden könnten, sagte ein Sprecher. Für die Mitarbeiter seien für den Ernstfall Schutzanzüge und Schutzmasken in ausreichender Zahl angeschafft worden. Bei einem Massenausbruch würden Patienten womöglich ins Bergmann-Klinikum verlegt, weil es dort mehr Kapazitäten gebe, so der Sprecher.

Wie erfolgt die Behandlung?

Ein wirksames, auf das Virus bezogenes Medikament gibt es bislang nicht. Man könne aber „symptomatisch therapieren“, also Flüssigkeiten, bei Bedarf auch Elektrolyte verabreichen, sagte die Klinikumssprecherin. Besteht die Gefahr einer „bakteriellen Superinfektion“, würden Antibiotika gegeben. Auf all diese Möglichkeiten sei man im Bergmann-Klinikum gut vorbereitet.

Wie kann man sich vor Infektion schützen?

Das Tragen eines Mundschutzes hilft nach Ansicht von Experten nur bedingt. Das RKI empfiehlt die üblichen Verhaltensweisen, die auch bei Grippe gelten: Husten oder Niesen in die Armbeuge, nicht in die Hand, Händeschütteln möglichst vermeiden, häufiges und gründliches Händewaschen. Zu Erkrankten sollte ein Abstand von ein bis zwei Metern gehalten werden.

Wie reagiert die Bevölkerung?

Bislang offenbar besonnen. Ein erhöhtes Patientenaufkommen wegen der Sorge vor dem Coronavirus gibt es bislang nicht, wie eine Recherche bei mehreren Arztpraxen im Stadtgebiet ergab. In der Notaufnahme des St.-Josefs-Krankenhauses mache sich die Furcht vor dem Virus hingegen durchaus bemerkbar, sagte ein Sprecher. Das Personal sei aber sensibilisiert und kläre die Menschen auf. Auch in den Apotheken ist das Coronavirus Thema. Mundschutzmasken sind sehr gefragt, größtenteils schon seit Wochen ausverkauft und oft auch nicht mehr lieferbar, berichten mehrere Einrichtungen. Außerordentlich gut verkaufen sich derzeit Desinfektionsschutzmittel.

Wie ist die Lage in Unternehmen?

Bei großen Arbeitgebern wie der Uni Potsdam mit 4000 Mitarbeitern oder der MBS mit 1500 Angestellten ist die Lage entspannt. Es werde aufgeklärt und verstärkt auf Hygiene geachtet, sagten Unternehmenssprecher.

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