• Trauern während der Corona-Pandemie: Abschied mit Abstand

Trauern während der Corona-Pandemie : Abschied mit Abstand

Auch Potsdams Bestatter müssen sich auf die coronabedingten Umgangsregeln einstellen. Trauerfeiern dürfen derzeit nur unter strengen Auflagen stattfinden.

Der Potsdamer Bestatter Patrick Zimmermann bietet Trauerfeiern per Live-Übertragung an.
Der Potsdamer Bestatter Patrick Zimmermann bietet Trauerfeiern per Live-Übertragung an.Fotos: Andreas Klaer

Potsdam - Wer einen geliebten Menschen verliert, befindet sich in einem Ausnahmezustand. Wie wohltuend kann hier eine Umarmung sein, ein persönliches Gespräch unter Freunden oder ein trostspendender Händedruck. Doch durch die Corona-Pandemie ist Selbstverständliches fast unmöglich geworden. Auch Potsdams Bestatter arbeiten durch die verschärften Sicherheitsmaßnahmen unter Sonderbedingungen.

„Trauerbewältigung ist eine große Sache, eine Trauerfeier mit den entsprechenden Ritualen ist, wenn man so will, eine Art Gruppentherapie. Man muss mit der Trauer aktiv umgehen und sie verarbeiten“, sagt Stefan Bohle, Inhaber der Potsdamer Sans Souci Bestattungen. „Am Besten funktioniert das nun mal in Gemeinschaft – und genau das ist gerade nicht möglich.“

Neue Hygienemaßnahmen

Die neuen Umgangs- und Arbeitsregelungen werden bereits beim Transport des Verstorbenen wichtig, erläutert Bestatter Thomas Schellhase. Handschuhe sind ohnehin schon lange Standard bei der Abholung des Leichnams. „Neu sind jetzt allerdings ein Schutz, der über Mund und Nase reicht und dass wir beim Infektionsverdacht eine spezielle Hygienehülle wie man sie aus Filmen kennt einsetzen. In diese wird der Verstorbene gelegt, bevor er in den Transportsarg kommt“, so der Bestatter. Zwar hatte er noch keinen Menschen im Institut, der an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben ist, doch muss er sichergehen, dass seine Mitarbeiter bestmöglich vor einer Ansteckung geschützt werden.

Grabpflege muss entfallen

Das Gleiche gilt auch für die Trauerfeiern: Einige kommunale und kirchliche Friedhöfe hatten bereits Einschränkungen vorgenommen, diese waren jedoch nicht einheitlich. Seit dem 24. März sind nun Brandenburger Friedhöfe vorläufig für den alltäglichen Publikumsverkehr geschlossen. Grabpflege und Gedenken muss erst einmal entfallen. Angemeldete Trauerfeiern dürfen jedoch weiter stattfinden – allerdings auch hier nur unter besonderen Regeln (siehe auch Kasten). Derzeit dürfen maximal zehn Angehörige aus dem engsten Kreis teilnehmen. Freunde und Bekannte des Verstorbenen dürfen nicht dabei sein. „Das geschieht auch zum eigenen Schutz – viele Gäste würden sonst aus der Ferne zusammenkommen und Gefahr laufen, sich anzustecken", so der Bestatter. Auch die Trauerhallen dürfen nicht genutzt werden, da diese meist zu klein sind und der geforderte Mindestabstand hier kaum eingehalten werden kann.

Viele Trauernde sind überfordert

Stattdessen finden die Feiern derzeit standardmäßig unter freiem Himmel statt – bei jedem Wetter. Das anschließende Essen entfällt durch die Restaurantschließung ohnehin. Viele Trauernde müssen sich also beschränken: Wer soll eingeladen werden, wer muss auf den persönlichen Abschied verzichten? „Manche unserer Kunden sind damit tatsächlich überfordert und wollen diese Entscheidung erst einmal auf unbestimmte Zeit vertagen“, sagt Thomas Schellhase. „Da bieten wir natürlich auch Hilfe bei der Verarbeitung an. Denn wir wissen alle nicht, was kommt.“ In der vergangenen Woche führte er bereits zwei solcher Gespräche, bei denen sich die Angehörigen für eine Terminverlegung entschieden. Organisatorisch ist das zumindest bei Urnenbestattungen möglich, sagt er. Hier kann der Bestattungstermin um bis zu sechs Monate verschoben werden. „Aber irgendwann kommen wir mit den Terminen nicht mehr hinterher“, so Schellhase.

Dabei drängen die Sargbestattungen

Sargbestattungen müssen allerdings weiterhin innerhalb von zehn Tagen nach dem Tod durchgeführt werden. Hier versuche der Bestatter, sanft darauf hinzuweisen, dass die Zeit aus offensichtlichen Gründen drängt – trotz einer Welt im Pausenmodus. Auch für die angeschlossenen Gewerbe sei die Pandemie eine Herausforderung, berichten die Bestatter. Viele Blumenläden mussten beispielsweise schließen, sodass Bestattungshäuser auf Farbkonzepte statt auf Wunschblumen ausweichen müssen.

Seelsorger und Bestatter suchen zugleich alternative Wege, um mit Angehörigen die Bestattung zu planen. Das Internet bietet hier einige Möglichkeiten. Patrick Zimmermann vom Bestattungshaus Potsdam nutzt diese schon: Zwar ist das Haus für Besuch geschlossen, doch bietet er Beratung per Videochat und sogar ganze Trauerfeiern als Liveübertragung über die Webcam an. Zwei Familien aus Potsdam haben davon bereits Gebrauch gemacht. Die Bestattung selbst fand ohne Publikum statt, die Trauerrede hielt Zimmermann in seinem Institut vor der Webcam, im Hintergrund Kerzen und Gestecke. „Das ist auch für mich gewöhnungsbedürftig. Aber so können die Betroffenen wenigstens zeitnah eine Art Abschluss finden.“ Wenn die Pandemie vorüber ist, wollen viele Trauernde aber noch einmal persönlich zusammenkommen und dem Verstorbenen vor Ort gedenken.


Das sind die Regelungen für Bestattungen

Für den normalen Publikumsverkehr sind die Friedhöfe geschlossen, nur Trauerfeiern sind noch zugelassen. Bereits vor einigen Tagen haben die Friedhofsträger unterschiedliche Zulassungsbeschränkungen bei Trauerfeiern erlassen. Seit dem 24. März gibt es für evangelische Friedhöfe Festlegungen der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Sie empfiehlt auch anderen Glaubensrichtungen, sich daran zu orientieren. In Berlin und Brandenburg dürfen maximal zehn Gäste teilnehmen, die Bestattung darf nur unter freiem Himmel mit jeweils 1,5 Metern Abstand zueinander stattfinden, auf Gesang und Orchester wird verzichtet. In Berlin soll Friedhofsträger zudem über die Teilnehmer eine Adressliste anfertigen und für vier Wochen aufbewahren. Die EKBO empfahl dies auch für die Brandenburger Trauerfeiern. Sollte es zu einer bestätigten Corona-Infektion kommen, kann das Gesundheitsamt diese Liste anfordern. Die Bestatter erwarten zunächst keine dramatisch höhere Sterberate, sondern versuchen zunächst vor allem, dem zu erwartenden Terminstau für die verschobenen Trauerfeiern der unabhängig vom Virus Verstorbenen Herr zu werden.

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