Potsdam : Tod eines 13-Jährigen

Als Gymnasiast überlebte Günter W. Zwanzig den Luftangriff auf Potsdam, sein Vetter dagegen starb

Als Gymnasiast überlebte Günter W. Zwanzig den Luftangriff auf Potsdam, sein Vetter dagegen starb Kurz vor Kriegsende, am 14. April 1945, wurde Potsdam Ziel eines verheerenden britischen Luftangriffes. Aus Anlass des 60. Jahrestages des Bombardierung schildern sechs Zeitzeugen in einer PNN-Serie, wie sie die Nacht des 14.April er- und überlebt haben. Heute: Günter W. Zwanzig. Er wuchs in Potsdam auf und erlebte als Gymnasiast den englischen Bombenangriff mit. Im Jahr 1948 übersiedelte er nach Westdeutschland. Der promovierte Jurist wirkte langjährig als Oberbürgermeister von Weißenburg (Bayern). Der Stadt Potsdam blieb er stets eng verbunden und nahm auch an der Gedenkwoche anlässlich der Bombennacht teil. Seine 103-jährige Mutter, die Opernsängerin Erika Zwanzig, konnte ihn aus gesundheitlichen Gründen aus Erlangen nicht nach Potsdam begleiten. Mit seinen Erinnerungen an die Bombennacht des 14. April 1945 folgt Dr. Günter W. Zwanzig einem Aufsatz, den er in der Klasse III des Helmholtz Gymnasiums am 30. März 1946 zum Thema „Wie ich das Ende des Krieges erlebte …“ schrieb. So wie jede Nacht holte uns auch in der Nacht vom 12. April 1945 zum 13. April 1945 die Sirene aus dem Bett. Wie immer zogen wir uns an und gingen in den Keller. Dieser war mit dicken, schweren Gewölben versehen, da das Gebäude 200 Jahre alt war und unter historischem Schutze stand. Es handelt sich um das damalige Haus Waisenstraße 47, heute Dortustraße 47. Hier hatte früher der Fürst zu Wied und spätere König von Albanien gewohnt. Ungefähr eine Stunde dauerte der Alarm, und wir dachten schon, es sei vorbei. Da dröhnte es plötzlich in der Luft; eine Sekunde später gab es einen heftigen Knall und man hörte die Fenster klirren. Eine Mine war in der Spornstraße gefallen. Bald kamen Verletzte in unseren Keller, die von dem Arzt Herr Dr. Betz verbunden wurden. Kurz darauf ertönte die Entwarnung. Wir gingen wieder in unsere Wohnung. Es dauerte nicht lange, da kam ein Polizist und meckerte, dass wir Licht hätten. Wir mussten ihm klarmachen, dass infolge des Glasschadens das Licht durchschien. Am nächsten Tage nagelten wir die Fensterscheiben mit Holz und Pappe zu. Aber die Mühe lohnte sich nicht. Am 14. April 1945 mussten wir wiederum in den Keller. Wir waren kaum unten, da fielen schon die ersten Bomben. Alle stöhnten und beteten, nur einer wagte zu schimpfen, der Vater meines Freundes Wolfgang Heise. Er hatte am Abend gefeiert und war daher etwas angeschwipst. Ungefähr eine halbe Stunde dauerte der Bombenregen an. Jede Minute war lang wie eine Stunde. Als er nachgelassen hatte, gingen wir nach draußen. Überall brannte es. Unsere Ecke (Waisenstraße/Kanal) hatte glücklicherweise nichts abbekommen. Da wir uns um unseren Großvater Arthur Krebs sorgten, fuhr mein Vater mit dem Rade zur Holzmarktstraße 1. Dort fand er das Haus eingestürzt vor. Nach einigem Suchen entdeckte er meinen Großvater. Dieser hatte großes Glück gehabt. Vor ihm stand mein Vetter Klaus Sorkau, 13 Jahre alt. Als die Bombe niederging, riss sie meinem Vetter den rechten Arm und die linke Lunge aus. Kurz darauf verstarb er. Mein Großvater kam fast heil davon, hatte allerdings Holzsplitter im Kreuz. Als mein Vater mit diesen Nachrichten zurückkehrte, waren wir sehr bestürzt. Meine Tante Hildegard Haentsch, sie wohnte Auf dem Kiewitt 21, hatte ebenfalls Glück, denn die Bomben gingen neben ihrem Hause auf die Dextrinfabrik Kutzner auf dem Kiewitt nieder. Auch meine Großtante Else Langhoff in der Neuen Königstraße 10 kam heil davon. Unterdessen fing der Turm der Garnisonkirche an zu brennen. Fast ganz Potsdam war versammelt, um dieses traurige und schaurig-schöne Bild mit anzusehen. Plötzlich begannen noch einmal die alt vertrauten Glocken zu läuten. Dann stürzte unter großem Getöse der Turm ein und die Trümmer schwelten. Mit Mühe enthielt sich die Menge der Tränen. Am kommenden Morgen floh ich mit meiner Mutter nach Werder, da wir dachten, dass Potsdam nochmals bombardiert würde. Nach sechs Tagen kehrten wir zurück. Doch ab 21. April 1945 heulten wieder die Sirenen. Der Beschuss der Stadt durch die anrückende Rote Armee begann. So holten wir uns ein paar bessere Stühle in den Keller hinunter. Bald erfolgten Beschuss und Tieffliegerangriffe – auch auf Menschen, die bei Rudat in der Bäckerstraße nach Brot anstanden. Unser Haus wurde mehrfach getroffen und stürzte am 28. April um 5 Uhr ein. Da waren wir aber schon in den Keller des nahe gelegenen Lyzeums geflüchtet. Am 1. Mai zogen wir mit einer anderen Familie in einem Klassenraum des Lyzeums zusammen. An diesem Tag hatte ich Geburtstag, und so musste ich ihn wenigstens nicht mehr im Keller feiern. Meine Mutter buk mir sogar einen Kuchen. aufgeschrieben von Erhart Hohenstein