• Theodor Horstkötter verlässt das Landgericht: Der Richter für schwierige Fälle

Theodor Horstkötter verlässt das Landgericht : Der Richter für schwierige Fälle

Theodor Horstkötter war am Landgericht Potsdam der Mann für die besonderen Prozesse. Nun wechselt er als Vorsitzender Richter ans Oberlandesgericht.

Der Vorsitzende Richter Theodor Horstkötter.
Der Vorsitzende Richter Theodor Horstkötter.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Theodor Horstkötter nennt die Menschen beim Namen. Er achtet darauf. Immer. Nie sagt er im Gerichtssaal „Angeklagte oder Angeklagter“ wenn er sich an diese wendet. Die von ihm wegen vierfachen Mordes verurteilte frühere Oberlin-Pflegekraft war für Horstkötter stets Frau R., der Mörder der Jungen Elias und Mohamed Herr S. „Das hat mit Würde zu tun“, sagt Horstkötter. „Das ist ein Mensch, der vor einem steht, welche Schuld er auch auf sich geladen haben mag.“  

Mit dem Prozess gegen Kindermörder Silvio S. 2016 und jüngst gegen Pflegekraft Ines R. nach der Gewalttat im Babelsberger Oberlinhaus leitete Horstkötter die zwei aufsehenerregendsten Verfahren der vergangenen Jahre in Potsdam. 

Sensible Prozessführung 

Zwei schwierige Prozesse. Nicht, was die Beweislage angeht, die war in beiden Fällen eindeutig. Sondern die Emotionalität, die bundesweite Aufmerksamkeit. Die Entführung des sechsjährigen Elias aus Potsdam und des Flüchtlingsjungen Mohamed in Berlin durch den Brandenburger Silvio S. bewegte wie die Ermordung von vier schwerstbehinderten Menschen im Babelsberger Thusnelda-von-Saldern-Haus vergangenen April ganz Deutschland. 

Eine für die Angehörigen der Opfer besonders sensible, dabei präzise und hochkonzentrierte Prozessführung war gefordert von dem Vorsitzenden der 1. Großen Strafkammer des Potsdamer Landgerichts. Er ist, sagen Prozessbeteiligte, seiner Aufgabe gerecht worden. Doch nun verlässt Theodor Horstkötter das Landgericht Potsdam. Der Brandenburger Richterwahlausschuss hat ihn zum Vorsitzenden Richter am Brandenburgischen Oberlandesgericht (OLG) in Brandenburg/Havel bestimmt

Er wartet auf die Ernennungsurkunde 

Wann es genau losgeht an der neuen Wirkungsstätte, weiß er noch nicht. Er wartet auf seine Ernennungsurkunde, während er sein Büro im ersten Stock des Potsdamer Justizzentrums in der Jägerallee aufräumt. Erinnerungen einpackt an fast 30 Jahre am Gericht in der Landeshauptstadt. „Das Landgericht ist meine berufliche Heimat“, sagt Horstkötter im dunkelblau-gemusterten Tweed-Sakko, das ihm mit Krawatte, Brille und nach rechts frisierter Haartolle etwas Britisches verleiht.  

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Im Januar 1993, mit 31 Jahren, kommt er als junger Richter nach Potsdam. Ans damalige Bezirksgericht, das wenig später zum Landgericht wird. Horstkötter, der in Münster und für ein Gastsemester in Trient studiert hat, zuvor kurz am Gericht in Bielefeld war, ist einer jener Abgesandten aus Brandenburgs Partnerland Nordrhein-Westfalen, das beim Aufbau neuer Strukturen nach der Wende helfen sollte, auch in der Justiz. „Ich hatte immer das Gefühl, man ist willkommen“, sagt Horstkötter. Das Ankommen im Gericht, in Potsdam gelingt ihm schnell. „Man muss sich aber auch selbst Mühe geben, auf die Menschen zugehen.“ Tiefe Freundschaften seien hier entstanden. Potsdam, das sei seit vielen Jahren sein Zuhause.

Mauerschützenprozesse und rassistische Gewalt 

Er erlebt die Nachwendejahre im Osten, die juristische Aufarbeitung der DDR-Zeit und neue Konflikte. Er ist als Richter in einem Verfahren dabei, bei dem es um die Misshandlung von Strafgefangenen in der DDR geht und auch bei mehreren Mauerschützenprozessen in den 90ern. Bewährungsstrafen seien da meist ausgesprochen worden, erinnert er sich. Durch Vor-Ort-Termine an den früheren Grenzabschnitten, am Griebnitzsee etwa, versuchen die Richter herauszufinden, wie die Situation damals war. 

„Viele Soldaten hatten Angst, zur Schusswaffe zu greifen, es wurde von ihnen als Unrecht empfunden“, sagt Horstkötter. An einen der Zeugen erinnert er sich besonders gut: den berühmten Ostberliner Gerichtsmediziner Otto Prokop, jüngst in der TV-Serie Charité verewigt, der zu DDR-Zeiten viele Maueropfer obduzierte – aber erst nach der Wende vor Gericht öffentlich sagen konnte, was er festgestellt hatte. 

Im PNN-Archiv das erste Mal namentlich in Erscheinung tritt Horstkötter am 20. September 1996. „Der Prozess um den rassistischen Angriff auf drei britische Bauarbeiter in Mahlow soll noch in diesem Jahr beginnen“ sagte er damals als Pressesprecher des Landgerichts.  Der Fall ist weithin bekannt, bis heute verbunden mit den dunklen 90er-Jahren. Es geht um den rassistischen Anschlag im brandenburgischen Mahlow auf Noël Martin, der seit dem Angriff ein schwerer Pflegefall war und im Juli 2020 wenige Tage vor seinem 61. Geburtstag starb. 

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Zu fünf und acht Jahren Haft wurden die Täter damals vom Landgericht Potsdam verurteilt. Auch wenn Horstkötter selbst nicht an dem Prozess beteiligt war, bewegte ihn der Fall – zum Engagement. Er meldet sich auf die Anfrage einer Schulleiterin in Mahlow, ob ein Justizmitarbeiter in ihrer Schule Aufklärung betreiben könnte. Mehrere Jahre lang fährt Horstkötter regelmäßig nach Mahlow, hält in der Schule Rechtskundeunterricht. „Das war mir ein Bedürfnis“, sagt er. 

Urteil im Brandstifterprozess 

Jahre später, im Februar 2017, verurteilt die 1. Große Strafkammer dann unter Horstkötters Vorsitz den früheren NPD-Politiker Maik Schneider in einem ersten Prozess wegen eines Brandanschlags auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Nauen zu mehr als acht Jahren Haft. Horstkötter erklärte in seiner Urteilsbegründung, Schneider und seine Mittäter hätten eindeutig aus fremdenfeindlichen und rechtsextremistischen Motiven gehandelt. „Der Anschlag sollte ein Zeichen an die Flüchtlinge sein: Ihr seid hier nicht willkommen, hier ist kein Platz für euch und ihr seid hier nicht sicher“, sagte Horstkötter. „Dies ist eine tiefe Missachtung unserer Rechtsordnung.“  

Vor seiner Rückkehr zur Strafkammer 2016, dann als Vorsitzender, war Horstkötter viele Jahre im Zivilrecht tätig, leitete mehrere Kammern. Handelssachen, Anwalts- und Steuerberatungssachen, zuletzt Arzthaftungssachen. Das seien spannende Rechtsgebiete, betont Horstkötter, lebensnah. So geht auf ihn etwas zurück, was man das „Horstkötter“-Siegel nennen könnte. Es ging um Qualitätstests durch private Institute. Eines dieser Institute hatte sich ein Label gegeben, das Verwirrung stiftete: Es erweckte den Anschein, von einer staatlichen Institution vergeben worden zu sein. Horstkötter stellte Kriterien auf, wie so ein Testlabel auszusehen habe – und so wurde es schließlich umgesetzt, klebt an Eingangstüren von geprüften Banken und Bäckereien. 

Fingerspitzengefühl beim Oberlin-Prozess 

Doch die Aufmerksamkeit ist erst bei den großen Strafprozessen auf ihn gerichtet. Fingerspitzengefühl ist gefragt, vor allem bei den Zeugenbefragungen. So etwa an jenem Tag im Oberlin-Prozess als die Angehörigen der vier Opfer befragt werden. Im Gespräch mit ihnen nennt er die vier Getöteten beim Vornamen, Lucille H. so, wie sie bei ihrer Familie hieß: Cilly. 

Er fragt behutsam nach den Lebensgeschichten, gibt den Angehörigen die Möglichkeit, sich an die geliebten Menschen zu erinnern, die sie durch die Gewalttat verloren  haben. Es ist ein würdiges Gedenken, mitten im nüchternen Gerichtssaal. Doch auch für den Ehemann der Täterin Ines R. findet er Worte. Lobt dessen Mut, vor Gericht auszusagen. „Passen Sie auf sich auf“, gibt Horstkötter dem Mann auf den Weg

Er lobt vor allem Kinder im Zeugenstand 

Ähnliches war in anderen Prozessen zu erleben. Als im Prozess gegen Silvio S. die Schwester des getöteten Mohamed aussagt, lobt er die Tapferkeit der neunjährigen Medina. Er lächelt das Mädchen an, sagt, nachdem sie ihre Familiengeschichte erzählt hat: „Und ihr passt jetzt gut aufeinander auf, versprochen?“  

Im Mai 2021 verurteilt die 1. Große Strafkammer den Potsdamer Wolfgang L. wegen Mordes an seiner Ehefrau zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Die beiden Kinder mussten mit ansehen, wie der Vater ihre Mutter in einem Gartenteich in Glindow ertränkte. Nach dem Urteilsspruch wendet er sich an die beiden, wünscht ihnen, dass sie nach diesem Prozess inneren Frieden finden können. 

„So, wie wir euch hier kennengelernt haben, seid ihr stark und mutig genug, euer Leben in die Hand zu nehmen“, sagt er. Trost geben wolle er, erklärt Horstkötter. Den Zeugen, die sich vor Gericht in einer ungewohnten Situation befänden, Respekt zeigen, die Angst nehmen. Schon zu Beginn seines Jurastudiums habe er Richter werden wollen. „Das klingt jetzt vielleicht überheblich“, sagt der Vater einer erwachsenen Tochter, „aber ich konnte mir vorstellen, dass ich gut mit Menschen umgehen kann“.
Aber nicht immer entfalten seine Worte Wirkung. Im Prozess gegen Silvio S. appelliert er an mehreren Tagen an den Angeklagten, sein Schweigen zu brechen, der Mutter von Elias Gewissheit zu geben. Denn wie er den Jungen im Potsdamer Stadtteil Schlaatz entführte, was dann genau mit ihm geschah, ist unklar. Aber Silvio S. geht darauf nicht ein. „Das ist auch ein Grenzgang“, sagt Horstkötter. Denn natürlich habe Silvio S. das Recht gehabt zu schweigen. Immer wieder insistieren, das könne er als Richter nicht. Er habe es versucht, „aber wenn jemand nicht reden will, dann muss man es akzeptieren“. 

Angst vor einem Fehlurteil  

Genauso wie es zu akzeptieren sei, dass Indizien eben manchmal nicht ausreichen. Vergangenen Dezember spricht er die Potsdamerin Marina S. vom Vorwurf der Kindstötung frei. Ihr war, vom eigenen Ehemann als Hauptbelastungszeugen, vorgeworfen worden, im Sommer 2000 ein Kind geboren und getötet zu haben. Doch im Zweifel für die Angeklagte. 

„Es gibt nichts Schlimmeres, als in einer solchen Sache einem Fehlurteil zu unterliegen“, sagte Horstkötter nach dem Freispruch und betont, dass natürlich nicht er allein es sei, der ein Urteil fälle. Die gesamte Kammer besteht aus fünf Personen: Dem Vorsitzenden und zwei beisitzenden Richtern sowie zwei Schöffen, alle Stimmen zählen gleich.

Zur Zeit liest er "Achtsam morden" 

Die Prozesse werde er vermissen. „Verhandeln hat mir immer große Freude bereitet“, sagt Horstkötter. „Man ist unter Anspannung, steht unter Adrenalin.“ Aber nicht aus Nervosität, wie er klärt, sondern weil man über Stunden hochkonzentriert sein müsse. Aber er freue sich nun auf die neue Aufgabe, die viel mit Aktenstudium verbunden sein wird. 

Möglich, dass das OLG, das für die Überprüfung von Entscheidungen der brandenburgischen Amts- und Landgerichte zuständig ist, seine letzte berufliche Station wird. 60 ist er jetzt.
Zum Abschalten fährt er gerne an die Ostsee, geht joggen oder nimmt Bücher zur Hand. Krimis. Zur Zeit liest er „Achtsam morden“.

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