• Theodor-Fontane-Schule Potsdam: Der Integrations-Organisierer muss gehen

Theodor-Fontane-Schule Potsdam : Der Integrations-Organisierer muss gehen

An der Fontane-Schule in Potsdam kümmert sich ein junger Mann speziell um Flüchtlingskinder. Seine Arbeit wirkt, das zeigen hohe Abschlusszahlen und niedrige Schulabbrecherquoten. Und doch muss Jan Hussels bald gehen.

Über „Teach First“ ist der Berliner Politikwissenschaftler Jan Hussels nach Potsdam gekommen, doch im Sommer läuft das Programm für ihn aus.
Über „Teach First“ ist der Berliner Politikwissenschaftler Jan Hussels nach Potsdam gekommen, doch im Sommer läuft das Programm...Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Eigentlich wollte Jan Hussels nur zwei Jahre in Potsdam bleiben. Anschließend würde er einen Job bei einer Stiftung in Berlin oder im politischen Bereich annehmen, so der Plan des Politikwissenschaftlers. Doch jetzt will er nicht mehr weg, sondern in Potsdam bleiben. Der Grund: Eine sogenannte Problemschule in einem DDR-Plattenbau, die Fontane-Oberschule in der Waldstadt. Doch Jan Hussels Tage sind gezählt, im Sommer muss er die Schule wohl wieder verlassen.

Über „Teach First“ war Hussels hierhin gekommen, eine gemeinnützige Initiative, die junge Akademiker für zwei Jahre an sogenannte Brennpunktschulen schickt. Das Programm richtet sich explizit nicht an angehende Lehrer, sondern an Hochschulabsolventen anderer Fachrichtungen. Sie sollen keinen Unterricht ersetzen, sondern Unterstützung abseits des Klassenzimmers leisten. In Brandenburg wurden dafür Schulen ausgewählt, die einen hohen Migrantenanteil und eine Schülerschaft mit eher wenig Hilfe von zu Hause haben. In Potsdam bekam neben der Fontaneschule auch die Steuben-Gesamtschule am Kirchsteigfeld einen „Teach First“-Fellow zugewiesen.

Ein Segen für die Fontane-Schule

In der Waldstadt war es eben Hussels, der eines Tages vor der Tür stand. Zunächst war man darüber etwas irritiert, erinnert sich Schulsozialarbeiter René Kulke beim Gespräch in seinem Büro. Schließlich habe man gar nicht mitentscheiden können, wer geschickt wurde. Doch bald sollte sich die Anwesenheit des Fellows als Segen für die Schule erweisen.

Denn der 34-Jährige, der bereits in der Flüchtlingshilfe und für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) tätig war, nahm sich vor allem der Kinder aus Flüchtlingsfamilien an. Von denen gibt es an der Fontaneschule besonders viele – für fast ein Viertel der Kinder ist Deutsch eine Fremdsprache. Sie alle hat Hussels regelmäßig zum Gespräch bei sich, befragt sie zu möglichen Problemen im Unterricht und ihren Zielen. „Wir sprechen zum Beispiel darüber, welche Kurse Sinn ergeben, um einen bestimmten Abschluss zu erreichen“, sagt Hussels. „Ich helfe den Schülern auch bei Anträgen beziehungsweise dabei, die Eltern von der Dringlichkeit der Anträge zu überzeugen.“ Denn fremdsprachige Schüler haben in Brandenburg einige Möglichkeiten, gefördert zu werden. Doch die sogenannte Eingliederungsverordnung ist natürlich keinem Schüler und auch den wenigsten Lehrern im Detail bekannt. Hussels hingegen hat sich damit vertraut gemacht und so schon einiges für seine Schützlinge erreicht – etwa elektronische Wörterbücher oder sogenannte sprachsensible Unterrichtsmaterialien. Fremdsprachige Kinder können sich auch zum Beispiel Deutsch als Fremdsprache anrechnen lassen und dafür einen anderen Kurs weglassen, wenn sie eine Prüfung etwa in Arabisch ablegen. Doch all das muss man wissen – und organisieren.

Schulsozialarbeiter René Kulke.  
Schulsozialarbeiter René Kulke.  Foto: Ottmar Winter

„In vielen Fällen werden solche Schüler normalerweise übergangen“, sagt Kulke. Im normalen Schulalltag fehle schlicht das Personal, um solche Dinge zu organisieren. Nur, weil Hussels sich hier so für die Kinder einsetzte, machten viele von ihnen einen Schulabschluss. „An anderen Schulen wäre das für sie undenkbar.“

Schnittstelle zwischen Schülern, Lehrern und Eltern

Doch Hussels sieht seine Aufgabe nicht nur darin, möglichst viele Schüler zum Abschluss zu begleiten. Er sieht sich auch als Schnittstelle zwischen Schülern, Eltern und Lehrern. So erklärt er etwa arabischen oder afghanischen Eltern das deutsche Schulsystem, die Bedeutung der Schulpflicht, den Unterschied zwischen A- und B-Kursen. Er berät Lehrer dabei, wie sie mit fremdsprachigen Kindern umgehen können oder versucht sie dazu zu bringen, bestimmten Jugendlichen nochmal eine Chance zu geben. Er startet Projekte für gegenseitige Toleranz, zum Beispiel geschlechtergemischte Fußballturniere mit afghanischen Jungen und deutschen Mädchen oder er schlägt mit syrischen Schülern einen Weihnachtsbaum. Auch Anti-Rassismus-Programme führt Hussels durch oder holt Ausstellungen zum Thema Rechtsextremismus an die Schule.

Hussels Arbeit zeige ganz konkrete Erfolge, sagt Kulke. Das lasse sich nicht nur an den Abschlüssen und der vergleichsweise niedrigen Schulabbrecherquote ablesen, sondern auch an der Atmosphäre an der Schule. Auseinandersetzungen zwischen deutschen und ausländischen Schülern gebe es an der Fontaneschule kaum, ebenso wenige religiöse Grabenkämpfe – im Gegensatz zu manch anderer Potsdamer Schule, so Kulke. „Herr Hussels kann schnell intervenieren und sich dann auch Zeit nehmen, weil er nicht gleich in die nächste Klasse muss.“

Bildungsministerium sieht wenig Spielraum

Doch damit könnte es bald vorbei sein. Denn das „Teach First“-Programm läuft im Sommer für Hussels aus. Man habe beim Brandenburger Bildungsministerium bereits angefragt, ob man Hussels trotzdem halten könnte, so Kulke. Doch dort sieht man wenig Spielraum.

Die Schulen, die einen Fellow zur Seite bekommen hätten, seien ausführlich darüber informiert worden, dass der Einsatz auf zwei Jahre begrenzt sei, so ein Ministeriumssprecher auf PNN-Anfrage. Die Schule könne nun prüfen, ob Hussels über den Seiteneinstieg als Lehrkraft beschäftigt werden könne. Ansonsten verfüge die Schule über 33 Wochenstunden im Bereich Pädagogische Unterrichtshilfen, die sie einsetzen könne.

Doch das hilft der Fontaneschule wenig weiter. Lehrer will Hussels nicht werden, abgesehen davon könnte er dann all die Integrationsarbeit auch gar nicht mehr leisten, sondern müsste eben unterrichten. Die Stunden, die die Schule für Pädagogische Unterrichtshilfe zur Verfügung hat, sind laut Kulke ebenfalls nicht für die Integrationsbegleitung geeignet.

Auch Kulke selbst als Schulsozialarbeiter kann Hussels Aufgabe nicht übernehmen, er hat bereits alle Hände voll zu tun – tatsächlich klopft es während der Pause fast minütlich an seine Bürotür. Er kümmert sich um alle Probleme abseits der Integration – von Drogenproblemen über Gewalt im Elternhaus bis zu ungewollten Schwangerschaften.

"Vor allem merkt man: Es ist sinnvoll"

Außerdem ist Hussels extrem gut vernetzt, kennt sich mit politischer Bildungsarbeit aus, weiß, welche Träger es gibt und wie man an Fördermittel kommt. „Er hat einen guten Job gemacht und damit Begehrlichkeiten geweckt“, sagt Kulke. Mittlerweile werde die Fontaneschule sogar als Vorbild gesehen, Hussels wurde bereits eingeladen, das Integrationskonzept der Fontaneschule vorzustellen.

Und Hussels selbst? Warum will er unbedingt bleiben, statt sich nach einem prestigeträchtigeren Job in der Hauptstadt umzusehen? „Für mich ist das eine große Herausforderung“, sagt er. Es gebe viel zu tun, und wenn man etwas anstoße, gebe es unmittelbare Erfolge zu sehen. Auch von den Lehrern sei er beeindruckt, die trotz des oft widrigen Umfelds so viel Energie in ihre Arbeit steckten. „Und vor allem merkt man: Es ist so sinnvoll.“