• Theater Workshop am Potsdamer Hans Otto Theater: Ein Sprung ins kalte Wasser

Theater Workshop am Potsdamer Hans Otto Theater : Ein Sprung ins kalte Wasser

Am Hans Otto Theater improvisieren Schauspieler, Tänzer und Dramaturgen in einem Workshop mit Flüchtlingen.

Isabel Fannrich-Lautenschläger
Mit dem Körper sprechen. Auf dem Workshop im Potsdamer Hans Otto Theater lernen die Teilnehmer, sich durch Gesten auszudrücken. Dazu gehört auch eine Menge Improvisation.
Mit dem Körper sprechen. Auf dem Workshop im Potsdamer Hans Otto Theater lernen die Teilnehmer, sich durch Gesten auszudrücken....Foto: Andreas Klaer

Wunderbar leicht fliegt der Ball an diesem Nachmittag von einem Tänzer zum nächsten. Eine linke Hand streckt sich nach oben, fängt die unsichtbare Kugel auf und rollt sie über den Arm hinter dem gebeugten Nacken entlang hinunter zur rechten Hand, die sie mit elegantem Schwung dem Nächsten, der vorbeihuscht, auf die Brust platziert. Unter dem Gelächter der fünf, dann zehn, die sich quer durch den Raum bewegen, schrumpft der Gegenstand der kleinen spontanen Choreografie zum Kügelchen, das – durch ein Spuckrohr geschossen – auf einer Wange landet und wenig später, groß aufgeblasen, mal als Sitzball unterm Hintern wippt, mal als Basketball gedribbelt wird.

Wie jeden Mittwochnachmittag treffen sich im weinrot angemalten und verhängten Dachboden des Waschhauses Ensemble-Mitglieder des Hans Otto Theaters mit Potsdamer Flüchtlingen zum Theater-Workshop, diesmal sind die Tänzerin Luana Rossetti und der Schauspieler Axel Sichrovsky dabei. Als Sprung ins kalte Wasser bezeichnet dieser das im Januar gestartete Projekt: „Unklar war, wie wir die Sprachdifferenzen bewältigen.“ Die Idee wurde bei einer Langen Nacht der Begegnung geboren. Damals weckte der Besuch von rund 250 Flüchtlingen „das vage Bedürfnis, angesichts der Beschäftigungslosigkeit der Menschen etwas tun“, erzählt der Dramaturg Christopher Hanf.

Das trifft bei Luisa einen Nerv. Sie ist die einzige geflüchtete Frau in der Theater-Gruppe, lässt keinen Termin aus und gibt sich unbeeindruckt durch die Mehrheit aus syrischen Männern. „Wir machen jetzt eine Übung zur sozialen Hierarchie“, erklärt Axel Sichrovsky auf Englisch und lässt das auf Arabisch übersetzen. „Wer will die beiden Patienten im Wartezimmer spielen?“ Noch bevor jemand reagieren kann, springt die zierliche kleine Frau auf und meldet sich, die Männer grinsen. Seit mehr als einem Jahr lebt Luisa mit ihrer sechsjährigen Tochter in einer Flüchtlingsunterkunft in Stahnsdorf. „Die Heimbewohner sagen, ich kann toll singen und tanzen“, erzählt die Russischlehrerin, die vom Kaukasus zuerst nach Belgien und Norwegen ging. Der Workshop sei mehr als ein Hobby: „Hier bin ich ein glücklicher Mensch.“

Eine Aufführung ist nicht geplant. Trotzdem steht Verbindlichkeit an oberster Stelle. Der Workshop sei bisher kein einziges Mal ausgefallen, erzählt die Choreografin Anja Kozik stolz. Die ersten Treffen waren für sie, Axel Sichrovsky und die Schauspielkollegin Nina Gummich nicht leicht. Einige Teilnehmer kamen erst ein bis zwei Stunden nach Beginn ins Waschhaus. Das neue Angebot lockte bis zu 30 Flüchtlinge an, die in den ersten Wochen noch sehr unterschiedliche Vorstellungen hatten: „Manche wollten sofort auf der Bühne stehen und berühmt werden, andere dachten an ein Begegnungscafé oder haben die Übungen nicht ernst genommen“, erzählt Sichrovsky. Viele blieben weg.

Bei Alaa al Haidar ist das anders. Der schlaksige Syrer übernimmt nach Absprache mit Sichrovsky das Kommando: „Wenn ich Hund sage, spielt jeder einen Hund“, sagt er und ruft: „Alter Mann in den 90ern.“ Die anderen bewegen sich im Schneckentempo am Stock, schon schnipst er mit den Fingern: „Rollenwechsel: Basketballer. Los, bewegt euch!“ Und, nach Dribblings und Sprüngen zum imaginären Korb: „Sterbender.“ Dem 33-Jährigen ist es ernst mit dem Workshop. In Damaskus hat er nach einem Schauspielstudium mehrere Jahre als Schauspieler gearbeitet. Im Oktober 2015 kam er mit seinem fünf Monate alten Sohn nach Eisenhüttenstadt.

Die Körpersprache hilft über die sprachlichen Barrieren hinweg. „Die Teilnehmer sind sehr offen, obwohl die meisten von ihnen keine Tänzer oder Theaterleute sind“, sagt Anja Kozik. Im Vordergrund des zweistündigen Treffens stehen etwa Wahrnehmungs-, Konzentrations- und Improvisationsübungen wie die im ersten Jahr auf einer Schauspielschule – so sollen die Schauspieler etwa zu zweit Schmerz darstellen. Manchmal würden dabei auch Tränen fließen, berichten die Theaterleute. Häufig bauen die Flüchtlinge das Reisen in ihre Darstellung mit ein, als Handlungsort wählen sie Bahnhöfe und Busbahnhöfe.

„Ich war nicht darauf vorbereitet, welche Geschichten die Menschen mitbringen“, sagt Anja Kozik. Über Bewegung versucht sie, eine positive Körperwahrnehmung herzustellen. „Wie fühlen sich Regentropfen an, die über den Körper laufen? Das ist eine sinnliche Wahrnehmung – ohne Schwere.“ Für Dramaturg Christopher Hanf ist es wichtig, „sich auf die Theaterarbeit zu konzentrieren“, sagt er. „Wir wollen den Geflüchteten auf Augenhöhe begegnen und sie nicht in die Rolle von traumatisierten Opfern stecken.“

Die traurigen Geschichten aber bleiben. „Wir können Themen wie Gewalt oder Tod nicht ausschließen“, sagt Schauspieler Axel Sichrovsky. Einer der Teilnehmer, Jalal Mando, 25 Jahre alt, musste nach einem kritischen Dokumentarfilm für zwei Jahre in Syrien ins Gefängnis und wurde dort auch gefoltert. Gemeinsam mit Alaa al Haidar plant der angehende Schauspieler am Hans Otto Theater ein dokumentarisches Stück, in dem Flüchtlinge ihre Geschichte erzählen. Auch er ist nicht hier, „um Spaß zu haben, sondern weil das unser Job ist. Ich liebe Theaterspielen – egal ob in einer Wohnung, im Restaurant oder auf der Bühne“.