• Taxifahrer in der Coronakrise: Mehr Sicherheit in Potsdamer Taxis

Taxifahrer in der Coronakrise : Mehr Sicherheit in Potsdamer Taxis

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer fördert wegen der Corona-Pandemie Trennwände in Taxis. In Potsdam sind erst zwei von stadtweit 147 Droschken damit ausgestattet.

Detlef Groba in einemTaxi mit Trennscheibe.
Detlef Groba in einemTaxi mit Trennscheibe.Foto: Carsten Holm

Potsdam - Ihr Beruf lässt sie in Coronazeiten zu einer Hochrisikogruppe werden: Tag für Tag sind Taxifahrer der Gefahr ausgesetzt, sich an ihrem kleinbemessenen Arbeitsplatz mit dem Virus anzustecken. Vor allem, wenn sie älteren und gehbehinderten Menschen auf ihren Sitzplatz helfen, kommen sie Fahrgästen näher, als gesund für sie sein könnte. „Wir arbeiten so dicht an den Menschen, wie es sonst wohl nur Ärzte und Pfleger tun”, sagt Karl-Heinz Kirle, seit 1987 Taxifahrer und jetzt Unternehmer mit drei Droschken in Potsdam. Sein Kollege Rainer Groß pflichtet ihm bei: „Oft stützen wir die Senioren beim Einstieg, drehen sie ins Auto, heben ihre Füße rein und schnallen sie an.” Ihn empört, dass die Taxifahrer „unfair behandelt werden, es gibt keine zwingenden Vorschriften, weil man uns einfach vergessen hat”. 

Die Politik hat das Thema der Hygiene in Taxis erkannt, sie wurden gelegentlich schon als Virenschleudern gebrandmarkt. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) verkündete jetzt, den Einbau von Trenneinrichtungen zwischen Fahrer und Fahrgast mit vier Millionen Euro zu fördern. Pro Fahrzeug stellt das Ministerium bis zu 400 Euro zur Verfügung, das Programm läuft bis Ende August. Nur: Geld vom Bund gibt es nur, nachdem die Bundesanstalt für Verwaltungsdienstleistungen einen Antrag bewilligt hat – also nicht für bereits eingebaute Trennscheiben.

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Sicherheitsscheibe für 330 Euro

Wer also früh für Sicherheit vor Corona sorgen wollte, wird bestraft. Auch für den Potsdamer Taxifahrer Detlef Groba aus Borkwalde kommt das Geld zu spät. Er hat schon Ende April in seine Mercedes E-Klasse eine Trennscheibe installiert, um sich vor Infektionen zu schützen. Nur 26 Euro hat ihn die Plexiglasscheibe gekostet – doch die ist wenig später einer neuen aus Polycarbonat gewichen. Groba, wie viele Kollegen ständiger Leser der „Taxi times”, die sich als Sprachrohr der Branche versteht, hatte nach der Lektüre einen Schreck bekommen: Plexiglas, hieß es da, könne bei Unfällen splittern, sogar die Betriebserlaubnis sei in Gefahr.

Groba ließ sich in einer Berliner Werkstatt für 330 Euro eine durchsichtige Polycarbonat-Scheibe einbauen. Da ruht sie nun aufrecht zwischen dem Fahrerbereich und dem Fond als kaum überwindbare Hürde für Coronatröpfchen. Eine Öffnung etwa auf Sitzhöhe dient als Durchreiche für den Zahlungsverkehr, auf dem Beifahrersitz darf bei Groba ohnehin niemand mehr mitfahren. „Ich fühle mich jetzt sehr sicher”, sagt der Taxiunternehmer, „viele Kollegen beneiden mich.” Nur viele? Nicht alle? „Nein”, erzählt Groba, „manche meinen, dass das Gröbste doch schon überwunden ist und ich mehr tue als notwendig.”

Frank Lüder, Chef der Taxi-Genossenschaft.
Frank Lüder, Chef der Taxi-Genossenschaft.Foto: Carsten Holm

"Es ist fragwürdig, ob der TÜV das akzeptiert"

Es ist kein Glaubenskrieg unter den Taxifahrern ausgebrochen – aber der Disput ist immerhin zu einer Glaubensfrage avanciert. Nur zwei der 147 Taxen, die in Potsdam mit einer Konzession der Stadt ihre Runden drehen, sind bisher mit einer Trennscheibe ausgestattet; in Deutschland kletterte die Zahl laut „Taxi times” innerhalb weniger Wochen auf knapp 3000. Die meisten Fahrer aber sind dagegen. Frank Lüder etwa, Aufsichtsratsvorsitzender der Taxi-Genossenschaft, in der 65 Unternehmer mit insgesamt 120 Droschken zusammengeschlossen sind, erklärt, warum er in seinen drei Fahrzeugen keine Trennwand eingebaut hat: „Es ist noch immer fragwürdig, ob der TÜV das akzeptiert. Es steht dann ja auch immer gleich die Betriebserlaubnis auf dem Spiel.” Seine Quelle: Die „Taxi times”.

Lüder geht einen anderen Weg. Er hat seine Taxis auch schon vor Corona regelmäßig desinfiziert, allein des angenehmen Geruchs wegen. Jetzt sprüht er die Türgriffe nach jeder Fahrt ab. Ausnahmslos seien seine Fahrgäste bisher mit Mund-Nasen-Masken eingestiegen, für den Fall, dass jemand seine Maske vergessen hat, hält er ein paar in Reserve. Zudem frage er vor sogenannten Arztfahrten, wenn Potsdamer sich in eine Praxis bringen oder von dort abholen lassen, stets, ob der Fahrgast unter Fieber, Schnupfen oder Husten und Heiserkeit leide.

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Während der Fahrt solle geschwiegen werden

Das empfiehlt der ADAC indes auch Fahrgästen. Sie sollten bei der Bestellung eines Taxis kundtun, dass sie etwa wegen hohen Blutdrucks zum Arzt müssen – und kein Verdacht auf eine Coronaerkrankung bestehe. Das Händewaschen vor der Fahrt und unmittelbar danach sei obligatorisch, während der Fahrt solle am besten geschwiegen werden. Der ADAC rät auch zum Tragen einer Mund-Nasen-Maske im Taxi, und: „Sie können ruhig auch den Fahrer freundlich fragen, ob er eine für sie hat.” Vorzuziehen sei bargeldloses Bezahlen. Sei dies nicht möglich, „geben Sie eher ein etwas höheres Trinkgeld als dass Sie Münzen annehmen”.

Trennwände in Taxis sind keine Geburt der Coronazeit. In London sind sie traditionell in den Droschken eingebaut, auch in Westdeutschland waren sie in den sechziger Jahren verbreitet. Allerdings nicht, um Viren, sondern um Verbrecher fernzuhalten. Es gab viele Taximörder, die den Fahrer ausraubten und umbrachten. In den 2000er-Jahren sank die Zahl von 460 Überfällen mit zwei Toten (2007) auf 212 Raubüberfälle (2018) – dabei kam niemand ums Leben.


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