• Superintendentin setzt auf den Nachwuchs: Potsdams Kirchen verlieren Gläubige

Superintendentin setzt auf den Nachwuchs : Potsdams Kirchen verlieren Gläubige

Die Mitgliederzahlen sinken erstmals seit Jahren – der Anteil der registrierten Christen in der Landeshauptstadt geht zurück.

Die Evangelische und die Katholische Kirche in Potsdam verzeichnen einen Schwund an Mitgliedern – erstmals seit Jahren wieder. 
Die Evangelische und die Katholische Kirche in Potsdam verzeichnen einen Schwund an Mitgliedern – erstmals seit Jahren wieder. Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Erstmals seit Jahren müssen die evangelische und die katholische Kirche in Potsdam mit spürbar sinkenden Mitgliederzahlen kämpfen. Das zeigen Statistiken aus den Gemeinden und der Stadtverwaltung. Auch tendenziell geht der Anteil der als gläubig registrierten Potsdamer stetig zurück: Demnach sind noch rund 17,5 Prozent der Einwohner der Landeshauptstadt in den beiden Kirchen organisiert. Vor zehn Jahren waren es 19 Prozent.

So waren im evangelischen Kirchenkreis der wachsenden Stadt über die Jahre stets mehr als 23 000 Menschen organisiert, 2019 sogar rund 23 600. Doch seitdem ist die Zahl der Mitglieder um knapp 1000 gesunken – und das, obwohl die Austrittszahlen zuletzt gesunken seien, sagte Potsdams evangelische Superintendentin Angelika Zädow den PNN jetzt auf Anfrage. Demnach hatten 2019 noch 483 Potsdamer der evangelischen Kirche den Rücken gekehrt, in diesem Jahr waren es bis Anfang Oktober nur 316.

Superintendentin Angelika Zädow.
Superintendentin Angelika Zädow.Foto: Andreas Klaer

Superintendentin setzt auf den Nachwuchs

„Der Rückgang hat zwei Gründe: Einmal den demografischen Wandel, zum anderen sind bei den Zuzügen längst nicht mehr so viele Menschen konfessionell gebunden wie noch vor zehn Jahren“, so Zädow. So sind laut dem aktuellen Statistikbericht der Stadt mehr als 25 Prozent der evangelischen Potsdamer über 65 Jahre alt - die mit Abstand größte Altersgruppe in der Religionsgemeinschaft. Ferner ist die Stadt Potsdam zuletzt, gerade mit Blick auf Corona, weit weniger schnell gewachsen als in den Jahren zuvor. Um neue Mitglieder zu gewinnen, setzt Zädow auf den Nachwuchs: „Der Kirchenkreis Potsdam investiert einen großen Teil seiner Arbeit in die Arbeit mit jungen Menschen.“ Zudem sei man in die Stadtgesellschaft hinein gut vernetzt.

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Sinkende Zahlen registriert auch die katholische St. Peter und Paul-Gemeinde. 2020 hatte man noch fast 7300 Mitglieder, jetzt sind es knapp 7140. Allerdings sind hier die Austritte zuletzt gestiegen. Waren es im vergangenen Jahr noch 128 Austritte, sind es dieses Jahr schon rund 180 - mehr auch als 2018 und 2019. Zu den Motiven für einen Austritt sagte Propst Arnd Franke, dazu müssten die früheren Mitglieder keine Angaben machen. Alle Potsdamer, die ausgetreten seien, würden von Erzbischof Heiner Koch und auch von ihm selbst ein persönliches Anschreiben erhalten, so Franke.

Propst Arnd Franke.
Propst Arnd Franke.Foto: Andreas Klaer

Die meisten Austrittswilligen nennen keine Gründe

Direkt mit Potsdamern zu tun, die aus der Kirche austreten wollen, hat Beate Suckrow. Sie ist am Amtsgericht die Sachbearbeiterin für Kirchenaustritte, die dort persönlich erklärt werden müssen - gebührenfrei und nach Terminvereinbarung. Die meisten Austrittswilligen würden zwar keine Gründe nennen. Diejenigen, die darüber sprechen, würden zum größten Teil die Zahlung von Kirchensteuern nennen - gerade junge Erwachsene. In solchen Fällen gehe es weniger um einen Verlust an Glauben, als um die Frage, ob man dafür bezahlen müsse. 

Am Amtsgericht ist Beate Suckrow zuständig, wenn Menschen in Potsdam den Kirchen den Rücken kehren wollen.
Am Amtsgericht ist Beate Suckrow zuständig, wenn Menschen in Potsdam den Kirchen den Rücken kehren wollen.Foto: Ottmar Winter

Als Austrittsgründe genannt werden laut Suckrow auch Wechsel von der katholischen zur evangelischen Kirche sowie der Umgang mit Missbrauchsfällen in den Kirchen. Gerade ältere Menschen würden oftmals über ein schlechtes Gewissen klagen, dass sie nun austreten, so Suckrow: „Manche überlegen da sehr lange.“

In ihrer Statistik über Kirchenaustritte lassen sich auch Krisen der Religionsgemeinschaften ablesen. So lag die Zahl der Austritte 2014 bei knapp 1300 - und ein Jahr später noch bei 750. Damals war der Fall des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst bekannt geworden - dieser hatte seinen Amtssitz luxuriös ausbauen lassen. Auch 2019 wurden mehr als 1200 Austritte registriert, in diesem Jahr bis Ende September schon 938. Gerade wenn die Kirchen mit Negativ-Schlagzeilen in den Medien vertreten seien, wachse der Andrang, so Suckrows Beobachtung.


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