• Studiengemeinschaft Sanssouci: Mit dem Bohnerbesen durchs Schloss

Studiengemeinschaft Sanssouci : Mit dem Bohnerbesen durchs Schloss

Ob König, Kunst oder VEB Getränkekombinat: Die Vortragsthemen gehen der Studiengemeinschaft Sanssouci nicht aus. Den Verein gibt es bereits seit 50 Jahren.

Klaus Arlt in seinem Arbeitszimmer voller Bücher, Schriften und Kunst. Seit 1971 ist der 85-Jährige Vorsitzender der Studiengemeinschaft Sanssouci, die heute ihr 50-jähriges Bestehen feiert.
Klaus Arlt in seinem Arbeitszimmer voller Bücher, Schriften und Kunst. Seit 1971 ist der 85-Jährige Vorsitzender der...Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Endlich einmal keine Arbeiterlieder singen: Als 1969 die Interessengemeinschaft Sanssouci als Bildungsangebot der damaligen Schlösserverwaltung gegründet wurde, fanden die Vorträge und Veranstaltungen sofort großen Zuspruch. Denn hier ging es um Preußen und lauter Monarchisches, erinnert sich Klaus Arlt, und nicht um die Geschichte der Revolution und Arbeiterklasse inklusive Liedvortrag zum Klassenkampf.

„Die SED nannte uns damals Preußen-Klub“, sagt Arlt. Der heute 85-jährige Stadthistoriker trat selbst kurz nach Gründung in den Verband ein, der Anfang Oktober sein 50-jähriges Bestehen feierte – als Studiengemeinschaft Sanssouci. Der Namenswechsel erfolgte nach der Wende. „Weil Interessengemeinschaft zu sehr nach wirtschaftlichen Interessen klang“, so Arlt. „Wir haben aber einen Bildungsauftrag.“

Der Verein spendete für die Schalenfontäne in Sanssouci.
Der Verein spendete für die Schalenfontäne in Sanssouci.Foto: Foto: Nestor Bachmann /dpa

Klaus Arlt ist seit 1971 durchgehend Vorsitzender des Vereins und hat die Arbeit maßgeblich geprägt. Dabei wollte er das gar nicht unbedingt. Die Anekdote, wie er den Posten bekam, erzählt er gerne: Der Verein durfte die normalerweise geschlossene Grabkapelle unter der Friedenskirche besuchen. Arlt testete die Akustik der Gruft mit einer spontanen Weihe-Rede auf den König. „Also quatschen können Sie“, sollen die Vereinsfreunde danach gesagt haben – und machten ihn zum Vorsitzenden.

Arlt, studierter Biologe, war über heimatgeschichtliche Schulausflüge zur Begeisterung für Stadt und Hohenzollern gekommen. Ein Geschichtsstudium kam für ihn nicht in Frage – da wäre er mit der Parteipolitik in Konflikte geraten, so seine Befürchtung. Das Angebot der Schlösserverwaltung kam ihm wie vielen anderen Geschichtsinteressierten sehr entgegen. Für Jüngere gab es damals außerdem den Kinder- und Jugendklub, aus dem ebenfalls Mitglieder rekrutiert wurden.

Zugang zu verschlossenen Räumen gegen Frühjahrsputz

Die Schlösserverwaltung freute sich über das Interesse der Bevölkerung. Es habe viele Mitarbeiter gegeben, die dort endlich einmal ihr umfängliches Wissen über die preußische Geschichte, Kunst und Könige, Schlösser und Gärten weitergeben konnten. Der Klub organisierte Vorträge und Exkursionen. Die Mitglieder hatten Zutritt zu Gebäuden und Räumen, die sonst nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Im Gegenzug machten sie sich praktisch nützlich und übernahmen in manchen Objekten den Frühjahrsputz, bevor nach der Winterpause neu eröffnet wurde. „Wir sind mit dem Bohnerbesen durch durch ein Schloss gerauscht und hinterher gab’s Glühwein, das war wunderbar“, schwärmt Arlt. Außerdem stellten sie bisweilen Aufsichtspersonal. Das wurde nach 1990 verboten: „Die Gewerkschaft sagte, dass das bezahlte Arbeitsplätze sein müssen.“

Die Wende erweiterte den Horizont

Das Programm für eine Mark Beitrag im Monat zog immer mehr Mitglieder. Bei 130 wurde schließlich ein Aufnahmestopp verhängt. Es sei einfach zu schwierig geworden, Ausflüge zu organisieren. Drei Busse voll war das Maximum und die Leute mussten schließlich am Zielort auch verpflegt werden. Wer sich an die Restaurantlandschaft der DDR erinnert, kann das Problem nachvollziehen.

Nach 1989 waren neue Ziele möglich, jetzt fuhr man Richtung Westen. Immer zu Orten, die eine Verbindung zur preußischen Geschichte oder Potsdam hatten. Es ging auch in die andere Richtung, nach Breslau und ins Hirschberger Tal. Der Reisewelle folgte Jahre später erneut eine Umorientierung: Man suchte wieder Ziele in der Nähe. Besichtigt wurde, was in den Jahren nach 1989 an historischen Orten restauriert werden konnte. Oder wo es neue Erkenntnisse und Fragen gab.

Fokus auf die Stadtgeschichte

Seit den 1990er-Jahren spielt zudem die Stadtgeschichte eine große Rolle und die Vortragsthemen sind meist sehr speziell: Von der Entwicklung der Dampfschifffahrt in Potsdam bis zur Geschichte des VEB Getränkekombinats und des Rinderzuchtbetriebs in Bornim. Was manchmal auf den ersten Blick schräg klingt, entpuppt sich oft als sehr interessant. Nicht selten ist Arlt dann selbst vom Forschungsdrang angesteckt. Die Quellenlage zu Potsdamer Orten sei sehr unterschiedlich. „Viele Akten und Archive wurden nach 1945 vernichtet, und die zweite Vernichtungswelle erfolgte 1989.“ Seit 1995 werden die Vorträge in Jahresheften publiziert.

Der Verein betreibt auch praktische Geschichtspflege und sammelt Spenden für Restaurierungen von kleineren Objekten oder Bauwerken der Schlösserstiftung. „Es sind immer nur Teilbeträge, aber wir können etwas anstoßen, was sonst vielleicht nie realisiert worden wäre“, sagt Arlt. Nicht zuletzt obliege ihnen auch ein sozialer Auftrag: Menschen mit ihrer Heimat und miteinander bekannt zu machen. Gerade für Neu-Potsdamer sei das doch ein schönes Angebot.

Heute sind sie 270 Mitglieder, der Altersdurchschnitt ist gehoben. Junge Leute kommen manchmal, bleiben aber selten. Die Leute sind nicht mehr sesshaft genug, um sich dauerhaft in einem Verein zu engagieren, vermutet Arlt. Unter den Gästen sind bisweilen Stadtführer, denen muss Arlt die Teilnahme als Weiterbildung quittieren.

Bei all dem Engagement wollen sie sich ihre Unabhängigkeit bewahren und sich nicht von Potsdamer Interessengruppen vereinnahmen lassen, weder von der Stiftung Garnisonkirche noch von den Befürwortern eines rekonstruierten Stadtkanals. Unabhängig waren sie schon in der DDR, obwohl sie von der Partei beobachtet wurden. Sie hatten in der Schlösserverwaltung einerseits gute Fürsprecher bis in die höchsten politischen Kreise. Und waren andererseits pfiffig. „Einmal im Jahr machten wir einfach was über sowjetische Kunst. Vor Stalin gab es ja durchaus interessante Leute“, sagt Arlt. „Wir haben aber nie ein Kampflied angestimmt.“