• Stressfaktor Coronakrise: „Was hier abgeht, ist nicht mehr normal“

Stressfaktor Coronakrise : „Was hier abgeht, ist nicht mehr normal“

Diana W. arbeitet in einem Potsdamer Rewe-Markt. Hier berichtet sie von ihrem stressigen Alltag in Zeiten der Coronakrise und von egoistischen Kunden.

Auch in Supermärkten wird derzeit noch mehr auf Hygiene geachtet.
Auch in Supermärkten wird derzeit noch mehr auf Hygiene geachtet.Foto: REUTERS

Potsdam - Stressfaktor Coronakrise: Mitarbeiter in Potsdamer Supermärkten leiden unter dem Verhalten von Kunden. Einige von ihnen haben sich im Online-Netzwerk Facebook Luft gemacht. So beschreibt Diana W. dort, was sie in den vergangenen Tagen als Mitarbeiterin eines Potsdamer Rewe-Markts erlebt und erlitten habe: „Was hier abgeht, ist nicht mehr normal. Wir betreten morgens um 6 Uhr den Laden, verräumen frisches Fleisch, backen für unsere Kunden frische Brötchen etc. Dann geht’s an die frischen Obst- und Gemüsewaren. Der Laden öffnet nach Plan um 7 Uhr. Der erste Kunde betritt den Laden: ,Wie? Haben Sie etwa keine Kartoffeln? Die waren gestern um 21 Uhr schon nicht da, und jetzt komm ich extra um 7 Uhr, und es sind immer noch keine da?’“

Die Mitarbeiter, schreibt W., entschuldigten sich höflich und räumten im „Flash“-Tempo die Palette ab, damit der Kunde seine Kartoffeln bekommt. Weiter geht’s. Der nächste möchte Mehl, Kartoffeln oder Nudeln: „Auch das müssen wir leider verneinen, da der Lkw noch nicht da war. Der Kunde pöbelt: ,Also Sie sollten nochmal in die Lehre gehen, Sie kommen ja überhaupt nicht mit der Situation klar!’“ 

Klopapier wird als erstes abgeladen

Jeder dritte Kunde sei genervt, dass die Regale leer seien und nicht schnell genug wieder befüllt würden, „schließlich verspricht der Staat jeden Tag aufs Neue, dass es keine Engpässe geben wird“, so die Rewe-Angestellte. Ihr Stresstag geht weiter: „Mittlerweile ist es Mittag, der Lkw hält, wir bitten ihn, das Klopapier als erstes abzuladen. Ich kämpfe mich durch die Menge, stell mich ans Regal, um die Ware zu verräumen. Leider komme ich nicht dazu, die Palette wurde bereits von den Kunden geplündert. Also stell’ ich die nächste Palette einfach nur in den Gang, die Kunden regeln das schon.“

Diana W. muss jetzt eine Kassiererin ablösen, „sie ist nämlich schon fix und fertig, da kaum ein Kunde ein nettes Wort für sie übrig hat. Sie wurde bereits drei Millionen Mal angehustet, hat zwei Mio angeleckte Scheine in der Kasse, und beschimpft wurde sie auch noch, weil sie um Kartenzahlung gebeten hat“. Als Diana W.s Schicht beendet ist, stehen noch 18 Paletten im Lager, „die in die Regale verräumt werden müssen. Also bleib ich natürlich und helfe den Kollegen noch ein wenig. Nach einer weiteren 11-Stunden-Schicht fahr’ ich nun total erschöpft nach Hause“. 

Wütend auf unfreundliche Kunden

Diana W. ist gekränkt über das Verhalten von Kunden: „Der Großteil sind absolute Egoisten, sie verlangen, dass wir Rollschuhe tragen.“ Sie schließt mit einem fast verzweifelt klingenden Appell: „Leute, werdet mal wach, wir sind auch nur Menschen und keine Maschinen. Uns reicht ein wenig Verständnis, wir tun schon was wir können. Wir verzichten auf Frei und verschieben unseren Urlaub, damit ihr 20 Pakete Nudeln und 800 Pakete Toilettenpapier kaufen könnt.“

Für ihre Äußerungen bekommt Diana W. viel Zuspruch. Ulrike M. gibt sich als Kollegin bei Netto zu erkennen: „Ich bin auch im Einzelhandel tätig und kann deine Wut ganz gut verstehen.“ Kerstin W. empfiehlt: „Schild an die Tür!!! Wer meckert und unfreundlich ist, wird nicht bedient, ansonsten werden alle Geschäfte wegen Krankheit geschlossen.“ Auch Natalie B. von Lidl im Kirchsteigfeld stimmt zu: „Du sprichst mir aus der Seele.“

Clemens Fuest, Präsident des Info-Instituts und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, plädierte am Dienstag in Gabor Steingarts „Morning Briefing“ für eine Gratifikation für jene Menschen, die derzeit im Gesundheitswesen und im Lebensmitteleinzelhandel unter hohem Risiko Großes leisteten: „Ich bin der Meinung, das sollte man honorieren, auch in dem man Risikozuschläge zahlt.“

Rewe-Gruppe zahlt Danke-Bonus 

Die Rewe-Gruppe, zu der auch die Penny-Märkte zählen, hat damit unterdessen begonnen, die Mitarbeiter gesondert zu entlohnen. Wie Pressesprecherin Kristina Schütz den PNN am Dienstag auf Anfrage mitteilte, gebe es in Deutschland einen Danke-Bonus, „den wir als Guthaben auf die Mitarbeiterkarten buchen“. Damit komme er den Beschäftigten „praktisch als Nettozahlung zugute“. 

Die Höhe sei abhängig vom Grad der Beschäftigung, etwa von Vollzeit oder Teilzeit, und der Funktion. Damit wolle das Unternehmen eine klare Botschaft an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter senden: „Wir sagen nicht nur Danke für ihren unermüdlichen Einsatz, sondern wir honorieren ihr Engagement zugleich in finanziell spürbarer Weise.“ 

Mehr zum Thema

» Alles Wichtige zum Coronavirus in Brandenburg/Potsdam in unserem Newsblog

» Was darf man jetzt, was nicht? Überblick zur Ausgangsbeschränkung

» Coronavirus-Symptome, Übertragung, Schutz: 66 wichtige Fragen und Antworten

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.