• Stadtentwicklung: Potsdams neue Kellermeister

Stadtentwicklung : Potsdams neue Kellermeister

Der Berliner Projektentwickler Glockenweiß haben neben dem Kreativquartier an der Plantage ein weiteres Vorzeigeprojekt in Potsdam in Planung. Ein Rundgang im Klosterkeller.

Andrea van der Bel und Christopher Weiß investieren in den Klosterkeller.
Andrea van der Bel und Christopher Weiß investieren in den Klosterkeller.Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Auf dem Weg zur alten Großküche hält Christopher Weiß kurz inne und tritt zu einer alten brauen Metalltür. „Hier war ich ja noch gar nicht drin“, sagt der 45-Jährige und öffnet. Ein kurzer Blick reicht. Weiß rümpft die Nase. Links auf dem verdreckten Fensterbrett modert eine tote Taube vor sich hin. Über allem liegt eine dicke Staubschicht. Es riecht muffig. Offenbar eine alte Technikkammer, die schon lange keine Verwendung mehr gefunden hat.

Aus dem Traditionsrestaurant soll ein "Kreativkloster" werden

Das könnte sich bald ändern. Zusammen mit seiner Geschäftspartnerin Andrea van der Bel führt Weiß an diesem Tag durch die verlassenen Räume des ehemaligen Klosterkellers in einer der zentralsten Lagen Potsdams. Die beiden Berliner Projektentwickler der Firma Glockenweiß wollen aus dem Objekt in der Friedrich-Ebert-Straße das „Kreativkloster“ machen, einen Komplex aus kleinen Wohnungen und modernen Büros. „Wir wollen hier interessante kreative Menschen herholen“, sagt van der Bel. „Wir denken auch wieder über ein bisschen Gastronomie nach. Nichts Großes, vielleicht etwas, wo nur ein paar Häppchen gereicht werden“, sagt die 50-jährige Mitchefin.

Der Klosterkeller in Potsdam
Klosterkeller Potsdam, Schriftzug im Fensterglas.Weitere Bilder anzeigen
1 von 21Foto: Andreas Klaer
06.03.2020 18:56Klosterkeller Potsdam, Schriftzug im Fensterglas.

Mit dem Aus für den Klosterkeller vor knapp anderthalb Jahren hat sich auch ein Stück Stadtgeschichte aus der Innenstadt verabschiedet. Immerhin war die Gaststätte die bis dahin älteste Einkehr in Potsdam. Schon Box-Weltmeister Max Schmeling und Ufa-Stars wie Hans Albers, Willy Fritsch und Lilian Harvey sollen hier zu Tisch gesessen haben. Das Gebäude zur Straße hin wurde Anfang des 18. Jahrhunderts gebaut und beherbergte ab 1736 eine Schankwirtschaft. Der hintere Teil stammt im Wesentlichen aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Um den Innenhof zieht sich zudem ein ebenfalls in die Jahre gekommener Neubau mit einer Galerie und einem großzügig verglasten Saal – früher ein Biergarten.

Im Innenhof soll möblierter Wohnraum entstehen

Hier soll später gewohnt werden. „Ziemlich genau auf dem alten Grundriss wollen wir ein zweigeschossiges Studioapartment bauen“, sagt van der Bel. „Microwohnen“, so heißt das heute. Alles soll möbliert vermietet werden.
Van der Bel und Weiß haben an diesem Tag ihre Führung im alten Tresenbereich gestartet. Das rau verputzte, aber unechte Gewölbe und der schwere Tresen vermitteln den Charme leicht in die Jahre gekommener Behaglichkeit. Überall stehen halboffene Pappkartons, halbleere Mineralwasserflaschen und Potspressobecher in allen nur erdenklichen Farben. „Die Potsdamer Bürgerstiftung nutzt den Bereich derzeit als Begegnungsstätte“, sagt Weiß. Vorerst allerdings nur. In rund einem Jahr wollen van der Bel und Weiß anfangen zu bauen. Dann müssen Marie-Luise Glahr und ihre Mitstreiter wieder raus. Und danach? „Wir haben der Stiftung Gespräche angeboten.“

Mehrwert für die Stadtgesellschaft schaffen

Gespräche führen die beiden Projektentwickler angeblich bereits mehrere. Vor allem mit Interessenten für die Büros und für die Gastronomie. Auf ihrer Internetseite versprechen die beiden behutsames Vorgehen. Die nachhaltige und wirtschaftliche Durchführung eines Projektes sei ihnen wichtig. Ebenso soziales Engagement und eine frühe Einbindung der späteren Nutzer. Durch die Projekte solle möglichst ein Mehrwert für die Stadtgesellschaft geschaffen werden, heißt es außerdem. „Gut für den Kiez“ lautet entsprechend der Firmenslogan. Für van der Bel heißt das: „Es wird hier keine Nordsee-Filiale und keine schwedische Modekette einziehen.“ Viel mehr stellt sie sich Agenturen vor und Ateliers. „Ich habe kürzlich gelesen, in Potsdam fehlt noch ein Feinkostgeschäft“, ergänzt Weiß.

Bis zu ihrem Einstieg im Klosterkeller war Glockenweiß in Potsdam noch ein unbeschriebenes Blatt. Inzwischen steht die Firma noch durch ein anderes, nicht weniger stadtgesellschaftlich bedeutendes Projekt im Fokus: van der Bel und Weiß wollen auch das neue so genannte „Kreativquartier Village“ realisieren, das – nach derzeitiger Beschlusslage – ab 2023 das Künstler- und Kreativhaus im Rechenzentrum ablösen soll. „Wir wurden von Belius gefragt, ob wir an der Investorenauswahl teilnehmen wollen“, erzählt Weiß. Die Berliner Belius GmbH war von der Stadt damals mit der Erstellung einer Machbarkeitsstudie und der Organisation der Konzeptvergabe beauftragt worden. Der Diskussion um die Garnisonkirche und den Erhalt des Rechenzentrums sei man sich durchaus bewusst gewesen, so van der Bel. Auch die Debatte um den Abriss der alten Fachhochschule habe man verfolgt. „Wir haben tatsächlich überlegt, ob wir das machen sollen. Dann fanden wir aber, dass das einfach zu spannend ist.“ Zudem gebe es in Berlin keine Konzeptvergaben. „Das aber ermöglicht es uns, ohne wirtschaftliche Unsicherheiten zu planen und dadurch eine ordentliche Qualität zu sichern“, sagt Weiß.

Insgesamt investiert Glockenweiß 100 Millionen Euro in Potsdam

Für das Kreativvillage sind laut Glockenweiß rund 85 Millionen Euro veranschlagt. Der Klosterkellerumbau soll 15 Millionen Euro kosten. Beide Projekte sollen 2023 fertig sein. Im Klosterkeller soll im nächsten Jahr begonnen werden. „Wir gehen gerade nochmal mit den Architekten die Planungen durch und wollen zum Sommer den Bauantrag stellen“, sagt van der Bel. Beauftragt ist das Potsdamer Architekturbüro Van Geisten Marfels.

Das erste Mal haben sich van der Bel und Weiß den Klosterkeller im August 2018 angeschaut. Über einen Geschäftspartner sind sie darauf aufmerksam geworden. Rund ein Jahr wurde verhandelt, dann eingeschlagen. Für Weiß ist ein Kauf ohne Vor-Ort-Termin undenkbar. Tatsächlich gebe es Projektentwickler, die ihre Entscheidung über eine Ansicht auf Google Earth treffen, sagt der geborene Berliner. Er habe da eine andere Philosophie: „Ein Objekt muss auch bei schlechtem Wetter und Nieselregen funktionieren. Bei Sonnenschein sieht alles schön aus.“ Und was hat die beiden im Fall des Klosterkellers überzeugt? „Die Lage, das Gebäude. Da ist Spannung drin“, sagt van der Bel. „Ein Schatzkästchen“, meint Weiß.

Auch in Nauen und Berlin-Tempelhof ist die Firma tätig

Gegründet wurde Glockenweiß im Sommer 2013. Van der Bel und Weiß kennen sich, weil sie beide zuvor für das gleiche Berliner Architekturbüro gearbeitet haben. „Wir haben einfach gemerkt, dass wir beide gut zusammenarbeiten können“, meint die Mitgründerin. Hauptsitz von Glockenweiß ist Berlin-Kreuzberg. Weitere Mitarbeiter gibt es nicht.

Zwei Projekte haben die beiden laut Weiß bereits „erfolgreich abgeschlossen“. Sechs weitere sind in der Mache. Entwickelt wird unter anderem in Flensburg, in Nauen im Havelland, in Berlin-Lankwitz und in Weiß’ altem Kiez Berlin-Tempelhof. Im digitalen Gedächtnis ist das Büro noch vollkommen unschuldig. Keine Presseartikel über gescheiterte Vorhaben, Bauverzug oder Mängel an der Ausführung. Wenn der Name im Netz auftaucht, geht es entweder um den „Idealismus“, mit dem etwa Weiß zu Werke geht oder es handelt sich um sachliche Beschreibungen von Bauvorhaben.

Im einstigen Tanzsaal sollen Büros entstehen

Dass die beiden Projektentwickler jetzt zeitnah an zwei bedeutenden Orten in Potsdam aktiv werden, ist mehr oder weniger Zufall, beziehungsweise auch eine Frage der Ökonomie. Schließlich sei es in seinem Beruf Teil der „Hausaufgaben“, dass man sich für ein Projekt auch mit den örtlichen Gegebenheiten, mit den Charakteristika einer Stadt, beschäftigt. „In diesem Fall muss man das dann nicht doppelt machen“, sagt Weiß. Auch an der Neugestaltung der Golmer Ortsmitte seien sie interessiert gewesen, berichtet Weiß’ Partnerin. „Aber da hat jemand anderes mehr geboten“, sagt Weiß.

Inzwischen sind van der Bel und Weiß durch die leere geflieste Großküche des Klosterkellers wieder zum Ausgangspunkt der Führung, in den Tresenbereich, gelangt. Insgesamt beträgt die Nutzfläche laut van der Bel rund 2000 Quadratmeter. Der größte Raum, neben der Küche, ist wohl der alte Tanzsaal im Obergeschoss. Dorthin führt eine Treppe, die sich an einer zweifarbigen weinrot-weißen Wand emporwindet. „Die Showtreppe“, witzelt Weiß. Oben an den Wänden lässt sich noch anhand der Farbreste die ehemalige Nutzung des Raums als Nachtbar ablesen. Sowohl zu DDR-Zeiten als auch später nochmal nach der Wende wurde hier geschwoft. Künftig soll der Saal als Ganzes zur Büroeinheit werden. Mehrere kleine Büros dagegen schweben van der Bel und Weiß in dem jüngeren Anbau vor, in den man durch eine Tür am hinteren Ende der alten Bar gelangt. Der schmale Schlauch, der sich an einer Seite des Grundstücks bis nach hinten zum Innenhof zieht, wurde laut van der Bel noch bis etwa 2010 als Wohnung genutzt.

Glockenweiß will selbst in den Klosterkeller ziehen

Ein Büro im Klosterkeller will Christopher Weiß perspektivisch selbst nutzen, quasi als Zweigniederlassung von Glockenweiß. Denn privat ist seine Bindung an Potsdam inzwischen noch enger als beruflich. Seit vier Jahren wohnt er mit seiner Familie in der Stadt und hat das Pendeln satt. „Wir haben damals in Berlin direkt am Tempelhofer Damm gewohnt und dann stand auch die Frage im Raum, wo unser Sohn künftig zur Schule gehen sollte.“ Da seine Frau und er zudem in Potsdam geheiratet hätten, sei die Wahl schließlich nicht schwer gefallen. Eine Entscheidung, die offenbar bis heute nicht bereut wird. Nach Potsdam zu kommen sei immer ein bisschen „wie Urlaub“. Auch van der Bel, die mit Familie in Berlin-Schöneberg wohnt, kann der Stadt einiges abgewinnen. „Ich finde Potsdam total schön. Die Stadt hat einfach ein anderes Tempo.“ Einen Umzug könne sie sich aber nicht vorstellen, sagt sie.

Auf das Tempo drücken müssen dagegen van der Bel und Weiß selbst – vor allem für das Kreativvillage. Die Fertigstellung für das Jahr 2023 ist vertraglich fixiert. „Wir werden in mehreren Bauabschnitten bauen müssen, damit wir das schaffen“, sagt die Projektentwicklerin. Spätestens im ersten oder zweiten Quartal 2021 müsse mit den Arbeiten begonnen werden. Zunächst aber startet in anderthalb Wochen erstmal der Architekturwettbewerb. Dafür werde der erste Entwurf noch einmal konkretisiert, so van der Bel. Erst vor Kurzem haben die beiden ihre Idee bei einer Informationsveranstaltung der Öffentlichkeit vorgestellt. Rund 70 Teilnehmer waren gekommen. Zuletzt haben van der Bel und Weiß zudem Künstler, Musiker und sonstige Kreative, die Interesse an einem Platz in neuen Kreativvillage haben, aufgerufen, bis Mittwoch dieser Woche ihre Wünsche zu äußern. Einen entsprechenden Fragebogen haben sie dafür ins Netz gestellt.

Das Rechenzentrums-Mosaik spielt im Kreativvillage keine Rolle

Für den Architekturwettbewerb wird übrigens das marode 18-teilige DDR-Mosaik „Der Mensch bezwingt den Kosmos“, das derzeit noch die Fassade des Rechenzentrums ziert, keine Rolle mehr spielen. Darüber habe man sich mit der Stadt verständigt. Noch für ihren Bewerbungsentwurf seien sie quasi verpflichtet gewesen, das 1972 von Fritz Eisel erschaffenen Kunstwerk zu berücksichtigen. Im ersten Entwurf war daher vorgesehen, das Mosaik aufzuteilen und die Tafeln an mehreren Gebäuden getrennt voneinander aufzuhängen. Doch über die Bedeutung des Kunstwerks, Möglichkeiten der Restaurierung und dessen Verbleib bei einem Abriss des Rechenzentrums wird inzwischen in Potsdam debattiert. „Das muss die Stadtgesellschaft erstmal selbst klären“, sagt Christopher Weiß. Gesetzt den Fall, das Rechenzentrum bliebe doch stehen, wie es inzwischen auch Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) fordert, könnte das Mosaik vielleicht hängen bleiben, wo es ist. Van der Bel und Weiß wäre das auch recht. „Wir haben das Rechenzentrum ohnehin immer eher als Ergänzung gesehen“, meint Weiß.

Weitere Zwischennutzungen geplant

Im Februar haben Mitglieder des Potsdamer Kneipenchors erneut ein Spontankonzert im erleuchteten Klosterkeller gegeben.
Im Februar haben Mitglieder des Potsdamer Kneipenchors erneut ein Spontankonzert im erleuchteten Klosterkeller gegeben.Foto: Andreas Klaer

Während das Kreativvillage noch ein eher abstraktes Projekt ist, gibt es im Klosterkeller immer wieder die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu schauen. Schon zum Lichtspektakel „Unterwegs im Licht“ Mitte Januar hatte Glockenweiß die Fenster des altehrwürdigen Restaurants geöffnet und die Passanten zu einem Spontankonzert eingeladen. Weitere sogenannte Zwischennutzungen soll es geben. „Wir haben viele Anfragen“, sagt van der Bel. Eine zumindest kann Christopher Weiß schon verraten: „Die Bürgerstiftung will gerne bis Baubeginn im Innenhof wieder einen Biergarten einrichten.“

Und noch etwas verrät der Wahlpotsdamer. Wem beim nächsten Spontankonzert im Klosterkeller die Luft ausgeht, dem könnte dann vielleicht schon geholfen werden. „Wir wollen vor dem Klosterkeller eine sogenannte Bike-Repair-Station aufstellen. Sieht aus wie ein Fahrkartenschalter mit einem Schlauch für Druckluft und Werkzeug“, berichtet Christopher Weiß zum Abschied an der alten schweren Eingangstür. „Das liegt jetzt beim Amt. Den Antrag auf Sondernutzung haben wir schon gestellt.“

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.