Potsdam : Stadt will Dealern an den Kragen

An Potsdams Schulen wird gekifft und mit Drogen gehandelt, jetzt fordert das Rathaus durchzugreifen

Tobias Reichelt
Ohne Ausnahme. An allen weiterführenden Schulen in Potsdam werden Drogen konsumiert oder gehandelt. Wenn die Schüler nicht bei Freunden fündig werden, schlagen sie beim Händler nebenan zu. Haschisch steht in der Beliebtheitsskala ganz oben.
Ohne Ausnahme. An allen weiterführenden Schulen in Potsdam werden Drogen konsumiert oder gehandelt. Wenn die Schüler nicht bei...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Stadtverwaltung hat alle Schulleiter in Potsdam aufgefordert, konsequent gegen Drogenhändler an ihren Einrichtungen vorzugehen. „Wir werden nicht dulden, dass an den Schulen gedealt wird“, sagte Stadtsprecher Jan Brunzlow am Mittwoch. Schüler, die Marihuana, Ecstasy oder noch härtere Rauschmittel an minderjährige oder erwachsene Mitschüler verkaufen, müssten Sanktionen erfahren. Das Hausrecht an allen Gymnasien, Gesamt-, Ober- oder Sportschulen in Potsdam sei streng geregelt, sagte Brunzlow. Wenn Prävention und Beratung nicht wirkten, drohe der Rausschmiss. Auf jeden Fall werde Strafanzeige gestellt.

Auslöser der Debatte ist ein Vorfall an der Elite-Sportschule „Friedrich Ludwig Jahn“. Ende Oktober sind dort fünf minderjährige Sportschüler beim Kiffen erwischt worden. Ein Neuntklässler hatte das Haschisch auf dem Schulgelände bei einem älteren Mitschüler gekauft.

„Wir wissen, dass es an allen weiterführenden Schulen in Potsdam Schüler gibt, die illegale Drogen konsumieren oder verkaufen“, sagte Renate Michael, Leiterin der Abteilung Prävention bei der Polizei, gegenüber den PNN. Wenn die Schüler die Drogen nicht bei ihresgleichen in der Schule kaufen, dann schlagen sie beim Händler nebenan zu. Es sei in Potsdam nicht ungewöhnlich, dass Dealer eine Wohnung in der Nähe von Schulen besitzen. „In der großen Pause verlassen die Schüler das Schulgelände, um sich nebenan eine Portion zu holen“, so Michael. Das Dunkelfeld sei riesig. Von Schule zu Schule sei das Problem mal größer, mal kleiner. Zum Teil handele es sich nur um einzelne Schüler, in anderen Fällen seien es ganze Gruppen. „Haschisch ist die gängigste Droge für Jugendliche.“ Seltener würden auch härtere Sachen wie die Partydroge Ecstasy von Schülern konsumiert.

Der Leiter der Potsdamer Sportschule, Rüdiger Ziemer, kündigte einen offenen und konsequenten Umgang mit seinen betroffenen Schülern an. „Wer bei uns mit Drogen handelt, hat hier nichts zu suchen.“ Gemeinsame Gespräche mit Eltern und Schülern habe es bereits gegeben. Einfach hinauswerfen kann Ziemer die Schüler aber nicht, sie nähmen derzeit weiter am Unterricht teil. Sie zeigten Reue und hofften auf eine zweite Chance. Über Konsequenzen soll in der kommenden Woche die Lehrerkonferenz entscheiden. In Absprache mit dem Schulamt sei auch ein Verweis denkbar.

Der Polizei lag am Mittwoch bereits eine Selbstanzeige eines Schülers der Sportschule vor, sagte Polizeisprecher Heiko Schmidt. Sowohl an der Schule als auch im Internat und im Freundeskreis würde ermittelt. Dem Betäubungsmittelgesetz nach sei der Konsum von Haschisch nicht strafbar. Wer aber beim Kauf, Verkauf oder dem Handel erwischt wird, dem drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Dabei zählt die Sportschule wohl zu den am besten kontrollierten Schulen der Stadt. Regelmäßig würden Sportler unangemeldet von der Nationalen-Anti-Doping-Agentur getestet, sagte Schulleiter Ziemer. Selbst während Klausuren oder Abiturprüfungen seien die Tester schon gekommen. Die Schüler mussten dann in Begleitung eine Urinprobe abgeben. Kein Test sei positiv ausgefallen. Einen generellen Drogentest für alle Schüler der Sportschule schließt Ziemer nach den Vorfällen allerdings aus. Das sei rechtlich nicht möglich. Andreas Klemund, Geschäftsführer der Luftschiffhafen GmbH, hatte das gefordert. Jugenddezernentin Elona Müller-Preinesberger (parteilos) kündigte an, das Problem mit dem Staatlichen Schulamt, der Polizei, dem Schulverwaltungs- und dem Jugendamt zu beraten. Zugleich warnte sie Schulleiter und Lehrer davor, Drogenkonsum unter den Teppich zu kehren. „Wer die Augen verschließt, macht sich zum Mittäter“, sagte sie den PNN.

Neben der Polizei ist auch der Verein „Chill Out“ in Potsdam bei der Drogenberatung für Schüler, Lehrer und Eltern aktiv. Allein der Fakt, dass an allen Potsdamer Schulen gekifft werde, sei noch nicht dramatisch, sagte Vereinschef Rüdiger Schmolke. Unproblematisch sei die Situation aber auch nicht. Einige Schulen würden die Situation verharmlosen. Ein Drittel aller Potsdamer Schüler sammle früher oder später Erfahrungen mit Haschisch, so Schmolke.

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