• Stadt der Arbeiterinnen: Eine Analyse: Der Alltag der Frauen in Potsdam

Stadt der Arbeiterinnen : Eine Analyse: Der Alltag der Frauen in Potsdam

Wie geht es den Potsdamer Frauen? Haben sie Arbeit? Machen sie Karriere? Sind sie politisch aktiv? Wir haben die Statistiken gewälzt und analysiert, wie die Situation der Frauen in der Landeshauptstadt ist.

Obwohl es den Frauen im bundesweiten Vergleich nicht so schlecht geht, gibt es noch Platz für Verbesserungen.
Obwohl es den Frauen im bundesweiten Vergleich nicht so schlecht geht, gibt es noch Platz für Verbesserungen.Foto: Andreas Klaer/PNN

Potsdam - Im bundesweiten Vergleich schneiden die Potsdamerinnen oft gut ab. Und doch haben sie in vielerlei Hinsicht noch immer das Nachsehen.

Viel Arbeit, wenig Gehalt

Eines ist klar: Hausfrauen sind die wenigsten Potsdamerinnen. 53 Prozent aller weiblichen Personen in der Stadt sind erwerbstätig, das ist sogar ein etwas höherer Anteil als bei den Männern. Deutschlandweit erreicht Potsdam hier sogar einen der besseren Werte, laut jüngstem Prognos-Ranking liegt die Stadt damit auf Platz 56 von allen 401 untersuchten Landkreisen und Städten. Allerdings heißt das nicht, dass die Potsdamer Frauen auch finanziell besser dastehen als die Männer, wie aus der jüngsten Jahresstatistik der Stadt hervorgeht. So gibt es deutlich mehr Frauen als Männer, die ein sehr niedriges Einkommen von unter 900 Euro netto haben. Und andersherum ist bei den Gutverdienern (über 1500 Euro netto) der Anteil der Männer höher. 

Dies ist teilweise durch die höhere Teilzeitrate der Frauen zu erklären – Potsdamerinnen arbeiten im Durchschnitt 5,6 Stunden weniger pro Woche – und auch durch schlechtere Bezahlung in frauentypischen Branchen wie Pflege, Erziehung oder Einzelhandel. Schwacher Trost: In den meisten anderen Städten und Landkreisen ist der Unterschied noch größer, Potsdam landet bei der „geschlechterspezifischen Einkommensdifferenz“ auf Platz 50 von 401.

Kita, Quoten, Väterzeit

Da Kinderbetreuung auch im Jahr 2019 immer noch oft Frauensache ist, sagt das Angebot an Betreuungsmöglichkeiten ebenfalls etwas über die Situation der Potsdamerinnen aus. Tatsächlich ist die Quote in der Landeshauptstadt vergleichsweise gut: 55,4 Prozent der Unter-Dreijährigen wird betreut, der Bundesdurchschnitt liegt bei nur 33,1 Prozent. Bei den Drei- bis Sechsjährigen liegt die Abdeckung sogar bei 99,2 Prozent. 

Allerdings helfen alle Quoten nichts, wenn die Suche nach einem Kitaplatz den letzten Nerv raubt oder die Wunscheinrichtung schon bis 2022 ausgebucht ist – Potsdamer Eltern kennen diese Probleme nur zu gut. Auch die hohen Kosten für Kitas belasten sie, während etwa in Berlin die Betreuung komplett kostenfrei ist. 

Immerhin sind Potsdamer Väter mehr als anderswo bereit, sich auch um die Kinder zu kümmern. 954 Männer haben 2017 Elterngeld bei der Kommune beantragt, die Zahl ist immerhin halb so hoch wie die der Frauen (1835). Deutschland- und brandenburgweit machte der Männeranteil lediglich ein Drittel aus. Allerdings verrät die Statistik nicht, für wie lange die Männer Elterngeld beantragt haben – ob sie sich die Betreuungszeit mit den Frauen also wirklich aufgeteilt oder nur im Sommer ein paar gemeinsame Wochen für den verlängerten Urlaub genommen haben. 

Apropos Mütter und Väter: Auch die Situation der Alleinerziehenden sagt etwas über Frauen aus – denn aus der Statistik geht hervor, dass in Potsdam knapp 90 Prozent der Alleinerziehenden weiblich sind. Damit ist dieser Wert sogar noch höher als der brandenburgweite Wert von 87 Prozent. 

Die Zahlen zeigen auch, dass Alleinerziehende vor allem in den sogenannten Plattenbauvierteln der Stadt leben: In Drewitz machen sie 8,3 Prozent der Haushalte aus, am Schlaatz 7,5, in der Waldstadt II 7,2. Besonders niedrig sind diese Werte in Neu Fahrland, der Teltower Vorstadt oder in Golm.

Verwalten ja, regieren nein

Gestalten die Potsdamerinnen ihre Stadt mit? Diese Frage ist mit einem klaren Jein zu beantworten. Denn in der Stadtverwaltung machen sie zwar deutlich über die Hälfte der knapp 3000 Mitarbeiter aus. Betrachtet man allerdings die besser bezahlten und oft verantwortungsvolleren Beamtenjobs, sind die Frauen wieder in der Unterzahl.

Auch an der Rathausspitze dominieren derzeit die Männer: neben Oberbürgermeister Mike Schubert, Kämmerer Burkhard Exner (beide SPD) und Bernd Rubelt (parteilos) ist derzeit Noosha Aubel (parteilos) die einzige weibliche Wahlbeamtin in der Landeshauptstadt. Vakant ist allerdings zur Zeit der Posten des Sozialdezernenten – womöglich wird das Verhältnis durch eine weibliche Besetzung bald ausgeglichener sein. 

Auch im Potsdamer Stadtparlament sind Frauen deutlich unterrepräsentiert: Nur 21 der 57 Stadtverordneten sind weiblich. Ganz ähnlich ist das Verhältnis zwischen den Geschlechtern, wenn man die Ausschüsse betrachtet. Nur vier der elf Gremien werden von Frauen geführt – den ebenfalls von einer Frau geleiteten Migrantenbeirat nicht miteingerechnet. 

Einer der Gründe könnte sein, dass Kommunalpolitik mit den nachmittags oder abends stattfindenden Sitzungen extrem familienunfreundlich ist und Familie wie bereits beschrieben vielfach immer noch Frauensache ist. Und immerhin: Auch wenn die Potsdamer Frauen nicht annähernd gemäß ihres Anteils an der Bevölkerung im Parlament vertreten sind – in den meisten anderen Stadträten, Kreistagen oder Gemeinderäten der Republik ist die Quote noch deutlich schlechter, wie Potsdams sehr guter Rang 18 in dieser Kategorie bei der Prognos-Untersuchung verrät.

Frauenstraßen, Männerstraßen

Friedrich-Ebert, Hegel, Gutenberg – die meisten bekannten Potsdamer Straßen sind nach berühmten Männern benannt. In den vergangenen Jahren ist allerdings die Erkenntnis gereift, dass es auch viele bedeutende Frauen in der Geschichte der Stadt gibt, die eine Benennung wert sind. 2015 fassten die Stadtverordneten einen Beschluss, wonach Frauen bei der Vergabe neuer Namen besondere Beachtung finden sollen. Tatsächlich wurden seitdem zehn weibliche und neun männliche Straßennamen vergeben, wie die PNN auf Anfrage erfuhren. Dazu gehörte zum Beispiel die Lotte-Laserstein-Straße in Babelsberg, die an die Potsdamer Malerin (1898–1993) erinnert. 

Und auch der Pool für künftige Benennungen wurde gemäß des Beschlusses überwiegend mit Frauennamen neu bestückt: Seit 2015 wanderten 21 weibliche und lediglich vier männliche Namen neu hinein, zum Beispiel jener der 1943 von den Nationalsozialisten ermordeten Leiterin des jüdischen Frauenvereins in Potsdam, Anna Zielenzinger.