• Potsdam: BerlinsTaiga bietet Führungen auf den Spuren der Roten Armee

Spuren der Roten Armee : Potsdam zwischen Kasernen und Welterbe

Welche Spuren hat die Rote Armee in Potsdam hinterlassen? Holger Raschke bietet hier mit seiner Firma BerlinsTaiga Stadtführungen auf den Spuren sowjetischer Geschichte an. 

Naima Wolfsperger
An dem unscheinbaren Pfosten im Park Babelsberg konnten Grenzposten zu DDR-Zeiten Telefonhörer einstöpseln und Meldung machen.
An dem unscheinbaren Pfosten im Park Babelsberg konnten Grenzposten zu DDR-Zeiten Telefonhörer einstöpseln und Meldung machen.Foto: PNN / Ottmar Winter

Potsdam - Herzen in die Baumrinde ritzen, das gilt bei Paaren als romantisch. An einem Baum im Park Babelsberg, nahe der Laubenganghäuser am Nordeingang, findet sich indes eine ganz andere Art der Liebeserklärung: „1945“ ist dort in die Rinde geritzt und darunter „9. Mai“. Ein sowjetischer Soldat muss das Datum des Kriegsendes dort eingraviert haben, um den ersehnten Frieden zu begrüßen. Denn als am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation in Berlin unterschrieben wird, ist es gegen Mitternacht. In der UdSSR ist es, mit einer Stunde Zeitverschiebung, aber bereits ein Uhr nachts. In Osteuropa endete der Zweite Weltkrieg demzufolge am 9. Mai.

Ein sowjetischer Soldat hat vor 74 Jahren das Ende des Zweiten Weltkrieges in einen Baum im Park Babelsberg geritzt. 
Ein sowjetischer Soldat hat vor 74 Jahren das Ende des Zweiten Weltkrieges in einen Baum im Park Babelsberg geritzt. Ottmar Winter

Holger Raschke hat die Inschrift im Park Babelsberg vor etwa einem Jahr entdeckt. Der 36-Jährige macht seit zwei Jahren Stadtführungen in Potsdam und Berlin. Er konzentriert sich dabei auf das unscheinbare sowjetische Erbe und auf die Spuren des Zweiten Weltkriegs, die trotz aufwendiger städteplanerischer Veränderungen noch immer zum Stadtbild gehören. BerlinsTaiga hat er sein Unternehmen getauft. Damit soll der Bezug zur sowjetischen Geschichte schon im Namen anklingen. „Die unendlichen Wälder der Taiga gelten vielen als Symbol für die Sowjetunion“, erklärt er.

Die Glienicker Brücke ist ein Symbol der Teilung. Noch heute hat die Brücke zwei Farbtöne.
Die Glienicker Brücke ist ein Symbol der Teilung. Noch heute hat die Brücke zwei Farbtöne.Ottmar Winter

Studiert hat Raschke nachhaltiges Tourismusmanagement. Sein geschichtliches Wissen hat sich der Potsdamer privat angeeignet – aus persönlicher Motivation. „Ich bin in Potsdam geboren und aufgewachsen, aber meine Großeltern lebten in Teltow-Fläming. Dort habe ich als Kind viel Zeit verbracht.“ Die Rote Armee sei in seinen Kindertagen omnipräsent gewesen: endlose Kasernenstädte, abgeschirmte Militärobjekte und gigantische Übungsplätze.

Später, nach dem Fall der Mauer, habe er dann erlebt, wie sich Potsdam verändert hat. „An vielen Orten gibt es aber noch Kleinigkeiten, die an unsere einmalige Geschichte erinnern. Auch wenn viele Potsdamer sie im Alltag vergessen oder übersehen.“ Es sind diese Raritäten, die er in seinen Stadtführungen geschickt und kurzweilig in den größeren geschichtlichen Kontext stellt. 

Spaziergang durch das ehemalige Sperrgebiet

Raschke zeigt er auf einen unscheinbaren Metallpfahl, der am Wegesrand etwa hüfthoch aus dem Boden ragt. „Jeder Grenzposten hatte früher ein Telefon bei sich – einen Hörer mit Kabel. An dem Pfahl gab es eine Kontaktstelle, da konnten die Posten das Kabel einstöpseln und Meldung machen.“ Wer den Pfahl passiert, befindet sich im ehemaligen Sperrgebiet der ehemaligen DDR-Grenze.

Alte Spuren: Einige DDR- „Rostock-Laternen“ finden sich heute noch im Park Babelsberg. 
Alte Spuren: Einige DDR- „Rostock-Laternen“ finden sich heute noch im Park Babelsberg. Ottmar Winter

Raschke bietet verschiedene Touren an, etwa durch das ehemalige sogenannte KGB-Städtchen Am Neuen Garten, oder auch eine „Kayak-Tour auf dem Eisernen Vorhang“ – entlang der Havel als natürliche Wassergrenze zwischen dem ehemaligen West-Berlin und der DDR.

Die Führung durch den Unesco-Welterbepark heißt „Der Park Babelsberg im Schatten der Weltgeschichte“ und behandelt die Frage, wie sich der Zweite Weltkrieg und die Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 im Schloss Cecilienhof auf den Park und seine Umgebung auswirkten. Dabei behandelt er auch die Kaderschmiede der SED im Park, die Brücken über die Havel und Geschichten von Fluchtversuchen. 

Die Route gehöre zu seinen Lieblingstouren, sagt Raschke. Nicht zuletzt wegen seiner Kindheitserinnerungen: Vom Schloss aus ist der Fernmeldeturm auf dem Schäferberg in Wannsee zusehen. Den Turm sah der junge Raschke als Kind jeden Tag – aus seinem Fenster im fünften Stock eines Plattenbaus. Nur einige Hundert Meter von der Grenze entfernt, die sich in jener Zeit auch durch den Park Babelsberg zog.

Holger Raschke (links) von BerlinsTaiga weist in seinen Stadtführungen auf die Spuren der Sowjetischen Besatzung hin. 
Holger Raschke (links) von BerlinsTaiga weist in seinen Stadtführungen auf die Spuren der Sowjetischen Besatzung hin. Ottmar Winter

„Zu DDR-Zeiten war das hier Grenzgebiet“, sagt Raschke und zeigt mit seinem ausgestreckten Arm, wie sich nur wenige Meter vor dem Schloss Babelsberg der Maschendrahtzaun erhob und den Hang, der zum Wasser hin abfällt, als Sperrgebiet abgrenzte. Die Glienicker Brücke war eine Verbindung in den Westen. „Das sieht man noch heute an den beiden unterschiedlichen Grüntönen, mit denen die Brücke gestrichen ist: Eine Hälfte gehört zu dem Bundesland Berlin, die andere zu Brandenburg.“ 

Weil auf der Schlossseite der Havel aber die Grenzanlage verlaufen sei, war die Glienicker Brücke für die Potsdamer nur vom Schloss Babelsberg aus sehen – und wurde in ihrer Unerreichbarkeit ein Symbol für die Grenze. „Sie war ein Mysterium für die Potsdamer“, sagt Raschke. 

Ein Teil des Parks war nicht öffentlich

Er hat einen Reiseführer für den Park Babelsberg aus DDR-Zeiten gefunden, der wohl aus den 1980er-Jahren stammen muss. Den zeigt er gerne seinen Tourgästen. Das Grenzgebiet am Hang ist darauf nicht eingezeichnet. Auch der Teil des Parks, in dem sich die SED-Kaderschmiede bis hin zu dem Villenviertel am Ostende des Parks erstreckte, ist im Buch eine weiße Fläche. Besucher konnten nur von Süden her und nur bis vor das Schloss, in dem sich ein Museum für Ur- und Frühgeschichte befand, gehen – und auf die Glienicker Brücke blicken.

Hintergrund

Holger Raschke hat sich 2017 mit seinen Stadtführungen selbstständig gemacht. Der 35-Jährige legt in seinen Touren Wert auf die eher unscheinbaren Spuren des sowjetischen Erbes in Potsdam und Berlin. Touren sind unter www.berlinstaiga.de zu buchen. Infos gibt es auch telefonisch unter 0160 5 111 88 7.

Die Leidenschaft, mit der Raschke seine Routen zusammenstellt, teilt er gerne mit anderen. Sein Blick für das Detail im großen historischen Kontext, gepaart mit persönlichen Erinnerungen – es ist diese Mischung, die seine Stadtführung zu einem kurzweiligen und beeindruckenden Erlebnis macht.