• Sondersitzung zur Garnisonkirche : Anhörung ohne Annäherung

Sondersitzung zur Garnisonkirche : Anhörung ohne Annäherung

Drei Stunden wurde diskutiert, näher kamen sich Gegner und Befürworter nicht. Doch Oberbürgermeister Mike Schubert nannte ein Zeitfenster für die Debatte.

Großes Interesse an der außerordentlichen Sitzung des Hauptausschusses zum Anhörungsverfahren Garnisonkirche.
Großes Interesse an der außerordentlichen Sitzung des Hauptausschusses zum Anhörungsverfahren Garnisonkirche.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Das Ringen um eine neue Position der Stadtverordneten zum Wiederaufbau der Garnisonkirche sorgt für großes Interesse. Zur Sondersitzung im Hauptausschuss kamen am Freitagabend mehr als 150 Gäste in den großen Saal der Industrie- und Handelskammer in der Breiten Straße, manche mussten auf dem Boden sitzen.

Die Sitzung verlief sehr formal und wurde live im Internet übertragen. Zu Beginn stellte Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) klar, dass die Anhörung kein Ort der Entscheidung sei - es gehe um die gleichberechtigte Darstellung der wichtigsten Positionen in dem seit Jahren andauernden Konflikt. Fragen aus dem Publikum waren nicht erlaubt, nur die Stadtverordneten hatten Fragerecht. „Es geht ums Zuhören“, sagte Schubert.

Wenig Neues

Im Vorfeld der Sitzung hatte sich der Oberbürgermeister noch optimistisch gegeben: „Wir sind auf dem Weg der Annäherung“, ließ er verlauten. Er sehe Schnittmengen, auch bei den eingeladenen Initiativen und Vereinen, die entweder Gegner oder Befürworter des Baus sind. Er hoffe auf neue Töne in dem Streit, so Schubert.

Die gab es nur selten. Die Stellungnahmen der neun Protagonisten, die am Freitag verlesen wurden, waren bereits im Laufe der Woche veröffentlicht worden – daher hielt sich der Neuigkeitswert in Grenzen. So besteht zum Beispiel die Initiative Mitteschön auf einem originalgetreuen Wiederaufbau, währenddessen die Bürgerinitiative gegen die Kirche die Auflösung der Stiftung fordert. Zudem müsse diese ihr Grundstück für das Kirchenschiff an die Stadt zurückgeben. Der evangelische Kirchenkreis der Stadt hatte hingegen den laufenden Turmbau unterstützt, ein historisierende Kirchenschiff aber als unnötig abgelehnt, was Superintendentin Angelika Zädow für den gewählten Kreiskirchenrat bekräftigte.

Das Anhörungsverfahren Garnisonkirche wurde live im Internet gestreamt.
Das Anhörungsverfahren Garnisonkirche wurde live im Internet gestreamt.Foto: Andreas Klaer

Neu war daher zunächst nur die Stellungnahme von Matthias Dombert, Chef der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau – der sich aber nicht festlegte. Er sagte lediglich, er stehe sowohl den Überlegungen des Oberbürgermeisters, der eine Jugendbildungsstätte nach dem Vorbild des „Haus der Demokratie“ in Weimar anstelle des Kirchenschiffs vorgeschlagen hatte, wie auch Gedanken von Mitteschön mit Sympathie gegenüber: „In beidem sehe ich das angelegt, was ich für die Garnisonkirche als prägend ansehe – nämlich Begegnung und damit die Grundlage für Dialog und das Überwinden von Trennendem zu schaffen.“ Wichtig sei ihm, dass Schubert die „kommunalen Interessen Potsdams“ im Kuratorium der Kirche vertrete. Zu Schuberts Vorschlag sagte er sonst wenig. Allerdings bedauerte Dombert das Verhalten der Gegner: „Dass ich es leider nicht geschafft habe, irgendjemand dazu zu bewegen, seinen Standpunkt öffentlich in unserer Nagelkreuzkapelle zu erläutern, bedaure ich. Man will sich nicht vereinnahmen lassen, man befürchtet, einer Umarmungstaktik zum Opfer zu fallen.“ Zudem erwähnte Dombert die von ihm veranlasste Satzungsänderung, wonach nun laut Fördergesellschaft kein originaler Wiederaufbau umgesetzt werden muss – es seien auch andere Nutzungen denkbar.

Carsten Linke vom Förderverein für antimilitaristische Traditionen neben Wieland Eschenburg von der Stiftung Garnisonkirche.
Carsten Linke vom Förderverein für antimilitaristische Traditionen neben Wieland Eschenburg von der Stiftung Garnisonkirche.Foto: Andreas Klaer

Gegner fordern Baustopp

Weitere Erklärungen fielen schärfer aus, gerade von den Gegnern. So forderte die Künstlerin Annette Paul von der Profilgemeinde „Die Nächsten“ einen Baustopp für den Turm, an dem ein Bruch mit der Geschichte fehle. Die Kirche sei ein Ort vielfacher Schuld: „Alle Kriegen Preußens wurden dort vorbereitet und verherrlicht.“ Carsten Linke vom Förderverein für antimilitaristische Traditionen in Potsdam erklärte, es dürfe nur einen Turmstumpf geben. Zudem kritisierte er den Bauherrn: „Mit dieser Stiftung kann das Projekt nichts werden.“ Darüber hinaus sagte er: „Mit jedem Stein, der verbaut wird, spaltet die Stiftung die Stadtgesellschaft tiefer.“ Man sei beim Bau der Turmkopie nicht zum Kompromiss bereit, so Linke. Nur eine Begrünung sei möglich.

Oberbürgermeister Mike Schubert (Vordergrund) hatte die Sondersitzung  angeregt.
Oberbürgermeister Mike Schubert (Vordergrund) hatte die Sondersitzung  angeregt.Foto: Andreas Klaer

Unisono forderten die Gegner den Erhalt des benachbarten Rechenzentrums. Auch der Verein für die freundliche Übernahme sprach sich für eine Rückgabe des für das Kirchenschiff vorgesehenen Grundstücks an die Stadt aus. Der Jahresumsatz der dort angesiedelten Unternehmen betrage mehr als 14 Millionen Euro, so der Verein.

Bei der folgenden Fragestunde kam wenig Neues. So lehnte es Wieland Eschenburg von der Stiftung auf Nachfrage der Linken ab, sich von einem originalen Kirchenschiff zu verabschieden – die Nutzung stehe eben noch nicht fest. Er könne sich aber einen moderierten Dialog mit den Nachbarn des Rechenzentrums vorstellen, sagte Eschenburg auf SPD-Nachfrage: „Versöhnung ist aber nicht, wenn ein Beschimpfter nachgibt, dass endlich Ruhe herrscht.“

Der Ton wurde schärfer

Barbara Kuster von Mitteschön sagte, in der Debatte gehe es viel zu wenig um die Schönheit des geplanten Baus. Und ein Raum der Größe – wie im Kirchenschiff - fehle der Stadt. Mit zunehmender Dauer verschärfte sich der Ton zwischen den Kontrahenten. Auch jenseits der Ausschusssitzung ging der Streit weiter. Der im Ausschuss nicht eingeladene Ex-Chef der Dessauer Bauhaus-Stiftung, Philipp Oswalt, kritisierte in einer am Freitag verbreiteten Stellungnahme die Haltung der Stiftung, die vor vorschnellen Entscheidungen gewarnt hatte.

Dies zeuge „von Egozentrik und Autismus ohne jede Rücksicht auf die Belange von Dritten“, so Oswalt. Denn gerade die Frage, ob das Rechenzentrum erhalten werden soll oder nach 2023 abgerissen wird, müsse nun geklärt werden, schon, um Fördermittel für den Erhalt einwerben zu können. Oswalt hatte diese Woche statt des Kirchenschiffes ein modernes Ausstellungsensemble zur kritischen Auseinandersetzung mit der Historie Preußens gefordert.

Auch nach der großen Anhörung blieb offen, ob Schubert für seine Idee eine Mehrheit im Stadtparlament finden wird – und wie groß diese sein könnte. Er sagt: Sein Vorschlag könne auch verändert werden. Erst müsse man über den Inhalt, dann über die Architektur des Kirchenschiffs sprechen, sagte er. Als Zeitfenster für die Debatte nannte Schubert das Jahr 2023, dann soll bislang das Rechenzentrum neben dem Turm der Garnisonkirche abgerissen werden, was Garnisonkirchen-Gegner verhindern wollen.