• Sonderausstellung im Potsdam Museum : Geheimes Kinder-Spiel-Buch nur für Erwachsene

Sonderausstellung im Potsdam Museum : Geheimes Kinder-Spiel-Buch nur für Erwachsene

Das Potsdam Museum zeigt in einer neuen Ausstellung Stadtgeschichte der 1920er- und 1930er-Jahre. Die PNN stellen einige Ausstellungsstücke vor. Dieses Mal: das „Geheime Kinder-Spiel-Buch“ von Joachim Ringelnatz.

Gefahr für Kinder? Um dieses Buch stritt sich Kiepenheuer mit der Polizei.
Gefahr für Kinder? Um dieses Buch stritt sich Kiepenheuer mit der Polizei.Foto: Ottmar Winter

In der Sonderausstellung „Umkämpfte Wege der Moderne. Geschichten aus Potsdam und Babelsberg 1914-1945“ wirft das Potsdam Museum einen Blick auf bislang kaum erforschte Kapitel der Stadtgeschichte: Die 1920er- und 1930er-Jahre. Die PNN stellen begleitend in loser Folge Ausstellungsstücke und ihre Geschichte vor. Heute: „Geheimes Kinder-Spiel-Buch“ von Joachim Ringelnatz.


Potsdam - Die Verfassung der Weimarer Republik war mit der ausdrücklich garantierten Presse- und Meinungsfreiheit eigentlich sehr liberal. In der Praxis sah das aber mitunter anders aus, legten lokale Beamte in Potsdam das Recht auf ihre Weise aus. Die konservativ-monarchistisch geprägte Stadt war in den 1920er-Jahren auch florierender Verlagsstandort, wie Jan Koska, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Potsdam Museum, erklärt. Vertreten waren dabei literarische Verlage ebenso wie politische, religiöse oder esoterische. 

Umkämpfte Wege der Moderne
In seiner neuen Sonderausstellung "Umkämpfte Wege der Moderne. Geschichten aus Potsdam und Babelsberg 1914-1945" wirft das Potsdam Museum den Blick auf bislang kaum erforschte Kapitel der Stadtgeschichte – die Jahre der Weimarer Republik und die beginnende NS-Zeit.Weitere Bilder anzeigen
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25.02.2019 13:12In seiner neuen Sonderausstellung "Umkämpfte Wege der Moderne. Geschichten aus Potsdam und Babelsberg 1914-1945" wirft das Potsdam...

Der Gustav Kiepenheuer Verlag zog Ende 1918 aus Weimar nach Potsdam in die heutige Geschwister-Scholl-Straße 59. Das neue Domizil habe nahe genug an Berlin gelegen, um Kontakt zu progressiven Schriftstellern zu pflegen, gleichzeitig habe Potsdams konservative Atmosphäre für die nötige Ruhe für die Arbeit gesorgt, erklärt Koska. Das ging einerseits auf: Der Verlag konnte sich mit Autoren wie Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger und Anna Seghers als wichtige Stimme in der Weimarer Republik etablieren.

Potsdamer Polizeipräsident störte sich an dem Kinderbuch 

Kiepenheuer bekam es aber auch mehrfach mit der Potsdamer Polizei zu tun. Ein bizarrer Streit drehte sich 1924 um das „Geheime Kinder-Spiel-Buch“ von Joachim Ringelnatz. Polizeipräsident Henry von Zitzewitz störte sich an dem Buch mit witzigen Reimen und skurrilen Spielanleitungen („Sich interessant machen“, „Das Doktor-Knochensplitter-Spiel“). Es gefährde Geschmack und Sittlichkeit der Kinder. Er verfügte, dass das Buch mit dem Vermerk „nur für Erwachsene“ versehen wird, außerdem sollte es aus Schaufenstern entfernt werden, berichtet Jan Koska. Kiepenheuer wehrte sich und verwies auf die Verfassung. In einer Werbeanzeige für das Buch nimmt er den Streit auf die Schippe: „Warnung!“, ist da zu lesen: „Beleidigungsklagen, Familienzwiste von tieferer Bedeutung, Entartungen in den Kinderstuben hochachtbarer Eltern, die uns zu Ohren gekommen sind, veranlassen uns zu folgender Erklärung: Das Geheime Kinder-Spiel-Buch von Ringelnatz ist ein Buch nur für Kinder von 20 bis 80 Jahren!“ 


Bis 23. Juni im Potsdam Museum am Alten Markt. Geöffnet dienstags, mittwochs und freitags 10 bis 17 Uhr, donnerstags 10 bis 19 Uhr, an Wochenenden und Feiertagen 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 5 Euro.