• Prozess in Potsdam: Mutmaßlicher Mörder befragt die Zeugen selbst

"Sind Sie pädophil?" : Mutmaßlicher Mörder befragt die Zeugen selbst

Im Prozess um den Mord an Dorota L. in Glindow irritiert der Angeklagte Wolfgang L. mit seinem Auftritt vor dem Landgericht. Auch mit seinem Verteidiger gerät er in Streit.

Der Angeklagte und sein Verteidiger Matthias Schöneburg (r.) (Archivfoto).
Der Angeklagte und sein Verteidiger Matthias Schöneburg (r.) (Archivfoto).Foto: Carsten Holm

Potsdam - Es ist ein irritierender, geradezu beschämender Auftritt, den sich der wegen Mordes an seiner Ehefrau Dorota angeklagte Wolfgang L. am gestrigen Montag im Saal 8 des Landgerichts herausnimmt. Mitunter völlig zusammenhanglos nutzt der 65 Jahre alte frühere Potsdamer Dachdecker sein Recht, im Rahmen einer Zeugeneinvernahme die Zeugen auch selbst zu befragen, zu einer Serie von Provokationen und Beleidigungen.

Wolfgang L. steht vor Gericht, weil er im Beisein mehrerer Augenzeugen am 11. Mai vergangenen Jahres seine 25 Jahre jüngere Ehefrau Dorota auf einem Grundstück im Werderaner Ortsteil Glindow erst mit Messerstichen schwer verletzt und dann in einem Goldfischteich ertränkt haben soll. Seine Frau hatte ihn nach 20 Jahren mit ihrem Sohn und der gemeinsamen Tochter wegen eines anderen Mannes verlassen und war mit den Kindern in die Ferienwohnung von Bekannten in Glindow gezogen. Wolfgang L. konnte es offensichtlich nicht ertragen, dass seine Frau ihm einen anderen, erheblich jüngeren Mann vorzog.

Zeugen als „Verbrecher” bezeichnet

Am Montag vor Gericht versucht er, die Glaubwürdigkeit der Zeugen zu erschüttern, fährt er sie voller Wut scharf an und beleidigt manch einen als „Verbrecher”. Der Vorsitzende Richter Theodor Horstkötter nimmt das mit erstaunlicher Ruhe hin. Bisweilen weist er ihn höflich, aber sehr bestimmt in die Schranken.

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Viele seiner Fragen sind eine Zumutung. „Warum hast du an dem Tag den Boden im Bad gewischt?“, will er etwa von Grazyna D., der 58-jährigen Tante der Getöteten, wissen – als habe sie nach dem Mord, den er mutmaßlich gerade begangen hatte, Spuren verwischen wollen. Immer schiebt Richter Horstkötter die Fragen des Angeklagten zurück in den Rahmen, den die Strafprozessordnung vorschreibt. „Das hat hier keine Relevanz”, sagt er dann, oder: „Mit solchen Formulierungen wäre ich in Ihrer Stelle sehr zurückhaltend.” Als Wolfgang D. die Tante seiner Frau unvermittelt fragt: „Welchen Grund gab es, deinen Bruder zu töten?“, gerät die Polin außer Fassung. „Beruhigen Sie sich bitte, Sie müssen die Frage nicht beantworten”, sagt der Richter.

Angeklagter empört sich über seinen Verteidiger

Wie es um seinen Gemütszustand bestellt ist, offenbarte Wolfgang L. gegen Ende der Einvernahme von Dennis D. Wegen ihm hatte Dorota L. ihren Mann verlassen. „Sie sagen, Sie verstehen sich gut mit meiner Tochter. Sind Sie pädophil?“, fragte er ihn. „Sie dürfen mit Ihren Fragen Grenzen nicht überschreiten”, ermahnte ihn Richter Horstkötter.

Zum Disput kommt es auch mit seinem Verteidiger Matthias Schöneburg: Der Angeklagte empört sich darüber, dass sein Rechtsbeistand die Zeugen nicht mit einer Kanonade von Fragen nach seinen Wünschen eindeckt. „Diesen Blödsinn frage ich nicht”, sagt Schöneburg, so leise, dass es kaum andere als sein Mandat hören. Der mutmaßliche Mörder kontert: Er habe „kein Vertrauen mehr” zu ihm.

Grazyna L. hat vor fast einem Jahr aus wenigen Metern Entfernung beobachtet, wie ihre Nichte Dorota L. von deren Ehemann auf grausame Weise umgebracht wurde. Der neue Mann, der 46-jährige D., wird später als Zeuge erzählen, wie er Dorota L. und deren Tante kennenlernte, als sie ein paar Mal im Potsdamer Spielcasino ihr Glück versuchten, wo er arbeitet. Sie waren entschlossen, ein Paar zu werden und zu bleiben.

Er weiß von einem heftigen Streit, bei dem L. seiner Frau so stark ins Gesicht schlägt, dass zwei Ohrringe herausgerissen werden. Schließlich droht er ihr, erst den neuen Partner, dann die Kinder, anschließend seine Frau und dann sich selbst umzubringen.

Grazyna L. sah alles mit an

Grazyna L. sah den Kampf um Leben und Tod im Gartenteich, sah, wie der damals 14-jährige Sohn versuchte, seine Mutter zu retten, wie er versuchte, seinen Vater wegzuschubsen und ihn an den Haaren zog. Der Vater drückte seine Frau unter Wasser, bis sie leblos auf der Oberfläche des Teichs schwamm. Sofortige Reanimationsversuche scheiterten, auch die später eintreffenden Notfallsanitäter und eine Notärztin konnten nicht mehr helfen. 

Grazyna L. berichtete, wie sie völlig aufgelöst ein paar Meter entfernt auf dem Holzsteg stand. Nur das Opfer war still. Wahrscheinlich war Dorota schon tot, als sie dort schwamm. „Wolfgang hat in unsere Richtung geschaut und nur gelächelt”, sagt Grazyna L.

Dennis D. spricht sehr gefasst über den mutmaßlichen Mord an der Frau, mit der er ein neues Leben beginnen wollte. Er habe sich gut mit ihr verstanden, auch mit den Kindern. „Es hat alles gut gepasst”, sagt er am Montag im Landgericht.

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