• Sieben Tafeln für „Andere Deutsche“

Potsdam : Sieben Tafeln für „Andere Deutsche“

Sie brachten sich in Gefahr, um Juden zu helfen: Jetzt sollen Gedenktafeln an diese Potsdamer erinnern

Die Anerkennung kommt mit mehr als sechzig Jahren Verspätung. Sieben Potsdamer, die während des Holocausts Juden geholfen haben, sollen jetzt mit Gedenktafeln im Stadtbild sichtbar werden. Es handelt sich dabei um Menschen, die von der israelischen Gedenkstätte „Yad Vashem“ als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt wurden. Die Tafeln werden an den ehemaligen Wohnhäusern der Betreffenden angebracht, sagte David Rosenfeld, Mitglied der Jüdischen Gemeinde Potsdam und Initiator der Aktion, den PNN. Dies soll „in Kürze“ geschehen – die Gestaltung der Tafeln sei bereits in Absprache mit der Stadtverwaltung und der Historikerin Edeltraud Volkmann-Block vom Potsdam Museum erarbeitet worden.

Mehr als 22 000 Menschen hat Yad Vashem nach eigenen Angaben bisher anerkannt, darunter auch 455 Deutsche. Für David Rosenfeld sind es „Andere Deutsche“.

So wie Carola Müller, die in der Ebertstraße lebte, bevor sie in die USA emigrierte. Sie ist die einzige, von der es kein Foto gibt. Müller unterstützte in den 40er Jahren ein befreundetes jüdisches Ehepaar mit Lebensmitteln – und saß dafür eine Woche im Gestapo-Gefängnis in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße. Bereits 1979 wurde ihr der Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ verliehen. Ihre Geschichte, zusammen mit Name und Geburtsname, ist im „Lexikon der Gerechten unter den Völkern“ für die Länder Deutschland und Österreich verzeichnet – allerdings ohne Hinweis auf Potsdam. Dass Carola Müller einst hier lebte, habe die Historikerin Edeltraud Volkmann-Block ausfindig gemacht, erzählt David Rosenfeld.

Die Namen anderer „Gerechter“ sind in Potsdam bereits bekannt: Nach Maimi von Mirbach und Dorothea Schneider etwa sind Straßen benannt. Auf den jetzt geplanten Gedenktafeln an ihren Wohnhäusern wird jedoch nachzulesen sein, was sie konkret geleistet haben, erklärt David Rosenfeld. Dorothea Schneider versteckte mehrere Juden unter falschem Namen in ihrer Wohnung in der Wielandstraße. Unterstützt wurde sie dabei von ihrer Tochter Christa-Maria Schneider-Lyckhage, die heute im schwedischen Göteborg lebt. Maimi von Mirbach nahm unter anderem eine jüdische Studentin in ihrer Wohnung in der Alleestraße auf und schickte Lebensmittel und Geld in das Konzentrationslager Theresienstadt. Beide gehörten der „Bekennenden Kirche“ an – wie auch Pfarrer Günther Brandt, der ebenfalls mit einer Tafel geehrt werden soll.

Annemarie und Helmuth Sell dagegen sind bisher nur in Amerika zu Ehren gekommen. Weil ihr Sohn dort lebt, sei die Auszeichnung Anfang der 80er Jahre in New York verliehen worden, berichtet David Rosenfeld, der mit dem heute 80-jährigen Sohn der Sells und seiner in Potsdam lebenden Schwester in Kontakt steht. Das Ehepaar, das damals in der Babelsberger Kaiserstraße – der heutigen Karl-Marx-Straße – wohnte, hatte einem jüdischen Jungen gefälschte Papiere besorgt und die Ausreise ermöglicht.

David Rosenfeld selbst verdankt sein Überleben einem „Anderen Deutschen“, wie er berichtet. Der 77-Jährige verlor fast seine gesamte Familie im Lager und bei Gewaltmärschen, zu denen er 1941 mit tausenden anderen jüdischen Einwohnern der rumänischen Landschaft Bessarabien – dem heutigen Moldawien – gezwungen wurde. Hilfe bekam er eines Nachts von einem „Menschen in deutscher Uniform“, wie er sich erinnert. Der Unbekannte versorgte die eitrig entzündeten Füße des damals Zehnjährigen: „Ich weiß bis heute nicht, wer das war.“

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