• Senioren in der Coronazeit: Sorglos durch die Krise

Senioren in der Coronazeit : Sorglos durch die Krise

Sie gehören zu den Risikogruppen, doch viele ältere Menschen, auch in Potsdam, scheinen sich bisher wenig Sorgen um die Gefahren durch Corona zu machen. Psychotherapeuten haben eine Erklärung.

Ältere Menschen bilden die größte Risikogruppe.
Ältere Menschen bilden die größte Risikogruppe.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Um sich und andere vor einer Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus zu schützen, sollen die Menschen zu Hause bleiben. Besonders ältere Menschen gelten bisher als Risikogruppe, für sie kann eine Infektion mit dem Virus schwer verlaufen. Doch viele ältere Menschen, auch in Potsdam, ignorieren den Appell, sich zu schützen, zuhause zu bleiben. Woran liegt das? Sind sie weniger besorgt über ihre Gesundheit? Sehen sie womöglich keine Gefahr für sich? Die PNN haben dazu Psychotherapeuten befragt. 

Die Potsdamer Psychotherapeutin Ruth Knaup glaubt, dass viele ältere Menschen schlichtweg nicht nachvollziehen könnten, warum so drastische Maßnahmen überhaupt notwendig sind. Auch spiele die durch Isolation entstehende Einsamkeit eine große Rolle. „Für viele ist das schlimmer als das Virus“, so Knaup. Die Senioren, die Knaup kenne, seien oft nicht besorgt, was die aktuelle Situation angeht. „Ich beobachte die größte Angst in meiner Altersgruppe“, sagt Knaup. Also bei Menschen zwischen Mitte 40 und bis Anfang 60. 

Warnung vor psychologischen Folgen der Isolation

Das erklärt sie damit, dass viele Jüngere in ihrem Leben noch nie solchen Bedrohungen ausgesetzt waren. Manche über 80-Jährige hingegen würden davon ausgehen, dass sie sowieso irgendwann sterben müssten, ihnen nun durch die Isolation aber Lebensqualität genommen werde. „Manche sagen auch, dass sie im Krieg Schlimmeres erlebt haben“, so die 48-jährige Psychotherapeutin. „Ich bin mir nicht sicher, ob durch die Isolationsmaßnahmen nicht große Schäden entstehen“, sagt Knaup. Die psychologischen Folgen der Isolation seien noch nicht absehbar. 

Die in Potsdam arbeitende Psychotherapeutin Kerstin Werder-Mörschel sieht für das riskante Verhalten älterer Menschen Angstvermeidung als Hauptgrund: „Sie wollen sich nicht der Krankheit stellen.“ Auch hätten viele Personen Angst, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. „Die Menschen glauben, dass sie beeinträchtigt werden. Das ist wie bei Impfgegnern“, so Werder-Mörschel. Um dem entgegenzuwirken, würden oft nur staatlich angeordnete Verbote als letzte Möglichkeit bleiben. 

Es nicht wahrhaben wollen

Sandra Reeker, psychologische Psychotherapeutin in Potsdam, nennt Altersstarrsinn als einen entscheidenden Grund für das sorglose Verhalten: „Die Menschen wollen nicht wahrhaben, dass das Virus im Moment so gefährlich ist.“ Wie Knaup hält es auch Reeker für möglich, dass viele ältere Menschen glauben, dass sie ohnehin nicht mehr zu lange zu leben haben. „Viele denken womöglich, es ist egal, wenn sie ein paar Monate früher sterben.“ Reeker macht auch klar, dass einige von ihnen die Hilfsangebote, die vor allem in sozialen Netzwerken und online angeboten werden, nicht in Anspruch nehmen können, weil sie diese Kanäle schlichtweg nicht nutzen. „Ältere Menschen gehen weiterhin einkaufen, weil sie keine andere Wahl haben.“ 

Ein Virus ist nicht greifbar

Generell hält es Reeker für ein Problem, dass das Coronavirus für die Menschen – egal ob alt oder jung – nicht greifbar ist. „Wenn ein Bürgerkrieg herrscht, sehen das die Menschen und sie gehen natürlich nicht vor die Türe“, erklärt Reeker. Bei einem Virus sei das anders, die Gefahr sei nicht erkennbar. Um ein Bewusstsein für die Gefahr zu schaffen empfiehlt die Psychotherapeutin, das Thema zu veranschaulichen. „Grafiken mit Kurven, die exponentiell steigen reichen nicht.“ Man müsse den Menschen verdeutlichen, was es konkret bedeute, wenn sie das Haus verlassen. Sie müssten sich mit dem Problem und den betroffenen Personen identifizieren. Positiv sei in diesem Zusammenhang die Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gewesen. „Die Menschen wurden sehr persönlich angesprochen“, so Reeker. „So etwas braucht es viel häufiger.“ 

Sie plädiert dafür, einen Mittelweg im Umgang mit dem Coronavirus zu gehen: „Es ist nicht falsch Bilder aus Italien zu zeigen. Die Menschen sollen verstehen, dass das Virus nicht harmlos ist.“ Gleichzeitig sei es aber auch wichtig, keine Panik zu verbreiten, sonst würden die Menschen überreagieren. „Man sollte den Blick auf die positiven Dinge lenken. Beispielsweise wie Menschen inzwischen andere unterstützen. Das gilt es herauszustellen“, so Psychotherapeutin Reeker. 

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