Potsdam : Selbst ist die Frau

Die Inhalte eines neuen Weiterbildungsprojekts erarbeiten die geflüchteten Teilnehmerinnen nach ihren Bedürfnissen

Ankommen. Im Projekthaus Babelsberg lernen geflüchtete Frauen, sich in Deutschland zurechtzufinden. Am Mittwoch überreichte Staatssekretär Thomas Drescher dort einen Förderbescheid an Projektleiterin Michaela Burkard.
Ankommen. Im Projekthaus Babelsberg lernen geflüchtete Frauen, sich in Deutschland zurechtzufinden. Am Mittwoch überreichte...Foto: Ronny Budweth

Babelsberg - Vor über einem Jahr kam Handarin Haji per Familiennachzug aus Syrien nach Deutschland. Zusammen mit ihren fünf Kindern zog sie zu ihrem Mann in die Einzimmerwohnung nach Luckenwalde. So weit, so gut – nur leben sie dort noch heute, zu siebt. Eine größere Wohnung finden sie nicht, obwohl ihr Ehemann in Berlin einen Job in einer Fleischfabrik hat. Eine Wohnung besorgen kann Handarin Haji zwar auch das neue Modellprojekt im Babelsberger Projekthaus nicht. Aber Haji kann dort zumindest Informationen erhalten, zum Beispiel zu ihren Rechten als Mieter, zu Verträgen oder möglichen Ansprechpartnern.

„Weiterbildung mit geflüchteten Frauen“ nennt sich das Projekt, das die Landesarbeitsgemeinschaft für politisch-kulturelle Bildung in Brandenburg (LAG) mit verschiedenen Partnern durchführt. Am gestrigen Mittwoch übergab Staatssekretär Thomas Drescher den Bewilligungsbescheid über eine Förderung von 94 000 Euro durch das brandenburgische Bildungsministerium. An drei verschiedenen Orten – neben Potsdam noch Beeskow und Perleberg – treffen sich geflüchtete Frauen seit November ein bis zwei Mal pro Woche. Bis Ende August läuft das Projekt. Das Besondere: Das Programm legen die Frauen selbst fest, entwickeln die Inhalte gemeinsam mit den Organisatoren.

„Die Teilnehmerinnen hier in Potsdam interessieren sich besonders für Ausbildung und Studium, aber auch für viele Alltagsfragen wie Handy- oder Mietverträge, oder ihre Rechte als Frau“, berichtet Franziska Liepe. Sie trifft sich in Potsdam als Multiplikatorin mit den rund 15 Frauen, viele von ihnen aus Syrien. Gemeinsam mit einem Kollegen organisiert sie auch Exkursionen oder holt externe Referenten zu bestimmten Themen dazu.

„Ein ganz großes Thema ist auch die Kinderbetreuung“, so Liepe. Viele der geflüchteten Frauen hätten mehrere Kinder, Kitaplätze sind bekanntlich nicht einfach zu ergattern. Deshalb haben viele große Schwierigkeiten, die Betreuung mit Angeboten wie Deutschkursen oder auch einer Ausbildung unter einen Hut zu bekommen. Aus diesem Grund gehört zu dem Pilotprojekt der LAG auch eine Kinderbetreuung dazu. Bei jedem Treffen können die Frauen ihre Kinder mitbringen, sie werden dann in einem Nebenraum betreut. Dadurch und durch Sprachmittler sollen die Hürden für eine Teilnahme möglichst niedrig bleiben.

Kommen dürfen alle Frauen mit Migrations- oder Fluchthintergrund. „Wir wollen einen geschützten Raum schaffen, in dem wir offen miteinander sprechen können und so auch Vertrauen aufbauen“, erklärt Liepe. Deshalb werde es auch nicht akzeptiert, wenn ein Mann seine Frau begleiten wolle. Das sei aber nur einmal vorgekommen, nach einem Gespräch habe der Mann das Vorgehen auch akzeptiert.

Das Hauptziel des Projekts sei die Förderung der Selbstständigkeit der Frauen, betont Projektleiterin Michaela Burkard von der LAG. „Der Bedarf nach solchen Angeboten ist auf jeden Fall da“, sagt sie. Sprachkurse gebe es in Brandenburg recht viele. „Aber viele fallen danach in ein Loch. Es fehlt an Folgeangeboten zum Alltag, zur Integration oder zum Einstieg in den Arbeitsmarkt“, so Burkard.

Für Staatssekretär Thomas Drescher ist genau das auch die Aufgabe des Landes: „Es soll die Möglichkeit geschaffen werden, dass sich diese Frauen verwirklichen können.“ Das sei ein wichtiger Schritt für die Integration der Geflüchteten. „Es ist unsere Verantwortung und Pflicht als Land Brandenburg, die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass diese Menschen in der Gesellschaft akzeptiert werden“, so Drescher.

In dem Modellprojekt wird Beratung geboten, Austausch, verbunden mit Fachwissen, angepasst an die Bedürfnisse der Teilnehmerinnen. So haben mehrere der Frauen in Potsdam, die in Syrien als Näherinnen gearbeitet haben, den Wunsch geäußert, daran anknüpfen zu können. Vielleicht wird auch das integriert: Im Projekthaus in Babelsberg ist neben Werkstätten für Keramik, Holz und Fahrräder auch eine Textilwerkstatt untergebracht.

Auch wenn eine der Frauen sich in bestimmten Bereichen gut auskennt, wird das genutzt. So klärt etwa die Teilnehmerin Sabiha Khalil über Frauenrechte auf – in ihrem Herkunftsland Syrien arbeitete sie als Englischlehrerin und engagierte sich für die Rechte der Frauen.