• Seit sechs Wochen in Quarantäne: Potsdamer Familie Fall für das Gesundheitsministerium

Seit sechs Wochen in Quarantäne : Potsdamer Familie Fall für das Gesundheitsministerium

Seit Ende März ist eine Potsdamer Familie aus Neu Fahrland isoliert. Stadt bat Land und Robert Koch-Institut um Prüfung der Quarantänevorgaben. 

Grüße vom Balkon. Seit sechs Wochen hat eine fünfköpfige Familie in Neu Fahrland die Wohnung nicht mehr verlassen.
Grüße vom Balkon. Seit sechs Wochen hat eine fünfköpfige Familie in Neu Fahrland die Wohnung nicht mehr verlassen.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Die Potsdamer Stadtspitze lässt die in die Kritik geratenen Quarantäneregelungen, die zu mehrwöchiger Isolation ganzer Familien führen, durch das Gesundheitsministerium und das Robert Koch-Institut (RKi) prüfen. Das teilte die Potsdamer Gesundheitsbeigeordnete Brigitte Meier (SPD) am Sonntag im Kurznachrichtendienst Twitter als Reaktion auf einen PNN-Bericht über die sechswöchige Coronaquarantäne der Familie Franke/Lemke aus Neu Fahrland mit.

Die Stadt legt jedoch Wert darauf, dass sie sich wegen der so genannten Kettenquarantäne bereits am 25. April an das Gesundheitsministerium und das RKI gewandt habe - also bereits vor der Berichterstattung über die Familie in Neu Fahrland. Auf eine PNN-Anfrage vom 28. April hatte die Stadt dies bereits am 29. April mitgeteilt und auch die entsprechende E-Mail an Land und RKI zur Verfügung gestellt.

Die fünfköpfige Familie ist seit dem 29. März isoliert und darf ihre Wohnung nicht verlassen. Mutter Ramona Franke hatte sich bei ihrer Arbeit als Krankenschwester im Bergmann-Klinikum mit dem Coronavirus infiziert, hatte jedoch nur einen Tag Fieber – so wie die achtjährige Tochter Mitte April. Seitdem sei die Familie komplett symptomlos, aber weiter unter Quarantäne, weil Ramona Franke bislang nicht wie Potsdam es fordert zwei negative Coronatests in Folge vorweisen kann. 

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Sie vermutet jedoch, dass bei den Abstrichen inaktive Viruszellen anschlagen; die Familienmitglieder würden jedoch gar nicht getestet, auch würden keine Antikörpertests durchgeführt. Potsdam handhabt die Quarantäne für medizinisches Personal strikter als andere Kommunen. Hier dürfen in medizinischen Einrichtungen Beschäftigte erst wieder zum Dienst, wenn zwei Coronatests hintereinander negativ bleiben. 

Potsdam setzt Regeln des RKI streng um

Dass die Quarantäne-Empfehlungen in Potsdam offenbar besonders rigide ausgelegt werden, kommt nicht von ungefähr. Eine Ursache ist der Coronaausbruch im Bergmann-Klinikum; dort starben bislang 44 Menschen an und mit Coronainfektion. Der Stadt sei „bewusst”, dass es „in vereinzelten Fällen zu einer Quarantänedauer von mehreren Wochen kommen kann”, heißt es in der Mitteilung des Rathauses auf eine Anfrage der PNN. Und weiter: „Durch das Ausbruchsgeschehen in Potsdam sowie die Sondersituation als Hotspot des Landes Brandenburg” halte sich die Stadt „stringent an die Vorgaben des RKI und setzt die Regelungen derart streng um”.

Ramona Franke, ihr Partner Thomas Lemke und ihre drei Kinder sind wegen Ramonas Coronainfektion daheim isoliert.
Ramona Franke, ihr Partner Thomas Lemke und ihre drei Kinder sind wegen Ramonas Coronainfektion daheim isoliert.Foto: Andreas Klaer

In der E-Mail des Gesundheitsamts an das RKI vom 25. April, die den PNN vorliegt, heißt es bemerkenswert offen: „Das Gesundheitsamt muss sich zunehmend mit der Frage auseinandersetzen, vermeintlich die Quarantäne für einen zu langen Zeitraum ausgesprochen zu haben.” Es komme bei strenger Auslegung der Kriterien des RKI, je nach Größe der Familie, zu einer Quarantänedauer von bis zu sechs Wochen. „Dieses sorgt für einen zunehmenden Unmut in der Bevölkerung, so dass bereits juristische Maßnahmen angedroht wurden.” 

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Das Potsdamer Amt weist auf ein weiteres Problem hin: „Erschwerend kommt hinzu, dass jedes Gesundheitsamt eigene Auslegungen der Empfehlungen umsetzt, so dass wir zunehmend in Argumentationsschwierigkeiten kommen.” Geändert hat sich die Praxis aber noch nicht.

Hinweis: Nach Hinweis der Stadtverwaltung Potsdam haben wir am 12.5.2020 um 19.30 Uhr die Aussagen zur Nachfrage des Gesundheitsamts beim Gesundheitsministerium und beim RKI ergänzt und präzisiert.

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