• Seit 30 Jahren in der Gutenbergstraße: Potsdams erster Eine-Welt-Laden feiert Jubiläum

Seit 30 Jahren in der Gutenbergstraße : Potsdams erster Eine-Welt-Laden feiert Jubiläum

Vor 30 Jahren wurde in Potsdam der erste Eine-Welt-Laden der damaligen DDR gegründet. Für den ersten Einkauf fuhr man mit zwei Rucksäcken nach West-Berlin.

Der Eine-Welt-Aktionsladen in der Gutenbergstraße 77.
Der Eine-Welt-Aktionsladen in der Gutenbergstraße 77.Foto: Manfred Thomas

Potsdam - Sorgenpüppchen waren der Renner. „Die gingen richtig gut“, sagt Hildegard Rugenstein. Die winzigen, bunten Figuren, die man sich wie in ihrem Herkunftsgebiet Mittelamerika unters Kopfkissen legen und denen man Sorgen anvertrauen solle. Sie gehörten wie Kaffee und Schokolade zum kleinen Sortiment, mit dem der Potsdamer Eine-Welt-Aktionsladen vor 30 Jahren begann. Rugenstein, Pastorin der Französisch-Reformierten Gemeinde, war damals Mitbegründerin des Ladens, der in den Räumen des Gemeindehauses in der Gutenbergstraße unterkam.

Dort ist er bis heute. Vieles hat sich verändert, das Sortiment, die Kunden, die begleitenden Projekte. Bis heute unverändert ist der Anspruch an den Laden: Es geht nicht nur um den Verkauf möglichst ökologisch vertretbar und fair hergestellter und gehandelter Waren. „Als Nachfolger der aus Frankreich eingewanderten Hugenotten wollen wir sensibel bleiben für Menschen in Not, für Weltgeschichte und Flüchtlinge“, so Rugenstein.

Alice Bender und Hildegard Rugenstein.
Alice Bender und Hildegard Rugenstein.Foto: Andreas Klaer

Laden entstand eher zufällig

Die Potsdamer waren in der DDR die ersten, die nach dem Herbst 1989 einen solchen Eine-Welt-Laden, die es seit den 1970ern in Westdeutschland gab, eröffneten. Das erfuhr Rugenstein eher beiläufig, als sich bei ihnen eine Studentin aus Dresden meldete, die dazu eine Arbeit schrieb. Rugenstein war schwer beeindruckt. „Heute gibt es allein in Brandenburg 23.“

Der Laden entstand dabei eher zufällig. Der kleine Raum im Holländerhaus wurde in den 1980er Jahren als Gottesdienst genutzt, die Französische Kirche auf dem Bassinplatz war damals eine Ruine. Im Wendejahr wurde der Raum zum Treffpunkt für verschiedene gesellschaftspolitische Initiativen und Gruppen. Nach dem Mauerfall war politisch der Druck raus, so empfand es Rugenstein. „Es ging nur noch ums Einkaufen im Westen. Dem wollten wir etwas entgegensetzen.“ Außerdem suchten die Menschen Halt und Orientierung in all dem Neuen. Es half den Menschen hier, dass sie anderen helfen und sich auch in dieser Konsequenz als Teil einer gemeinsamen Welt begreifen konnten.

Als Rugenstein im Herbst 1889 hörte, dass jemand einen Container mit Decken in ein Flüchtlingslager nach Mosambik schicken möchte und Spenden brauchte, wollten sie mitmachen. Spontan wurde ein Flohmarkt eingerichtet, Textilien, Bücher und Schallplatten verkauft. 15 000 Ost-Mark kamen im Dezember des Jahres zusammen – eine unglaubliche Summe für die damalige Zeit. Das motivierte zum Weitermachen. 

Laden wurde zum Selbstläufer

„Wir konnten damals nicht aufhören“, so Rugenstein. Im Januar kamen Spenden von West-Berlinern dazu. Dann fuhren sie zu ihrem ersten Einkauf in den Eine-Welt-Laden am Bahnhof Zoo. Sie kauften, was in zwei Rucksäcke passte. Bezahlt wurde in D-Mark, in Potsdam im Kurs eins zu sechs verkauft. Püppchen, Schokolade, Kaffee. „Obwohl der damals scheußlich schmeckte. Den trank man wirklich nur aus Solidarität, das ist heute natürlich längst anders“, erinnert sich Alice Bender, eine aus dem großen Team ehrenamtlicher Laden-Betreuer.

Irgendwie sei der Laden zu einem Selbstläufer geworden, die Nachfrage nach den Waren blieb. Man kaufte schließlich Möbel aus einem Warenhaus-Ausverkauf und richtete sich ein. Weil sie bis heute im Gemeindehaus keine Miete zahlen, können sie Preise anbieten, die mit denen im Supermarkt – wo es längst ebenfalls Fair Trade Produkte gibt – vergleichbar sind oder sogar darunter liegen. Gewinne werden in möglichst konkrete Hilfsprojekte gesteckt.

Geschäft und Kontaktstelle

Von Anfang an war der Laden auch Kontaktstelle – ein Aktionsladen eben. Hier trafen sich Gesprächsgruppen am Runden Tisch. Aktionen im bildungspolitischen Bereich, vor allem, was die nun kommenden Flüchtlinge betraf, nahmen hier ihren Anfang. Die Gründung des Oxfam-Ladens ging von hier aus. Bis heute arbeiten sie mit Schulen zusammen und bieten Schülerpraktika an. 2019 wurde der Laden zur Anlaufstelle der Potsdamer Gruppe von „Omas gegen Rechts“. Den runden Tisch in der Mitte des Raumes nutzen auch Schüler für Nachhilfeunterricht und ein Flüchtling habe hier, unter aktiver Einbeziehung der Kunden, wunderbar Deutsch-Sprechen gelernt.

Die Handwerksprodukte werden unter fairen Bedingungen hergestellt.
Die Handwerksprodukte werden unter fairen Bedingungen hergestellt.Foto: Andreas Klaer

Natürlich geht es vor allem ums Verkaufen. Das Sortiment aus aller Welt enthält die Klassiker, Handarbeiten aus Korb und Leder, Schmuck, Musikinstrumente, Spielzeug. Textilien, Lampen, Keramik und viele Lebensmittel. Neben dem Trockensortiment, Gewürze, Zucker, Tee, steht Rum aus Kuba und eine Getränkekiste mit Säften aus Brandenburger Fallobst und fairem Mangokonzentrat aus den Philippinen – hergestellt in einer Mosterei in Ketzür. „Die ganze eine Welt in einer Flasche“, sagt Rugenstein. „Diese Getränke gehen richtig gut.“

Viele Stammkunden

Etwas verwirrend ist noch immer die Zertifizierung. Hier gibt es einige verlässliche Gütesiegel wie Fair Trade. Andere müssen regelmäßig von ihnen oder den Beratern der Läden geprüft werden. Bei manchen Siegeln reicht es, wenn einige der Zutaten aus fairem Handel stammen, bei anderen muss das Gesamtprodukt stimmen. Immer mehr spielt auch Bioqualität eine Rolle. Fair ist nicht auch automatisch bio. Neu im Angebot sind Schokoladen, die in Ghana aus dortigen Rohstoffen hergestellt und als einzelne Tafeln verpackt werden. Dabei fließt ein Drittel des Nettopreises ins Ursprungsland. Wird lediglich fairer Kakao exportiert, profitiert das Land viel weniger.

Die Käufer in Potsdam sind weitgehend Stammkunden, dazu kommen Touristen. Es könnten mehr sein. „Die Produkte sind gar nicht so teuer, wie manche befürchten“, sagt Rugenstein. Ebenso wünscht sich das Laden-Team neue Mitstreiter – damit sich auch ihre Arbeit fair auf vielen Schultern verteilt.

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