Potsdam : Seeblick mit Geschichte

Etwa 70 Helfer kamen am Samstag zum Arbeitseinsatz ins denkmalgeschützte Alexanderhaus in Groß Glienicke. Im Fokus stand diesmal der Garten

Helfende Hände. Freiwillige bei der Gartenarbeit am Samstag im Alexanderhaus am Groß Glienicker See. Rund 70 Helfer waren gekommen, um das Grundstück von Unkraut zu befreien.Alle Bilder anzeigen
Fotos: Manfred Thomas
12.04.2015 21:35Helfende Hände. Freiwillige bei der Gartenarbeit am Samstag im Alexanderhaus am Groß Glienicker See. Rund 70 Helfer waren...

Diese Antwort war unmissverständlich und dennoch falsch: „Das gibt’s hier nicht“, erklärte eine Frau am Samstag in Groß Glienicke auf die Frage, wo sich denn das Alexanderhaus befinde. Dabei lag das gesuchte Anwesen nur geschätzte 200 Meter Luftlinie entfernt – in zugegebenermaßen etwas unwegsamem Gelände: Ein verwildertes Grundstück, darin ein bisschen „Steppe“, allerlei Gebüsch, mittendrin ein niedriges Holzhaus in erbarmungswürdigem Zustand.

Als er vor zwei Jahren hier gewesen sei, da habe man das Gebäude vor lauter Wildwuchs schon aus wenigen Metern Entfernung nicht mehr erkennen können, sagt Thomas Harding. „Es war unmöglich, das Haus zu sehen.“ Seitdem hat sich der Dschungel im Gelände schon ordentlich gelichtet. Für den südlich von London lebenden Harding ist das Grundstück nicht irgendein beliebiges Areal mit Blick auf den Groß Glienicker See. Vielmehr hängt für ihn an dem Anwesen in der Straße Am Park 2 ein großes Stück Familiengeschichte. Hardings Urgroßvater Alfred Alexander, seinerzeit Präsident der Berliner Ärztekammer, suchte hier mit seiner Familie vor 80 Jahren sommerliche Erholung. 1927 pachtete er das Grundstück und ließ sich ein Sommerhaus aus Holz errichten. Prominente wie Albert Einstein, die Fotografin Lotte Jacobi oder der Regisseur Max Reinhardt sollen hier zu Gast gewesen sein. Doch 1936 floh die jüdische Familie Alexander wegen der drohenden Verfolgung durch die Nazis nach England. Die Sommerfrische am Groß Glienicker See hatte für die Alexanders ein jähes Ende gefunden.

Am vergangenen Samstag trafen sich viele Helfer zu einem Arbeitseinsatz auf dem verwilderten Anwesen, darunter neun Mitglieder der Familie Alexander, die von weit her angereist kamen. Nach Schätzung von Ortsvorsteher Winfried Sträter (Groß Glienicker Forum) waren über den Tag verteilt rund 70 Freiwillige gekommen. Zu dem Aktionstag aufgerufen hatte der Verein Alexanderhaus, dessen Vorsitzender Harding ist. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, das seit zwölf Jahren unbewohnte Anwesen für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wie Harding erläuterte.

Die Historie Groß Glienickes und natürlich auch die Geschichte seiner Familie könnten hier in dem momentan noch völlig heruntergekommenen Wochenendhaus eines Tages gezeigt werden, wünscht sich der Journalist und Autor, der momentan an einem Buch über die Geschichte des Hauses schreibt, das im nächsten Frühjahr unter dem Titel „Sommerhaus am See“ erscheinen soll. Auch Hardings Vater Frank, der in London lebt, war am Samstag nach Groß Glienicke gekommen. Er hat noch die Erzählungen seiner Mutter Elsie im Ohr, die als Tochter von Alfred Alexander vor rund 80 Jahren öfter auf dem Anwesen weilte. „Meine Mutter erzählte immer davon. Sie hatte viele Erinnerungen an dieses Haus“, berichtete Frank Harding.

Einen lebendigen Erinnerungs- und Gedenkort will der Verein Alexanderhaus aus dem Grundstück machen. „Es geht nicht darum, hier tote Geschichte zu zeigen“, sagte Vereinsmitglied Moritz Gröning. Ausflügler und Ortsansässige, aber auch Schüler sollen nach den Vorstellungen des Vereins auf dem Anwesen später einmal zusammenkommen können, um hier den Gedanken der Völkerverständigung mit Leben zu füllen.

Doch bevor es so weit ist, muss das vor allem aus Holzwänden bestehende Haus, das immerhin sieben – eher kleine – Zimmer sowie eine Küche und ein Bad hat, grundlegend saniert werden. Er rechne mit einem niedrigen sechsstelligen Betrag, der für die Restaurierung des völlig heruntergekommenen Hauses notwendig werde, sagte Gröning. Schon im kommenden Jahr könnten die Restaurierungsarbeiten beginnen, so seine Hoffnung.

Potsdams Baubeigeordneter Matthias Klipp (Grüne) übergab am Samstag schon einmal symbolisch die Schlüssel an den Verein Alexanderhaus. Die Stadt als Eigentümerin des Grundstücks verhandelt derzeit mit dem Verein über einen Nutzungsvertrag. Ein „Letter of intent“, also eine Absichtserklärung, wurde am Samstag unterzeichnet.

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