Potsdam : Schwejkiade im Knast

Ein Professor erzählt über Fluchthilfe und Stasi

H. Dittfeld

Der Anglistik-Professor Dr. Manfred Görlach hat seine Geschichte nach eigenen Aussagen schon über 400-mal erzählt, fünfmal war er bereits in Potsdam. Als Student in Westberlin hatte er 1961 einer Potsdamer Studentin bei der Flucht aus der DDR helfen wollen, war aber über Kontaktpersonen der Stasi in die Falle gegangen, festgenommen und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden. 1964 wurde er freigekauft und konnte in Heidelberg sein Studium abschließen.

Viel Zeit ist seitdem vergangen, die Story von der Zeit im Gefängnis hundertfach erzählt worden und immer noch eine Wiederholung? Der Veranstaltungsraum in der Stasi-Gefängnis-Gedenkstätte Lindenstraße 54 ist am Donnerstagabend gut besetzt und unter den Interessierten befindet sich auch eine Klasse der Waldorfschule Berlin Südost, die im ehemaligen Ostteil der Stadt liegt. Ob denn über solche Erfahrungen mit Fluchthilfe und Fluchtversuchen Zuhause gesprochen werde, war die Frage nach dem aufmerksam verfolgten Bericht Görlachs. Allgemeines Kopfschütteln. „Nein“, meint schließlich Simon Rusch stellvertretend für die anderen, „es wird wenig darüber geredet.“ Auch die anderen nennen das Gehörte „neue Erkenntnisse“. Das sollte den Potsdamer Lehrern für Politische Bildung zu denken geben und sie animieren, die wenigen noch aktiven Zeitzeugen stärker in den Unterricht einzubinden. Die Veranstaltungsreihe „Menschen unter Diktaturen“ lädt geradezu dazu ein.

Und doch scheinen die Zeitläufe einiges zu verklären, denn Manfred Görlachs Bericht hört sich im Großen und Ganzen an wie eine Schwejkiade und von „der Hölle“, wie er es nennt, ist nur noch wenig zu spüren. Görlach war offenbar schon als Student ein pfiffiger Bursche und hatte bereits einigen Ost-Berlinern zur „Ausreise“ in den Westteil der Stadt verholfen. Und nur weil die Verbindungsfrau statt die Potsdamer Studentin persönlich zu informieren einen Brief geschrieben hatte, war er der Stasi ins Netz gegangen. Da er sich während seiner Haftzeit nicht als Informeller Mitarbeiter anwerben lassen wollte, wurde er nicht in die Kategorie „Gute Führung“ eingestuft. So konnte ihm schließlich nur noch das in der DDR heiß begehrte Westgeld beim Freikauf helfen. Während seiner Haft hatte er Freunde und Verwandte gebeten, ihm immer wieder Postkarten zu schicken. „Die bekam ich zwar nur sehr selten ausgehändigt, aber sie hinterließen den Eindruck, dass ich nicht vergessen war.“ Bei der Einteilung zur Arbeit für das Brandenburger Traktorenwerk, wies er zwei linke Hände vor und entkam so schwerer Arbeit bei höchst mangelhaftem Arbeitsschutz. Den gemeinsamen Kinobesuch lehnte er ab. So habe er zwei Stunden die Zelle, die er mit kriminellen Schwerverbrechern teilen musste, für sich allein gehabt. Es habe ihn geistig gerettet, dass er sich solche Nischen schaffen konnte, erklärt er im Rückblick.

Hans-Eberhard Zahn, in den 1950er Jahren ebenfalls Student, hatte es da erheblich schlimmer getroffen. Er saß unter den Zuschauern und berichtete, dass man ihn wegen Spionage angeklagt hatte, den Vorwurf nicht halten konnte und ihn dann – „man konnte mich aus ideologischen Gründen nicht laufen lassen“ – wegen dreier Anti-DDR-Artikel in westlichen Zeitungen zu sieben Jahren Haft verurteilte. Zahn hatte kein Freikaufs-Glück und saß die ganzen sieben Jahre ab.

Zu den Zuhörern, die sich zu Wort meldeten, gehörte auch Lothar de Maiziére, der in der DDR als Anwalt praktizierte ehe er bis zum Ministerpräsidenten in der Wendezeit aufstieg. Die Frage, wie man sich in einem Unrechtssystem wie der DDR als Anwalt für politische Häftlinge betätigen konnte, beantwortete er nur ausweichend. Görlach ganz speziell konnte er nur insofern helfen als er die Freikaufsaktion über den DDR-Staranwalt Vogel anstieß. H. Dittfeld