Potsdam : Schweizer Stil statt Neugotik

Kapelle in Klein-Glienicke hätte auch anders aussehen können / Pläne von Ernst Petzholtz kamen nicht zum Zuge

Günter Schenke

„Mit Interesse lese ich Ihre Beiträge zu geplanten Bauten in Potsdam, die nicht ausgeführt wurden“, schreibt Gerhard Petzholtz aus Stahnsdorf und gibt eine Anregung zur Planung und zum Bau der Klein-Glienicker Kapelle im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. „Mein Urgroßonkel, Ernst Petzholtz, hatte den Entwurf für den Bau einer Kapelle im Stil der benachbarten Schweizer Häuser … eingereicht“, so der Urgroßneffe des Baumeisters.

Andreas Kitschke, Potsdams bekannter Kirchenhistoriker, hat die Entstehungsgeschichte der Klein-Glienicker Kapelle in seiner Veröffentlichung „Potsdam Babelsberg – Klein-Glienicker Kapelle und Umgebung“ dargestellt.

Klein-Glienicke war Anfang des 19. Jahrhunderts ein eigenständiges Dorf ohne eigenes Gotteshaus. Die Leute mussten nach Wannsee in die Kirche gehen und ab 1837 in die von August Stüler und Albrecht Dietrich Schadow mit russisch anmutenden Zwiebeltürmchen gebaute Kirche auf Nikolskoë. Doch das war keine ideale Lösung. Michael Seiler schreibt dazu in der Broschüre „Insel Potsdam“: „Der Weg der Bewohner Glienickes nach der zuständigen Kirche in Nikolskoë war besonders im Winter sehr beschwerlich. So kam der Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus am Ort auf, nachdem die Einwohnerzahl durch Villen- und Landhausbau infolge der Eröffnung der Bahnstation in Neu-Babelsberg am Griebnitzsee 1862 erheblich zugenommen hatte. Man dachte zunächst an eine Kirche in Schweizer Bauart.“

Nach der Übernahme des Pfarramtes durch Ludwig Petzholtz (1843 bis 1903) im Jahre 1872 rückten die Pläne für den Bau einer Winterkirche in greifbare Nähe, zumal sich der Halbbruder des Pfarrers, der Maurermeister Ernst Petzholtz, mit dem Titel eines Hofbaumeisters schmücken durfte. Dieser hatte zuvor zusammen mit dem Bildhauer Alexander Gilli die „Loggia Alexander“ im Auftrag des Prinzen Carl von Preußen (1801-1883) auf dem 66 Meter hohen Böttcherberg entworfen.

Nach dem Entwurf von Ernst Petzholtz aus dem Jahre 1872 sollte sich der Stil der neuen Kirche an die so genannten Schweizerhäuser im Dorf anlehnen. Der Baumeister hatte eines der zehn eigentümlichen Gebäude selbst gebaut, wie sein Urgroßneffe mitteilt. Die übrigen Schweizerhäuser, von denen heute noch vier vorhanden sind, baute Ferdinand von Arnim. Danach sollten die Kirchenfenster verzierte Holzrahmen erhalten und der spitze Glockenturm als eine Art Dachreiter aufgesetzt werden. 20000 Mark waren für den Rohbau des Kirchleins veranschlagt. Laut Kitschke kamen zwei Drittel davon durch Spenden des Prinzen Carl, dessen Tochter Prinzessin Marie sowie durch Bewohner der Kolonie Neu-Babelsberg zusammen. Für den Rest erbat die Gemeinde von Kaiser Wilhelm I. ein „Gnadengeschenk“.

Der „alpine Baustil“ in Klein-Glienicke entstammt einer Idee des Prinzen Carl, der den Auftrag zum Bau der zehn Schweizerhäuser dem Hofarchitekten von Arnim erteilte. Deren Bauzeit lag zwischen 1863 und 1867. Der Prinz versprach sich von ihnen eine malerische Wirkung im Gebiet zwischen Klein-Glienicker Park und Babelsberg. Die Schweiz war damals Inbegriff einer naturnahen Lebensform. Um das „glückliche Landleben“ zu simulieren, entstand diese Architekturstaffage, von der auch das Bayrische Haus im Wildpark (1830) zeugt.

Die Petzholtzsche Kapelle sollte ein verputzter Massivbau mit einer Holzverkleidung nach dem Muster von Gebäuden wie sie im Berner Oberland bis Tirol zu finden sind, werden.

Zur Ausführung kam der Entwurf von Ernst Petzholtz nicht. Vielmehr ließ sich Kaiser Wilhelm I., wie Kitschke schreibt, am 5. Juli 1880 den von Reinhold Persius entworfenen Bauplan einer Kirche im neugotischen Stil vorlegen und steuerte dann wohl auch das fehlende Drittel der Baukosten bei. Bereits ein Jahr später, am Reformationstag 1881, fand die Kirchenweihe statt.

Als die DDR Klein-Glienicke nach dem Mauerbau 1961 zum Sperrgebiet erklärte, verfiel die kleine Kirche. Peter Trzeciok schreibt in seinem Buch über die „Mauer um West-Berlin“, dass mehrere Handwerker, die an ihr arbeiteten, aus dem Sperrgebiet in den Westen geflohen seien. Trzeciok: „Seitdem wurden weitere Reparaturen von der DDR-Behörde untersagt. Die Kapelle stürzte ein.“

Über die weitere Geschichte berichtet Andreas Kitschke in seinem Buch „Die Potsdamer Kirchen“: „Einem 1990 von engagierten Bürgern aus Ost und West gegründeten Bau- beziehungsweise Förderverein gelang die Restaurierung des architektonischen Kleinods.“ Von den dazu notwendigen 2,4 Millionen DM seien über 72 Prozent durch private Spenden aufgebracht worden.

Hofbau- und Hofmaurermeister Friedrich Ernst Petzholtz (1839 bis 1904), der dazumal die größte Potsdamer Baufirma besaß, kam mit seinem alpinen Plan für die Klein-Glienicker Kapelle zwar nicht zum Zuge, aber die von ihm gebauten Villen und Wohnhäuser prägen das Bild der Potsdamer Vorstädte bis zum heutigen Tag.

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