• Koch Ralf Blauert kritisiert das Schulessen in Potsdam

Schulessen in Potsdam : „In Berlin ist das Angebot eindeutig besser“

Ralf Blauerts Cateringfirma BlauArt verköstigt täglich 4000 Potsdamer Kinder. Beim Schulessen, sagt er, läuft hier aber vieles falsch.

Symbolfoto: Ralf Hirschberger/dpa

Herr Blauert, Sie sagen, bei der Schulverpflegung ist Berlin meilenweit vor Potsdam. Was macht Berlin besser?
Die Politik hat in Berlin einiges vorgelegt. So wird ab dem kommenden Schuljahr das Schulessen für alle Schüler der ersten bis sechsten Klassen kostenlos. Das wertet die Schulverpflegung auf. Außerdem wird der Bio-Anteil am Essen in öffentlichen Schulen 50 Prozent betragen. Das ist wirklich fortschrittlich! Damit wird das Angebot in Berlin eindeutig besser sein, als in Potsdam. Wegweisend ist auch eine moderierte Gesprächsrunde von Experten zum Thema Schulessen in Berlin mit allen verantwortlichen Stellen, um Anforderungen zu diskutieren und Standards zu entwickeln.

Zur Person

Ralf Blauert, 55, ist gelernter Koch. Mit seiner Frau gründete er vor 25 Jahren die Catering-Firma BlauArt. Das Unternehmen beliefert Kitas und Schulen mit Frühstück und Mittagessen.

Was erwarten Sie von Potsdams Politik?
Es gibt viele Baustellen. Eine davon ist, dass die Schulverwaltung den Schulen die Freiheit lässt, sich für eine Form des Caterings zu entscheiden – Tiefkühlkost, warm ausgeliefert oder kalt geliefert und vor Ort erwärmt. Es fehlt aber an Begleitung und Beratung, die Schulen werden nicht ausreichend informiert, was das für sie bedeutet und welche Infrastruktur nötig ist. Auch werden in Potsdam eine Reihe von Nebenkosten, etwa für Strom, auf die Caterer umgelegt. Das steigert die Preise. In Berlin übernimmt das die Stadt.

Ralf Blauert
Ralf BlauertFoto: Promo

Sie beklagen das Verkehrschaos. Warum?
Wir beginnen morgens um 6 Uhr mit der Zubereitung in einer Zentralküche am Stern. Dann wird nach und nach ausgefahren, unsere Autos stehen im Stau. Wir müssen enormen logistischen Aufwand betreiben, damit wir pünktlich ankommen.

Eltern möchten oft nicht viel Geld ausgeben für das Schulessen, erwarten aber, dass es gesund ist und schmeckt. Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma?
Das ist ein Riesenspagat. Bei uns kostet ein Mittagessen in der Grundschule 3,37 Euro, in weiterführenden Schulen 3,80 Euro. Wir würden uns wünschen, dass Schweden eine Vorbildwirkung hat. Dort ist das Essen für die Schüler ganz selbstverständlich kostenlos. Das drückt auch eine Wertschätzung aus. Dieser Grundgedanke ist bei uns mit dem Ende der DDR verloren gegangen. Andere Bundesländer haben hier schon etwas getan, das sollte Brandenburg auch. Man sollte die Notwendigkeit erkennen, denn satte Kinder lernen besser, das gemeinschaftliche Essen ist auch eine soziale Aufgabe.

Sie fordern kostenloses Schulessen für alle?
Ja, es gibt ja schon politische Forderungen in diese Richtung auch in Brandenburg. Die SPD will das nach der Landtagswahl umsetzen, sollte sie gewählt werden. Und es gibt auch schon Fortschritte: Mit dem neuen starke Familien-Gesetz können bedürftige Familien mit dem Programm Bildung und Teilhabe das Mittagessen kostenlos bekommen. Seit zwei Jahren übernehmen wir auch einen Teil der neuen, kostenlosen Frühstücksversorgung in Potsdam. Es stimmt mich nachdenklich, wenn ich manche Kinder sehe, die ohne Frühstück in die Schule kommen.

Weiterführende Schulen machen oft nur 30 Minuten Pause. Welche Rolle spielt Zeit?
Das ist ein großes Problem. Ich bin mir sicher, wir hätten 50 Prozent mehr Esser, wenn es in den Schulen genug Platz gäbe und die Pause mindestens 50 Minuten lang wäre. Oft ist die Pause auch sehr spät, 13.15 Uhr. Die Entscheidung liegt aber in der Schulhoheit, und für die Schulleiter sind leider oft andere Faktoren wichtiger.

Viele Kinder lieben Nudeln, Salat oft weniger. Wie kann ihnen gesundes Essen schmackhaft gemacht werden?
Da muss man langfristig ansetzen. Unser Catering bietet den Kindern täglich Gemüse und eine Frischetheke an. Wir beobachten: Kinder, die wir über einen längeren Zeitraum begleiten, drei oder vier Jahre, nehmen das sehr gut an. Gerade wenn wir schon im Kitabereich anfangen. Wichtig sind verschiedene Angebotsformen, also auch Knabbergemüse.

Nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung soll es pro Woche maximal zwei Mal Fleisch oder Wurst geben. Sie halten das ein. Stoßen Sie damit auf Widerstand?
Hier findet ein deutliches gesellschaftliches Umdenken statt. Vor einigen Jahren haben wir noch Mails bekommen mit dem Tenor, ‚ich ordne mich doch nicht den Vegetariern unter'. Das hat sich geändert. Auch in den Schulen sind die Themen gesunde Ernährung, Nachhaltigkeit, Tierwohl und Umweltschutz angekommen. Wahrscheinlich gibt es noch einen Unterschied zwischen Stadt und Land, aber hier in Potsdam wird das mittlerweile in der Regel umgesetzt – auch wenn das bisher nicht überall wahrgenommen wird.

Was hat sich noch geändert an den Anforderungen?
Eine große Herausforderung sind für uns Lebensmittelunverträglichkeiten. Das hat uns wirklich überrollt. Wir haben etwa 20 verschiedene Unverträglichkeiten, wir bereiten 300 bis 400 von den insgesamt 4000 Portionen täglich mit besonderen Vorgaben zu. Und es wird tendenziell immer mehr.

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Hintergrund

Acht Unternehmen versorgen Potsdams Grund- und weiterführende Schulen mit einem warmen Mittagessen. Die meisten Schulen versorgt die Berliner Firma Luna Restaurant. Mit je acht Schulen folgen darauf das Potsdamer Unternehmen Blauart und die ursprünglich aus Frankreich stammende und international agierende Firma Sodexo. Die Dienstleistungs- und Service GmbH (DLS) versorgt sieben Schulen, Clauert Catering fünf Schulen. Dazu kommen drei kleinere Betriebe mit je ein bis zwei Schulen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE)veröffentlicht regelmäßig Richtlinien für die Schulverpflegung. Diese sind aber nicht verpflichtend, sondern es handelt sich um Empfehlungen. Demnach soll es täglich Obst, Gemüse, Salat und Vollkornprodukte geben, Fleisch und Wurst nicht mehr als zwei Mal pro Woche. Eine Umfrage unter Schulleitern in Brandenburg hatte vor zwei Jahren gezeigt, das landesweit nur ein Viertel der Schulen die Gemüseempfehlung einhielten.