• Warum das Potsdamer Rathaus eine neue Förderschule bauen will
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Schulen in Potsdam : Warum das Rathaus eine neue Förderschule bauen will

Eigentlich soll Inklusion in Brandenburg in Regelschulen stattfinden. Dennoch will die Stadt Potsdam eine neue Förderschule. Bildungsexperten und Stadtpolitiker geben dem Rathaus dabei recht.

Noosha Aubel, Beigeordnete für Bildung, Kultur und Sport in Potsdam.
Noosha Aubel, Beigeordnete für Bildung, Kultur und Sport in Potsdam.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - In Potsdam gibt es Streit um eine geplante neue Förderschule. Eigentlich will das Land Brandenburg ein inklusives Bildungssystem, in dem Schüler mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf gemeinsam lernen sollen. Dafür sollten Förderschulen entbehrlich werden. Doch aktuell plant die Stadt Potsdam sogar einen Neubau. Diese Planungen hat das Rathaus jetzt gegen Kritik der linksalternativen Fraktion Die Andere verteidigt – und erhält dafür Unterstützung von Experten und einer Mehrheit der Stadtverordneten.
Die neue Förderschule soll auf dem Areal des künftigen Bildungscampus am Bahnhof Rehbrücke entstehen, der wegen Baumfällungen umstritten ist.

Die neue Schule soll 300 Plätze haben

300 Plätze soll sie nach Stadtangaben bekommen – und Ersatzstandort für die Förderschule „Lernen“ am Nuthetal sein, in deren Gebäude nach der Sanierung ein neues Gymnasium einzieht. Die Förderschule sei für die „bedarfsgerechte Versorgung entsprechend der Elternwünsche“ wichtig, sagte ein Stadtsprecher jetzt auf PNN-Anfrage. 

Doch die Fraktion Die Andere fordert, auf diesen Neubau zu verzichten. Mit einer neuen Förderschule würden sich die Bildungschancen für die dort zu unterrichtenden Schüler verschlechtern, erklärte die Fraktion jüngst via Facebook: „Wenn es im toleranten Potsdam schon nicht einmal mehr möglich ist, Kinder mit einer Rechen- oder Lese-Rechtschreibschwäche in den Regelschulen zu unterrichten und diese dafür personell und materiell auszustatten – wie soll eine Inklusion für alle Kinder jemals umgesetzt werden?“ Verwiesen wird auch auf die UN-Behindertenrechtskonvention, die Inklusion als Kernziel vorsieht. In einer weiteren Meldung der Fraktion hieß es am Dienstag, die Förderschule am Nuthetal "sollte einfach keine neuen Klassen mehr aufnehmen und langsam auslaufen. Wir sind überzeugt, dass es nicht unmöglich ist, pro Jahr 20 bis 30 Schüler mit Lese-, Rechtschreib- oder Matheschwäche zusätzlich in den Potsdamer Regelschulen zu unterrichten."

Immer mehr Schüler werden an der Förderschule unterrichtet

Das Rathaus und die zuständige Bildungsdezernentin Noosha Aubel (parteilos) sehen hingegen einen Bedarf für die neue Schule. Es gebe sogar steigende Schülerzahlen in dem Bereich. In der Förderschule am Nuthetal werden nach Angaben des Bildungsministeriums gerade 138 Schüler unterrichtet, vor drei Jahren waren es noch vierzig weniger. Das Wachstum der Förderschülerzahlen sei ein allgemeiner Trend in Potsdam, teilte ein Sprecher des Landesbildungsministeriums auf PNN-Anfrage mit – zumal in der wachsenden Stadt eben auch immer mehr Kinder unterrichtet werden.

Signifikant sei aber vor allem das Wachstum beim Förderschwerpunkt Lernen, so das Ministerium: Wenn in solchen Fällen noch dazu Probleme im emotional-sozialen Bereich bestünden, würde von den Eltern häufiger eine Aufnahme an der Förderschule beantragt, so die Behörde. Es gebe zudem gezielten Zuzug von Eltern, die für ihre Kinder besondere Jugendhilfeeinrichtungen suchen. Das Rathaus wertet die steigenden Schülerzahlen auch als Bestätigung für die Arbeit: „Vielleicht fühlen sich die Eltern mit ihren Kindern und deren konkreten Bedarfen in Förderschulen einfach nur sehr gut aufgehoben.“

CDU: "Inklusion mit der Brechstange bringt uns nicht weiter"

Unterstützung für die Haltung kommt von Bildungspolitikern aus SPD, Linken und CDU/ANW. So sagte der Vorsitzende des Bildungsausschusses, Clemens Viehrig (CDU): „Inklusion mit der Brechstange – wie es Die Andere fordert – bringt uns dem Ziel kein Stück näher und hilft den Kindern gar nicht.“ Es gebe eine gesetzliche Wahlfreiheit der Eltern, welche man respektieren müsse. Immerhin würden von aktuell 1467 Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf knapp 700 eine Regelschule besuchen.

Erst vor wenigen Monaten hatte eine von dem Landesverband der Grünen in Auftrag gegebene Studie gezeigt, dass der Inklusionsprozess in Brandenburg ins Stocken geraten ist, vor allem weil – trotz Extra-Ressourcen vom Ministerium – genügend Personal fehlt. „Doch erst wenn die Bedingungen stimmen und alle Kinder vom gemeinsamen Lernen profitieren, kann auch Akzeptanz für Inklusion entstehen“, sagte Viehrig. Ähnlich sieht es der Linken-Bildungsexperte Stefan Wollenberg: „Kinder haben ein Recht, inklusiv beschult zu werden – aber eben auch ein Recht auf individuelle Förderung in einer Förderschule, wenn sie dies wünschen.“ Ferner würden die Rahmenbedingungen an Regelschulen „längst nicht allen Anforderungen an eine inklusive Beschulung“ entsprechen.

Mehrheit für das Vorhaben gilt als sicher

Auch der SPD-Stadtverordnete Daniel Keller hält nichts davon, die neue Förderschule abzusagen: „Solange das nötige fachliche Personal nicht vorhanden ist, wäre es fahrlässig, Schüler mit Förderbedarf sich selbst zu überlassen.“ Zugleich sei der bauliche Zustand der aktuellen Förderschule nicht gut. Mit dem Neubau an anderer Stelle bleibe den Schülern eine Sanierung bei laufendem Betrieb erspart, machte Keller deutlich. Am morgigen Mittwoch sollen die Stadtverordneten über den Streit entscheiden – und die grundsätzliche Frage, ob für die neue Schule Baurecht gewährt wird.

Angesichts der Mehrheitsverhältnisse kann der Beschluss pro Förderschule als sicher gelten. Auch der Sprecher des Kreiselternrats, Markus Kobler, sagte auf PNN-Anfrage, es gebe eben auch Kinder, die nicht in Regelklassen wollen und sich an Förderschulen wohler fühlten. Die Entscheidung für eine neue Schule bedeute aber nicht, dass Inklusion aufgegeben werde, so Kobler.

Weniger deutlich äußerte sich das Landesbildungsministerium: Es liege noch kein offizieller Antrag der Stadt für die neue Förderschule vor, über den man befinden könnte. Allerdings müssten Kommunen neue Schulen errichten, „wenn ein Bedürfnis dafür besteht“.

Grüne gegen Förderschule

Am Dienstag stellten sich übrigens auch die Grünen hinter die Forderungen von Die Andere. Deren bildungspolitische Sprecherin Ingeborg Naundorf sagte, "300 Kinder mit Lernbehinderung, Aggressionen, Verhaltensauffälligkeiten und den damit verbundenen seelischen Verletzungen" müssten dann an einem Ort lernen: "Wie soll das denn bitte funktionieren? Welches Klima muss ich mir an dieser Schule vorstellen?" Schüler von der Förderschule hätten es doppelt so schwer, in die berufliche Bildung zu gehen - "mit fatalen gesellschaftlichen Folgen". Daher solle am Bahnhof Rehbrücke nur die bisher geplante Gesamtschule gebaut werden, die auch im Sinne gelingender Inklusion ausgestattet werden müsste.