• Schlösserstiftung gibt Gemälde an jüdische Familie zurück: Das "Schäfchen" kehrt heim

Schlösserstiftung gibt Gemälde an jüdische Familie zurück : Das "Schäfchen" kehrt heim

Das Gemälde gehörte der Brünner Kunstsammlerin Irene Beran, bis die Nazis die Familie 1941 enteigneten. Über Umwege kam es zur Schlösserstiftung - die gab es nun zurück.

Max Beran, der Enkel der früheren Besitzerin, nahm im Depot der Schlösserstiftung das Gemälde "Schäfchen" in Empfang.
Max Beran, der Enkel der früheren Besitzerin, nahm im Depot der Schlösserstiftung das Gemälde "Schäfchen" in Empfang.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Zwei Mädchen spielen auf einer sonnenbeschienenen Gänseblümchenwiese mit einem weißen Lamm: Die Jüngere hält das lebhafte Tier mit einem roten Halsband im Zaum, die Ältere legt ihm lächelnd einen herzförmigen Blumenkranz um den Kopf. „Schäfchen“ ist der Titel des 1905 entstandenen Werks von Thomas Theodor Heine, das am Freitag im Kulturgutdepot der Schlösserstiftung an die jüdischen Erben der früheren Besitzerin übergeben wurde – mehr als 81 Jahre nach der Beschlagnahme durch die Nazis 1941. 

Die Unbeschwertheit, ja Unschuld des Motivs steht im Gegensatz zur bewegten Geschichte des Gemäldes und der Personen, durch deren Hände es ging. Dass es so lange bis zur Rückgabe gedauert hat, zeugt auch von den Schwierigkeiten, das Unrecht, das in dunkelste Kapitel der deutschen und europäischen Geschichte führt, zu rekonstruieren und wiedergutzumachen, wo das möglich ist.

Ein Werk von emotionalem Wert für die Kunstsammlerin Irene Beran

Für die Kunstsammlerin Irene Beran im tschechischen Brünn (Brno) um das Jahr 1930, die letzte bekannte rechtmäßige Besitzerin, dürfte das „Schäfchen“ einen besonderen emotionalen Wert besessen haben, wie ihr aus England angereister Enkel und Erbe Max Beran gestern berichtete: Beran sei das tschechische Wort für Widder. Erworben hatte die Sammlerin, die als schillernde Persönlichkeit das kulturelle Leben in Brünn mitprägte und mit der Kunstszene in Wien und München vernetzt war, das „Schäfchen“ wohl zu einem Zeitpunkt, als die Liebe zwischen ihr und ihrem Schwager und späteren zweiten Ehemann, dem Künstler Bruno Beran, aufkeimte.

Das Gemälde von Thomas Theodor Heine stammt aus dem Jahr 1905, Irene Beran hat es vor 1930 erworben. 1941 wurde ihre Sammlung von den Nazis enteignet.
Das Gemälde von Thomas Theodor Heine stammt aus dem Jahr 1905, Irene Beran hat es vor 1930 erworben. 1941 wurde ihre Sammlung von...Foto: Andreas Klaer

Nach der Besetzung durch Nazi-Deutschland konnte das Paar, das mittlerweile ein Nomadenleben zwischen Brünn, Paris und Ibiza führte, in die USA flüchten, den Lebensabend verbrachten sie später auf Mallorca, wie Max Beran erzählte. Irenes erster Mann Philip und ihre Kunstsammlung aber waren im Haus in Brünn geblieben, das 1941 als jüdischer Besitz enteignet wurde. Philip Beran wurde im Dezember 1941 nach Theresienstadt, im Januar 1942 weiter nach Riga deportiert und dort ermordet. Auch Irenes Mutter Leopoldina und weitere Familienangehörige kamen im Holocaust ums Leben.

Das Werk wurde 1948 in Wittenberge von den Sowjets beschlagnahmt und gelangte später zur Stiftung

Das „Schäfchen“ ist vermutlich Anfang der 1950er-Jahre in Stiftungsbesitz gelangt, wie Ulrike Schmiegelt-Rietig, Provenienzforscherin bei der Schlösserstiftung, rekonstruierte. Es war Teil eines größeren Konvolutes, das 1948 in Wittenberge von der sowjetischen Militäradministration beschlagnahmt wurde – offenbar beim Versuch, die Kunst nach Westdeutschland zu bringen. Die Sowjets kontaktierten die brandenburgische Landesregierung als möglichen Abnehmer. Dort gab es zunächst aber Bedenken wegen der unklaren Herkunft. Wann genau der Verkauf an die Schlösserverwaltung dann doch erfolgte, ist unklar.

Stiftungschef Christoph Martin Vogtherr mit Max Beran und Provenienzforscherin Ulrike Schmiegelt-Rietig.
Stiftungschef Christoph Martin Vogtherr mit Max Beran und Provenienzforscherin Ulrike Schmiegelt-Rietig.Foto: Andreas Klaer

Solche Leerstellen in den Akten und Archiven machen die Arbeit von Provenienzforscherin Ulrike Schmiegelt-Rietig so schwierig. Einen ersten Hinweis auf die Heimat des „Schäfchens“ hatten die Stiftungsmitarbeiter im Bundesarchiv Koblenz in den Akten der sogenannten Treuhandverwaltung für Kulturgut gefunden. Dort war das Werk auf einer Liste vermerkt, die die tschechische Regierung an die US-Militärverwaltung in München mit der Bitte um Nachforschung übergeben hatte. Damit verdichtete sich der Verdacht auf einen sogenannten NS-verfolgungsbedingten Vermögensverlust. 

Jedoch: Auf der tschechischen Liste war kein Eigentümer vermerkt – sie blieb also eine Sackgasse. Über eine zweite Spur, die Lebensgeschichte des Künstlers Thomas Theodor Heine, kamen die Provenienzforscher zwar auf Brünn – dorthin war der Maler und Karikaturist nach der Machtergreifung durch die Nazis zunächst geflohen und bei einer jüdischen Familie untergekommen. Die Familie war aber im Holocaust ausgelöscht worden, es gibt keine Nachfahren.

Anhand eines Zeitungsberichts von 1930 konnte Irene Beran als Eigentümerin identifiziert werden

Unterdessen waren auch Irene Berans in Großbritannien lebende Nachfahren nicht untätig geblieben. Beim Versuch, den Verbleib der Sammlung, zu der auch Werke von Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka gehört haben sollen, zu klären, kam ihr Sohn mit dem Kunsthistoriker Lubomír Slavícek in Kontakt. Er hatte sich eingehender mit Irenes Sammlung befasst und konnte das „Schäfchen“ anhand eines Presseberichtes über eine Ausstellung im Jahr 1930 als ihr Eigentum identifizieren. 

Max Beran, Irenes Enkel, der 2007 bereits für die Rückgabe eines Porträts seiner Großmutter in Potsdam gewesen war, machte die Stiftung schließlich 2018/19 auf die Verbindung zwischen dem „Schäfchen“ und den Berans aufmerksam. Zur gestrigen Übergabe war Max Beran mit Sohn Tom und Enkel Jacob angereist, um das „Schäfchen“ mit dem Auto selbst heimzubringen.

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Dort soll das Werk, das bis vor einigen Jahren in der Dauerausstellung im Schloss Cecilienhof zu sehen war, im Haus von Tom Beran seinen neuen Platz finden. Irenes Urenkel betreibt in Peterborough bei Cambridge einen Pub: „Ich habe eine Kneipe“ sei der einzige Satz, den er auf Deutsch kann, wie er den PNN lachend erzählte. Sein Vater nutzt die Reise auch für Archivarbeit in Berlin. Sein Ziel sei es, neben dem bekannteren Künstler Bruno Beran auch auf das Wirken von Irene Beran als Sammlerin aufmerksam zu machen, erklärte er.

Schlösserstiftung will bei rund 1000 Objekten die Herkunft prüfen, rund 160 Werke wurden seit 2004 zurückgegeben

Die Übergabe sei für die Schlösserstiftung ein besonderer Tag, betonte Stiftungsdirektor Christoph Martin Vogtherr: „Wir können heute etwas zurückgeben, was uns gar nicht gehört.“ Lange Zeit hätten Museen in Deutschland die Frage nach der Herkunft von Werken in den Sammlungen nach dem Motto der drei Äffchen behandelt: „Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.“

Bei der Stiftung bemühe man sich seit 2004 systematisch mit der Klärung von Herkunftsfragen, seit zwei Jahren mit einer festen Stelle. Die problematischen Bestände stammten zumeist aus so genannten „Schlossbergungen“, also Enteignungen nach 1945, erklärte Vogtherr. Die Stiftung geht davon aus, dass bei rund 1000 Objekten die Eigentumsfrage zu prüfen ist. Rund 160 Kunstwerke konnten den Angaben zufolge seit 2004 zurückgegeben werden. Das „Schäfchen“ war erst das neunte mit NS-Raubkunsthintergrund. „Es ist noch sehr viel zu tun“, resümiert Stiftungsdirektor Vogtherr.

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