• Schlechte Stimmung an der Universität: Lockdown-Studium im Doppelzimmer

Schlechte Stimmung an der Universität : Lockdown-Studium im Doppelzimmer

Kein Campusleben, dafür schlechtes Wlan – viele Potsdamer Studierende sind gefrustet.

Willi Stieger hat in seinem Wohnheim immer wieder mit Ausfällen seines Wlan-Routers zu tun. 
Willi Stieger hat in seinem Wohnheim immer wieder mit Ausfällen seines Wlan-Routers zu tun. Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Präsenz-Prüfungen trotz Corona, fehlende Sozialkontakte, Wlan-Ausfälle im Wohnheim – die Stimmung unter Potsdams Studierenden ist alles andere als gut. Die Uni-Standorte sind weitestgehend menschenleer, nur Mensen und Cafeterias haben zeitweise für To Go-Angebote geöffnet. Für viele ist das Studium auf schlichte Lehre zusammengeschrumpft, Campusleben, Kneipenabende oder Partys sind – wie für den Rest der Bevölkerung – bis auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.

Das raubt nicht nur den Antrieb zum Lernen, sondern schlägt auch aufs Gemüt, sagt Willi Stieger: „Man fühlt sich schon isoliert, alle sozialen Aktivitäten fallen einfach weg.“ Der 23-Jährige studiert Interdisziplinäre Russlandstudien im achten Semester an der Universität Potsdam, ein kleiner, familiärer Studiengang, wo man sich normalerweise viel untereinander und mit den Dozenten austauscht. „Dadurch habe ich eigentlich immer am meisten gelernt“, sagt Stieger. Vor Corona war er zudem viel im Uni-Sport und im Senat der Universität aktiv und engagierte sich ehrenamtlich für mehr Inklusion an der Hochschule – auch das ist nun kaum noch möglich.

Kein Rückzugsort

Derzeit wohnt Stieger mit seiner Freundin, die an der Fachhochschule Potsdam studiert, in einem Doppelzimmer im Studierenden-Wohnheim an der Breiten Straße – vor Corona kein Problem, jetzt jedoch fällt ihm oft die Decke auf den Kopf: „Man schläft in einem Raum, isst in einem Raum, lernt in einem Raum, verbringt seine Freizeit in einem Raum – man hat einfach keinen Rückzugsort.“ 

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Mittlerweile gehe er viel spazieren und habe mit seiner Freundin einen Rhythmus gefunden, mit dem man nicht allzu viel Zeit im selben Zimmer verbringt, so Stieger. Dennoch fehle ihm natürlich die Abwechslung und die Möglichkeit, andere Leute zu treffen. Er kenne einige Kommilitonen, die angesichts der Situation wieder in die Heimat gezogen sind: „Manche sagen sich: Da sind meine Freunde, da habe ich funktionierendes Internet und ich spare mir die teure Miete in Potsdam.“

Studierende vermissen das Campusleben

Auch Tobias Damke vermisst das Campusleben: „Man sitzt nicht mehr zusammen mit anderen in der Mensa und unterhält sich, man trifft sich nur noch online oder in ganz kleinen Gruppen“, sagt der 25-Jährige, der im neunten Semester VWL an der Uni Potsdam studiert. Außer für Sport oder zum Einkaufen gehe er nicht mehr raus, seinen Nebenjob erledigt er im Homeoffice, genau wie das Studium. „Das ist schon sehr bedrückend“, sagt Damke. 

Austausch mit anderen Kommilitonen gibt es zumindest online über Zoom-Lerngruppen, doch Damke vermisst es, auch im Seminar Nachfragen zu stellen – manche davon finden nämlich nicht in Echtzeit statt, sondern sind nur aufgezeichnet.

Technisch klappt das Online-Studium für ihn meist gut, dennoch gebe es manchmal Probleme bei der Übertragung der Lehrveranstaltungen, weil die Bandbreite oft nicht ausreicht, um die Videos aller Teilnehmer in Zoom zu übertragen. Viele Online-Kurse lösen dies, indem die Studierenden ihre Kamera ausschalten, sagt Damke: „Aber manche Dozenten bestehen trotzdem darauf, weil sie gerne Gesichter im Online-Seminar sehen wollen und nicht nur schwarze Bildschirme.“

Teilweise noch Präsenzprüfungen

Nachdem im Herbst noch ein Viertel aller Veranstaltungen in Präsenz stattgefunden hatten, ist seit dem zweiten Lockdown wieder alles online, mit Ausnahme von Laborpraktika und einiger Kurse für Sportstudierende. Funktionierendes Internet ist also Grundvoraussetzung für das Studium im Lockdown. Willi Stieger berichtet jedoch, dass in seinem Wohnheim immer wieder mal das Wlan ausfällt, manchmal sogar für mehrere Stunden – tödlich bei Prüfungen. 

Ein Teil der Prüfungen findet allerdings noch in Präsenz statt, was viele Studierende angesichts des Infektionsgeschehens scharf kritisieren: „Aktuell hält die Universität Potsdam noch daran fest, Präsenzprüfungen im gesetzlich möglichen Rahmen anzubieten“, sagt Uni-Sprecherin Silke Engel. Mit entsprechender Belüftung sind Prüfungen mit maximal 50 Personen in einem Hörsaal zulässig.

„Das regt mich sehr auf“, sagt die 45-jährige Mirah Moulléer, die Deutsch und Mathe auf Lehramt an der Uni Potsdam studiert. „Ich finde es unverantwortlich, dass sich bei der derzeitigen Lage etliche Studenten für zwei Stunden in einem Raum treffen und dazu mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen sollen.“ In einem offenen Brief forderte sie Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) auf, dass die Hochschule auch Prüfungen und Sportkurse weitgehend online durchführt, wie es an anderen Hochschulen wie etwa der Freien Universität Berlin gang und gäbe sei.

Die Uni-Leitung lehnt mehr Online-Prüfungen unter anderem mit Hinweis auf rechtliche Bedenken und Datenschutz ab, doch Tobias Damke erinnert sich, dass dies im ersten Lockdown anders war: „Im Sommersemester hatte ich vier von sechs Klausuren online, trotz Fallzahlen von ’nur’ unter 1000 Personen täglich.“ Jetzt hingegen, mit täglich rund zehnmal höheren Neuinfektionen bundesweit, müsse er fünf von sechs Prüfungen in Präsenz absolvieren.

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