• Ringen um geräumte Gartensparte Angergrund: Investor will Wohnungen für 1200 Potsdamer bauen

Ringen um geräumte Gartensparte Angergrund : Investor will Wohnungen für 1200 Potsdamer bauen

Die Immobilienfirma Tamax will in Babelsberg ein großes Wohnquartier errichten. Doch ob die Stadtverordneten die Pläne für die ehemalige Gartensparte Angergrund mittragen, scheint unwahrscheinlich. Falls nicht, droht weiter ein langer Rechtsstreit.

So würde die Tamax-Vision für den Angergrund aussehen, die Straße im Vordergrund ist der Horstweg
So würde die Tamax-Vision für den Angergrund aussehen, die Straße im Vordergrund ist der HorstwegFoto: © 2020 Nightnurse Images, Zürich

Potsdam - Das Ringen um die einstige Kleingartensparte Angergrund geht in die nächste Runde. Der dort tätige Investor, das Unternehmen Tamax, hat den Stadtverordneten ein neues Angebot für den Bau von 650 Wohnungen auf dem Babelsberger Areal gemacht. "Hier könnten 1200 Potsdamer leben, es wäre das größte innerstädtische Wohnprojekt der vergangenen Jahre", sagte Tamax-Chef Kai-Uwe Tank den PNN jetzt auf Nachfrage. 

Zudem biete seine Firma die Errichtung einer neuen Gartensparte in Bornstedt nahe der Habichtwiese an - die mit 30 Parzellen sogar sechs Grundstücke mehr bieten würde als die Gartensparte am Angergrund.

Auch 155 Sozialwohnungen geplant

Tank lobte das aus seiner Sicht sinnvolle Kompromissangebot, das Wohnungen für einen „Querschnitt der Potsdamer Stadtbevölkerung“ bieten soll. Darunter befinden sich 155 Sozialwohnungen, 90 Mikroappartements für Studenten, 80 stationäre Pflegeplätze, 45 Plätze für betreutes Wohnen – und 280 normale Wohnungen mit Flächen von bis zu 116 Quadratmeter.  

Das alles soll in Vier- bis Siebengeschossern unterkommen, zur Nuthestraße hin ist auch ein zehnstöckiges Gebäude für Studenten geplant. Auch 80 Kitaplätze sowie 900 Fahrrad- und 400 Autostellplätze schweben Tamax-Chef Tank vor, die meisten davon in einer Tiefgarage. Architektonisch lege man Wert auf eine locker durchbrochene Fassadenstruktur, ein Geflecht aus Innenhöfen und Durchgängen solle für ein großzügiges Raumgefühl sorgen. „Unser Konzept ist ein generationsübergreifendes, sozial gerechtes Quartier für alle Alters- und Einkommensgruppen mit allem, was dazu gehört“, heißt es in der Werbepräsentation, die Tamax auch an die Stadtverordneten gesendet hat.

Die Stadtverordneten wollen derzeit die Kleingärten erhalten

Doch ob das Angebot verfängt? Erst vor zwei Wochen hatten die Stadtverordneten im Bauausschuss einstimmig für die Verlängerung einer sogenannten Veränderungssperre für das Areal um ein Jahr votiert. So lange darf der Eigentümer dort nicht bauen. Die Zeit will die Stadt nutzen, um die bereits geräumten Kleingärten festzuschreiben. 

Wie berichtet, gehört das Gelände seit 2014 der Tamax, die auch erfolgreich gegen die Gärten geklagt hatte – diese hatten keine Rechtsgrundlage, wie es der Potsdamer Kleingartenverband vorher über Jahre behauptet hatte. Im Herbst 2018 hatte die Firma die Gärten räumen lassen, wegen der Veränderungssperre fordert sie auch vor Gericht Schadenersatz.

Eine Lösung für Potsdams problematischen Wohnungsmarkt?

So sind die Fronten eigentlich verhärtet. Doch angesichts des Angebots und des angespannten Wohnungsmarkts in Potsdam mit schnell steigenden Mieten und stockenden Neubauprojekten wie in Krampnitz hofft Tamax-Chef Tank auf Verhandlungsbereitschaft: „Der Bedarf für neue Wohnungen ist doch sehr hoch.“ 

Ferner habe das Quartier den Vorteil einer schon bestehenden Verkehrsanbindung – einmal an die Nuthestraße, aber auch an Bus- und an etwas weiter entfernte Tram- und Bahnstrecken. Die nötigen Eingriffe in die Umwelt wolle man mit Dachbegrünungen und Baumersatzpflanzungen ausgleichen, zudem verwies Tank einmal mehr auf die nötige Beseitigung von zum Beispiel Klärgruben auf dem Angergrund-Areal. 

So könnte es in dem neuen Wohnquartier einmal aussehen.
So könnte es in dem neuen Wohnquartier einmal aussehen.Foto: © 2020 Nightnurse Images, Zürich

Man wolle auch die frei finanzierten Wohnungen so bauen, dass sie für „möglichst breite Bevölkerungsschichten erschwinglich bleiben“, sagte Tank – so sollen intelligente Grundschnitte dafür sorgen, dass die Wohnungen größer wirken und „ein Höchstmaß an Lebensqualität“ bieten, wie es in der Präsentation heißt. 

Das alles übertreffe den sozialen, wirtschaftlichen und auch ökologischen Nutzen der ehemaligen Gartensparte mit 24 Parzellen, so Tank. Und, „obwohl wir das nicht müssten“, biete man der Stadt die Schaffung einer neuen Gartensparte mit 30 Parzellen nahe der Bornstedter Habichtwiese an. Allerdings ließ sich Baudezernent Bernd Rubelt (parteilos) bereits am Freitagabend in der Märkischen Allgemeinen zitieren: "Um es deutlich zu sagen: Das heilt nicht den Schwund von Kleingärten im dicht besiedelten Süden von Potsdam." Die Menschen dort würden nicht nach Bornstedt fahren, um Kleingärten zu nutzen.

Tamax droht mit weiteren Klagen

Neben dem Kompromissvorschlag hat die Tamax an das Rathaus und die Stadtverordneten auch eine Drohkulisse gesendet – eine Stellungnahme zum aktuellen Bebauungsplanentwurf zum Angergrund, mit der das Stadtplanungsdezernat die längst geräumten Kleingärten doch noch wieder durchsetzen will. 

Dieses Vorgehen sei mit „gravierenden Rechts- und Planungsmängeln“ behaftet, sagte Tank gegenüber den PNN – und zeigte sich zuversichtlich, dass ein solcher B-Plan nicht einer Normenkontrollklage vor Gericht standhalten werde. „Das kostet nur viel Steuergeld und Verwaltungskraft.“ 

Blick zum Eingang der früheren Kleingartensparte Angergrund - von der Dieselstraße aus.
Blick zum Eingang der früheren Kleingartensparte Angergrund - von der Dieselstraße aus.Foto: Ottmar Winter

Den Stadtverordneten schrieb er, sollten diese den B-Plan weiter verfolgen, würden für die Stadt auch weitere „erhebliche Entschädigungsansprüche“ entstehen. Und fragt, ob es wirklich verantwortungsvoll wäre, wenn die Landeshauptstadt „nicht wenigstens einmal ernsthaft in Erwägung zieht, dass im Herzen von Babelsberg ein lebenswertes, nachhaltiges und sozial gerechtes Quartier errichtet wird, sondern stattdessen an 24 Gartenparzellen festhält.“ Daher hoffe man nun auf Bewegung – und will auch die Potsdamer über die eigenen Absichten informieren, mit der neuen Internetseite www.angergrund.de: „Eine Brache wird zum Quartier für alle“, heißt es dort.

Erste Reaktionen aus der Politik

Inzwischen gibt es schon erste, vor allem reservierte Reaktionen aus der Kommunalpolitik. Linke-Fraktionschef Stefan Wollenberg sagte den PNN, ihm falle es schwer, an den guten Willen der Tamax zu glauben - auch angesichts der aufgebauten Drohkulisse. "Dennoch prüfen wir immer alle Aspekte solcher Entscheidungen." Die anstehende Verlängerung der Veränderungssperre könne die Möglichkeit für ernsthafte Diskussionen bieten - "allerdings ohne schwebende Drohungen". 

Grünen-Fraktionschef Gert Zöller sagte, man wolle den Angergrund weiter dauerhaft als Kleingartenanlage sichern, das sei gerade für den dicht besiedelten Potsdamer Süden wichtig. Das Vorhaben bezeichnete Zöller als "überdimensioniert" an dieser Stelle. Die SPD-Stadtverordneten Babette Reimes David Kolesnyk äußerten sich verwundert über das Agieren des Investors: "Immer, wenn Stadtverwaltung und Stadtverordnete einen Schritt gehen, die städtische Planungshoheit auszuüben, wird mit Klagen gedroht und die Investorenträume werden in einem neuen Prospekt neu angestrichen. " Der Investor wolle auf Flächen bauen, "kein Bauland sind" - in der Sache würden "Maximalforderungen sozial angestrichen". Zusammen bilden SPD, Grüne und Linke die Mehrheit im Stadtparlament.


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