• Reitsport in der Coronakrise: Zurück im Sattel

Reitsport in der Coronakrise : Zurück im Sattel

Reitschulen in Potsdam und im Umland haben unter der Coronakrise gelitten, jetzt öffnen sie wieder.

Beate Förster vom Michendorfer Siedlerhof ist erleichtert, dass sie ihre Reitschule wieder öffnen darf. Jetzt wartet sie wie andere Hofbesitzer auf die konkreten Neuerungen und wünscht sich, dass die Talfahrt ein Ende hat.
Beate Förster vom Michendorfer Siedlerhof ist erleichtert, dass sie ihre Reitschule wieder öffnen darf. Jetzt wartet sie wie...Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Bund und Länder haben sich am Mittwoch auf Lockerungen für den Breiten- und Freizeitsport geeinigt. Sportstätten dürfen wieder öffnen, das Training soll unter Einhaltung strenger Hygiene- und Abstandsregeln von 1,5 bis zwei Metern wieder möglich sein. Zudem müsse der Sport kontaktfrei ausgeübt werden. Beides könne man im Reitsport gewährleisten, sagt Peter Fröhlich vom Landesverband Pferdesport Berlin-Brandenburg e.V. (LPBB): „Das ist zwar noch kein Befreiungsschlag, aber ein Schritt in die richtige Richtung.“ Die Lockerungen entsprächen den Empfehlungen, die auch der Landesverband gemeinsam mit dem Bundesverband, der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, an die Politik weitergeben hätten, so Fröhlich.

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Im Sinne des Tierwohls

Von den Sportstätten hatten Reitschulen besonders unter der Corona-bedingten Schließungen zu leiden, da durch den Ausfall des Reitunterrichts für viele nicht nur die Haupteinnahmequelle weggebrochen war, sondern die Pferde weiterhin gefüttert, bewegt und gepflegt werden mussten – im Sinne des Tierwohls mussten die Reitschulen zumindest rudimentär weiterlaufen. „Jedes Pferd muss am Tag etwa eineinhalb Stunden bewegt werden“, sagt Fröhlich den PNN. Von den rund 200 brandenburgischen Mitgliedsbetrieben des LPBB bieten etwa 50 bis 60 auch Reitunterricht an. „Von Betriebsaufgaben habe ich zwar noch nichts gehört, aber vor allem Reiterhöfe, die ausschließlich Reitunterricht anbieten, brauchen definitiv Unterstützung“, so Fröhlich.

Foto: Ottmar Winter

Dazu zählt auch der Schäferhof in Bergholz-Rehbrücke: „Wir sind in eine sehr existenzbedrohende Situation geraten, da wir quasi unseren gesamten Betrieb schließen mussten“, sagt Gidon Wolf, der den Schäferhof gemeinsam mit Christina Schäfer betreibt. Das Unternehmen, das über 80 eigene Pferde verfügt und rund 50 Mitarbeiter hat, ist doppelt betroffen, da zu den Angeboten des Schäferhofs auch Reiturlaub und Gruppenreisen mit dem Pferd zählen; ein touristisches Standbein, das nach wie vor fehlt. „Das ist ein ziemliches Desaster“, so Wolf.

Die Lockerungen freuen ihn, dennoch bleibt er skeptisch: „Das ist natürlich ein positives Signal, aber wir müssen warten, wie das jetzt vom Land in Verordnungen umgesetzt wird.“ Entscheidende Frage ist, ob der normalerweise übliche Gruppenunterricht wieder aufgenommen werden kann. Während sich an normalen Tagen 80 bis 100 Menschen auf dem Gelände des Schäferhofs bewegen, dürfen es derzeit maximal 20 bis 30 sein. Für alle gelten Abstands- und Hygieneregeln, zudem werden strenge Anwesenheitslisten geführt, um zu kontrollieren, wer sich gerade auf dem etwa 35.000 Quadratmeter großen Gelände befindet.

Auch der Potsdamer Reitverein e.V. musste seinen Hof in der Waldstadt schließen: Zutritt gab es nur noch für Personal, Stalldienst, Vorstandsmitglieder, Pferde-Eigentümer, Tierärzte und den Futtertransport. Der Verein befinde sich zwar in einer schwierigen Lage, dennoch gehe es ihm noch vergleichsweise gut: „Wir haben unsere Mitglieder gebeten, weiter ihre Beiträge zu zahlen und die meisten haben das auch gemacht“, so eine Mitarbeiterin des Reitvereins, der über rund 150 Mitglieder verfügt.

"Ein wahnsinniger Aufwand"

Schwierig ist derzeit die Lage beim Reitstall Siedlerhof in Michendorf: Der Betrieb hat 20 Schulpferde und drei Mitarbeiter, normalerweise habe man pro Tag 20 bis 30 Reitschüler vor Ort, sagt Geschäftsführerin Beate Förster: „Derzeit müssen drei Mitarbeiter täglich alle Pferde bewegen. Das ist ein wahnsinniger Aufwand.“ Die externen Reitlehrer seien als Soloselbstständige gerade arbeitslos, Einzelunterricht könne man mit der dünnen Personaldecke nicht anbieten. „Wir brauchen die Zeit, um die Tiere auszuführen und in Bewegung zu halten“, so Förster. Man habe zwar kleine Rücklagen, die seien aber für Futter und Tierarztbesuche vorgesehen. Da sich der Reitstall nicht über Mitgliedsbeiträge sondern über Zehnerkarten für Reitstunden finanziert, sind fast alle Einnahmen weggebrochen. Soforthilfen beim Land habe sie beantragt, angekommen ist bislang aber noch nichts, sagt Förster.

Förster, Wolf und ihre Reitschul-Kollegen hoffen nun auf die neuen Verordnungen des Landes, damit die wirtschaftliche Talfahrt gestoppt wird. Der Schäferhof habe zwar Spenden und Soforthilfen erhalten, um die Pferde zu pflegen, dies sei jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt Wolf: „Wir sind saisonabhängig, das heißt: Im Frühling und Sommer verdienen wir unser Geld für den Winter.“ Alles über Darlehen zu finanzieren, wie von der Politik vorgeschlagen, helfe ihm daher nicht weiter: „Damit wird das Problem nur auf die Zeit nach der Saison verschoben“, so Wolf.

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