• „Refugee Teachers“-Programm: Brückenbauer für Integration in Schulen

„Refugee Teachers“-Programm : Brückenbauer für Integration in Schulen

Land und Uni Potsdam haben ihr Qualifizierungsprogramm für geflüchtete Lehrer:innen überarbeitet - und schon mehr als 100 erfolgreiche Abschlüsse verzeichnet.

Geflüchtete Lehrer:innen werden im Programm „Refugee Teachers“ seit 2016 an der Uni Potsdam für märkische Klassen fit gemacht.
Geflüchtete Lehrer:innen werden im Programm „Refugee Teachers“ seit 2016 an der Uni Potsdam für märkische Klassen fit gemacht.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Neue Lehrkräfte gewinnen und Integration fördern: Das sind die Ziele des Programms „Refugee Teachers“, das 2016 von der Universität Potsdam entwickelt wurde. „Bis September 2020 wurden insgesamt 160 geflüchtete Lehrkräfte zum Programm zugelassen, mehr als 100 haben das Programm bisher erfolgreich abgeschlossen“, sagte Brandenburgs Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD) am Montag bei der Pressekonferenz anlässlich der Fortsetzung von „Refugee Teachers“.

Derzeit gibt es zehn neue Teilnehmer:innen für das Qualifizierungsprogramm, das nun mit Beginn des Sommersemesters startet. „In etwa zwei Jahren werden sie in Brandenburger Schulen arbeiten, wieder vor einer Klasse stehen und ein Schulkollegium durch ihre internationalen Erfahrungen bereichern“, sagte Miriam Vock, Professorin für Empirische Unterrichts- und Interventionsforschung an der Universität Potsdam.

Miriam Vock.
Miriam Vock.Foto: privat/Die Hoffotografen Berlin

„Unsere Schulen werden durch diese Fachkräfte bereichert“

Dabei gab es einige Änderungen, um zum einen die Qualität der Ausbildung zu erhöhen als auch um mehr Menschen den Zugang zum Programm zu ermöglichen: So können sich nun auch andere Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte und einer ausländischen Berufsqualifikation bewerben. Man brauche sie nicht nur wegen der Lehrkräftemangels, sondern auch als Brückenbauer:innen für Integration: „Für Schülerinnen und Schüler mit Flucht- oder Migrationserfahrungen ist diese Personengruppe als Lehrerin oder Lehrer sehr wichtig“, sagte Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD). „Unsere Schulen werden durch diese Fachkräfte bereichert.“

Zu weiteren Änderungen bei „Refugee Teachers“ gehört, dass die Beratung für Teilnehmer:innen ausgebaut wurde und dass die sprachlichen Anforderungen erhöht wurden: Nötig ist das Niveau B2, um am Programm teilnehmen zu können, am Ende sollen die Absolvent:innen auf dem Sprach-Niveau C1 sein. Zudem muss in zweites Fach in Deutschland belegt werden, hierbei wurde der Fokus explizit auf „Mangelfächer in Brandenburg“ gelegt, so Vock, nämlich Sport, Wirtschaft-Arbeit-Technik, Mathematik und Physik.

Suche nach Platz in der Gesellschaft

Asiya Celik hat sich für das Zweitfach Mathe entschieden: Die aus Kasachstan stammende Englisch- und Türkischlehrerin gehört zu den Teilnehmer:innen des neuen Jahrgangs. Als sie vor drei Jahren nach Deutschland gekommen war, verfügte sie über zwölf Jahre Berufserfahrung als Lehrerin in der Ukraine und der Türkei, die sie wegen politischer Verfolgung verlassen musste. „Ich will endlich meinen Status als Lehrerin wieder bekommen und meinen Platz in der Gesellschaft finden“, sagte Celik zu den Gründen, an „Refugee Teachers“ teilzunehmen. „Das Programm ist kompliziert, aber ich bekomme viel Unterstützung.“

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Ein weiterer Teilnehmer ist Hakan Tankaz: Auch er ist vor drei Jahren aus der Türkei nach Deutschland geflohen, weil er politischer Verfolgung ausgesetzt war. In Istanbul hatte er 13 Jahre als Mathelehrer gearbeitet. „Ich habe seit langem auf dieses Programm gewartet, mein oberstes Ziel ist es, als anerkannter Lehrer zu arbeiten“, so Tankaz. Derzeit dürfe er nur als Vertretungslehrer arbeiten, doch das reiche ihm nicht.

Hochschulabschluss und Berufspraxis

Alle Teilnehmer:innen von „Refugee Teachers“ müssen über einen Hochschulabschluss und Berufspraxis als Lehrkraft in ihrem Herkunftsland verfügen. In vier Semestern werden sie sprachlich, fachlich, pädagogisch und interkulturell für die Arbeit an brandenburgischen Schulen qualifiziert. Das Programm umfasst neben Sprachunterricht auch Einblicke in das deutsche Bildungsverständnis und Schulsystem, Bewerbungstraining, Hospitationen an Schulen sowie den Austausch mit deutschen Studierenden und Lehrkräften. 

Das Programm besteht aus drei Teilen: Die Qualifizierung an der Uni Potsdam, eine einjährige schulpraktische Qualifizierung durch das Bildungsministerium, und im dritten Schritt eine Eignungsprüfung oder ein Anpassungslehrgang.

Hohe Abbruchquote

Seit dem Start von „Refugee Teachers“ gab es mehr als 1000 Bewerbungen, allerdings ist die Abbruchquote hoch: Von den bislang 160 Teilnehmerinnen sind 27 Prozent aus dem Programm ausgestiegen. Zu den Gründen gehört unter anderem, dass sich für manche Teilnehmer:innen andere berufliche Möglichkeiten ergeben haben. Für viele gebe es großen Druck, schnell in Arbeit zu kommen, sagte Miriam Vock. Von manchen wird das Programm auch als zu schwer empfunden. Zahlen darüber, wie viele der Absolvent:innen in Brandenburg geblieben sind, gibt es nicht.

Für Ministerin Schüle ist „Refugee Teachers“ ein Erfolgsprojekt: „Weltweit interessieren sich Hochschulen für das Projekt, viele haben es mittlerweile kopiert.“ Ihre Kollegin Ernst sieht es ähnlich: „Ich bin froh, dass wir das Programm so lange in Brandenburg haben.“ Seit dem Start 2016 hat das Wissenschaftsministerium rund 1,77 Millionen Euro in das Programm investiert. Aktuell wird es mit jährlich 500 000 Euro bis 2024 finanziert. 2022 soll die nächste Gruppe starten.

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