• Refugee Teachers Program: Geflüchtete Lehrer in der Sackgasse

Refugee Teachers Program : Geflüchtete Lehrer in der Sackgasse

Unter bundesweiter Aufmerksamkeit startete vor fünf Jahren das Refugee Teachers Program in Potsdam. Viele Absolventen sind heute enttäuscht, denn kaum einer hat in Brandenburg eine Lehrerstelle erhalten.

Viele Absolventen bekommen keine Gelegenheit, Schulklassen zu unterrichten (Symbolbild).
Viele Absolventen bekommen keine Gelegenheit, Schulklassen zu unterrichten (Symbolbild).Foto: dpa

Potsdam - Als das Refugee Teachers Program der Universität Potsdam 2016 startete, war das Interesse groß. Das Interesse geflüchteter Lehrer, aber auch das anderer Universitäten und Medien bundesweit. Innerhalb von eineinhalb Jahren sollten Flüchtlinge, die in ihren Herkunftsländern schon gelehrt hatten, durch intensive Sprach- und Pädagogikkurse fit gemacht werden für das hiesige Schulsystem. 

Das Programm sollte seinen Beitrag leisten zur Integration, eine Brücke zu geflüchteten Schülern bilden – und helfen, den Lehrermangel in Brandenburg zu dämpfen. Eine Win-Win-Situation, wie auch Brandenburgs damalige Wissenschaftsministerin Martina Münch (SPD) das Programm bei der Verabschiedung der ersten Absolventen 2017 nannte.

Die wenigsten Absolventen arbeiten als Lehrer

Heute, vier Jahre später, hat sich bei einigen dieser ersten Absolventen Ernüchterung breit gemacht. Denn die wenigsten von ihnen arbeiten wirklich als Lehrer im Brandenburger Schuldienst. Von den 105 Absolventen der bisherigen Jahrgänge haben nach Angaben des Landesbildungsministeriums nur vier einen unbefristeten Vertrag als Lehrkraft. 34 haben eine Stelle als pädagogische Hilfskraft, zwei sind in Elternzeit. 

Rund zwei Drittel derjenigen, die das Programm absolviert haben, sind also nicht im Brandenburger Schuldienst tätig. Zwar gibt Ministeriumssprecherin Antje Grabley zu bedenken, es lägen keine Daten dazu vor, wie viele dieser Personen in Berlin, einem anderen Bundesland oder einer Schule in freier Trägerschaft in Brandenburg arbeiten. Doch selbst wenn das für einige zutreffen dürfte: Die Rechnung, die Absolventen in den Brandenburger Schuldienst zu integrieren, ging ganz offensichtlich nicht auf.

Zerstörte Hoffnungen

„Uns wurden Hoffnungen gemacht, wir haben Jahre darauf verwendet, uns weiterzubilden und waren mit dem Herzen dabei“, sagt Wafaa Mahmoud, Absolventin des ersten Jahrganges. „Nur damit am Schluss all unsere Hoffnungen zerstört wurden und unsere Anstrengungen umsonst waren.“ Die Englischlehrerin kam 2015 aus Syrien nach Deutschland. 

Sie durchlief das anspruchsvolle Programm, konnte anschließend, wie alle aus dem ersten Jahrgang, zwei Jahre an einer Schule unterrichten. Doch nach ihrer Zeit an der Max-Dortu-Schule fand sie keine Stelle als Lehrerin. „Dabei habe ich weiter Deutschkurse besucht, auch am Wochenende.“ Mahmoud versuchte alles, um den Anforderungen gerecht zu werden, doch es blieb der Eindruck, dass ihr von Seiten des Schulamtes immer neue Steine in den Weg gelegt wurden. 

"Das Programm hat sein Versprechen nicht gehalten"

Eine Weile konnte sie als pädagogische Unterrichtshelferin arbeiten, aber alle Versuche, eine Festanstellung als Lehrerin zu bekommen, scheiterten. „Ich war an der Grenze zur Depression. Das Programm hat sein Versprechen nicht gehalten“, sagt die 38-Jährige bitter. 

Sie hat ihren Traum ad acta gelegt und eine Ausbildung als Erzieherin begonnen. „Wenn man ehrlich gewesen wäre, hätte ich nach einem Deutschkurs in einer Kita anfangen können und wäre heute längst ausgebildete Erzieherin. Dann hätte ich diese Jahre nicht verloren.“

Ähnlich sieht das auch Victoria Kerkorian. Auch die 41-Jährige stammt aus Syrien, hat dort und in Kuwait 13 Jahre lang als Französischlehrerin gearbeitet, bevor sie 2015 nach Deutschland kam und das Refugee Teachers Program durchlief. Anschließend hatte sie zwei Verträge als Vertretungslehrerin, jeweils für einige Monate. „Dafür habe ich wirklich gekämpft“, sagt sie. 

Immer wieder, so ihr Eindruck, habe das Schulamt es ihr unnötig schwer gemacht. Mehrfach waren neue Sprachzertifikate nötig, aber eine dauerhafte Anstellung bekam sie nicht. Derzeit ist Kerkorian in Elternzeit. Anschließend, so sagt sie, werde sie vielleicht die Branche wechseln. „Ich will doch nur arbeiten.“

Programm-Koordinatorin: „Die Situation ist unbefriedigend“

Miriam Vock, Professorin an der Uni Potsdam und Koordinatorin des Programms, sind die Probleme bewusst: „Die Situation ist unbefriedigend“, sagt sie. „Als wir das Programm aufgelegt haben, war alles neu. Es war klar, dass der Übergang in eine dauerhafte Lehrtätigkeit heikel wird.“ Es gebe auch Positivbeispiele, eine junge Frau sei nach den zwei Jahren in einer Schule in Fürstenwalde direkt übernommen worden. 

Über die Gründe, warum es so oft nicht klappe, könne auch sie nur spekulieren. „Die Absolventen haben eine sehr gute Ausbildung, aber keine passgenaue“, sagt sie. Sie erwarte eine individuellere Prüfung, etwas mehr Flexibilität im Schulamt und in den Schulen. Noch immer gebe es die formale Voraussetzung eines zweiten Faches – in vielen Herkunftsländern der Geflüchteten reicht ein Fach aus. 

Miriam Vock, Professorin an der Uni Potsdam und Koordinatorin des Programms.
Miriam Vock, Professorin an der Uni Potsdam und Koordinatorin des Programms.Foto: UP

„Das Land sollte überlegen, ob man daran festhalten will“, findet die Professorin. Um die Ausbildung noch passgenauer zu gestalten, wurde sie im Frühjahr noch einmal verändert. Statt drei dauert sie nun vier Semester und bietet auch die Möglichkeit, ein zweites Fach dazu zu studieren, zumindest damit zu beginnen. Es gebe weiterhin viele unbesetzte Lehrerstellen in Brandenburg, gerade in ländlichen Regionen, „da ist es nicht verständlich, warum es nicht klappen sollte“.

Ausweichende Antwort vom Bildungsministerium

Das Schulamt will keine Fragen zu der niedrigen Übernahmequote beantworten. Es verweist auf das Bildungsministerium. Ministerin Britta Ernst hatte im April beim Start des neuen Jahrgangs des Refugee Teachers Programm gesagt: „Unsere Schulen werden durch diese Fachkräfte bereichert. Es ist ein Beispiel gelungener Integration und wir profitieren von zusätzlich ausgebildeten Fachkräften.“ 

Auf Nachfrage, ob das Programm erfolgreich oder gescheitert ist, antwortet das Ministerium ausweichend. Das Programm ermögliche „den Erwerb der deutschen Sprache, Einblicke in das deutsche Bildungsverständnis und Schulsystem, Hospitationen an Schulen sowie den Austausch mit deutschen Studierenden und Lehrkräften“, so Sprecherin Grabley. 

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Aus dem Wissenschaftsministerium heißt es: „Das Projekt ist ein Erfolg.“ Zu den Gründen, warum die Übernahme in den Schuldienst so oft nicht klappt, sagt Grabley, das sei „höchst unterschiedlich und oft auch individuell von den Betreffenden selbst abhängig“. Einige seien nicht zu Ortswechseln bereit.

Bei der Einstellung in den Schuldienst gelte das „Prinzip der Bestenauslese“. Um die „Chancengleichheit bei Bewerbungen für den Schuldienst gegenüber deutschen Bewerberinnen und Bewerber zu erhöhen“, werde man allen Absolventen künftig ein „einjähriges, vergütetes und begleitetes Schulpraktikum“ anbieten. Lägen alle Voraussetzungen vor, könnten die Teilnehmer in einen Anpassungslehrgang wechseln – ähnlich dem üblichen Vorbereitungsdienst, um die deutsche Lehramtsbefähigung zu erhalten.

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Viele Bewerbungen, kaum Antworten

Die Absolventin Alaa Kassab würde ein Praktikumsangebot nicht annehmen. Auch als pädagogische Hilfskraft möchte sie nicht arbeiten. „Ich will das nicht akzeptieren. Ich bin ausgebildete Lehrerin und möchte auch als Lehrerin arbeiten.“ Die PNN hatte die junge Frau aus Syrien mehrfach getroffen, sie ging in den beiden Jahren nach dem Abschluss in ihrer Rolle als Englischlehrerin in der Meusebach-Grundschule in Geltow auf. Doch danach hatte die Schule keinen Bedarf an Englischlehrern. 

Trotz zahlreicher Bewerbungen bekam Kassab nur wenige Antworten, und wenn, dann wurde nichts daraus – obwohl sie ausgezeichnet Deutsch spricht. „Durch das Programm habe ich sehr schnell Deutsch gelernt und die beiden Jahre an der Grundschule waren wunderbar. Aber danach hat man uns vergessen“, sagt die 28-Jährige. Nun hat sie immerhin eine Stelle als Krankheitsvertretung in Aussicht – eine kleine Hoffnung, wieder als Lehrerin arbeiten zu können.


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