• Reformpädagogik in Potsdam: Auftakt für die Montessori-Schule am Stern

Reformpädagogik in Potsdam : Auftakt für die Montessori-Schule am Stern

Die ersten 150 Schüler lernen seit drei Wochen an der neuen Montessori-Schule Am Stern. Ein Besuch.

Luca Parussel, Amelie Beger und Jule Weber (von links) besuchen die elfte Klasse der neuen Schule. 
Luca Parussel, Amelie Beger und Jule Weber (von links) besuchen die elfte Klasse der neuen Schule. Foto: Sandra Calvez

Noch ist alles recht improvisiert. „Den großen Lautsprecher haben wir noch nicht“, sagt Musiklehrer Markus Liebscher entschuldigend, als sich einige Schüler beklagen, dass die Keyboards kaum zu hören sind. „Wir machen die anderen ein bisschen leiser“, schlägt Liebscher vor. Mit 16 Siebtklässlern sitzt er im Klassenraum im Kreis, alle in Socken, in der Mitte ein Teppich. Jedes Kind hat sich ein Instrument ausgesucht, einige halten Trommeln, andere Gitarren, E-Bass oder sitzen an besagten Keyboards. Sie üben „Hall of Fame“, ein aktuelles Projekt.

Die Gruppe Siebtklässler gehört zu den ersten Schülern der neuen Montessori-Gesamtschule Am Stern. Seit drei Wochen, zu Beginn des neuen Schuljahrs, haben die ersten beiden Jahrgänge hier begonnen. Wenn das Schulzentrum Am Stern einmal voll aufgebaut ist, sollen hier etwa 1000 Kinder von der ersten Klasse bis zum Abitur lernen. Derzeit sind die Schüler noch im Gebäude der auslaufenden Pierre-de-Coubertin-Schule in der Gagarinstraße untergebracht, im Frühjahr soll dann der Umzug in den 35 Millionen Euro teuren Neubau nebenan erfolgen.

Flache Hierarchie

„Wir haben hier viel mehr Freiheiten“, beschreibt die Elftklässlerin Luca Parussel. „Es wird nicht so frontal unterrichtet, so kann man viel besser lernen“, findet die 16-Jährige, die von einem Potsdamer Gymnasium auf eigenen Wunsch an die Schule gewechselt ist. „Die Lehrer sind hier nicht höhergestellt, es gibt viel mehr Dialog mit ihnen“, ergänzt Amelie Beger, ebenfalls Klasse elf.

Luca und Amelie sind vor wenigen Tagen zu Schulsprecherinnen gewählt worden. „Hier kann man noch viel mitentwickeln, das ist spannend“, sagt Amelie. Sie war vorher ein halbes Jahr in Neuseeland. Nach der Rückkehr, so erzählt sie, sei sie nicht mehr so gut klargekommen mit dem Schulsystem. Was sie am Montessori-Konzept reizte: „Hier ist alles offener und es gibt mehr Platz für Kunst und andere Projekte.“ Besonders gut gefällt ihr nun ein Projekt, bei dem die Schüler mit einer Willkommensklasse zusammenarbeiten und dort Flüchtlingen beim Deutschlernen helfen.

Frei lernen. Weniger Frontalunterricht ist besser, finden die Schülerinnen.
Frei lernen. Weniger Frontalunterricht ist besser, finden die Schülerinnen.Foto: Sandra Calvez

Selbst Obst und Gemüse anbauen

Projekte sind ein wichtiger Baustein in Montessori-Schulen. Zum einen haben die Siebtklässler nun die Möglichkeit, regelmäßig für mehrere Tage auf ein Grundstück in Bergholz-Rehbrücke zu fahren, um dort Landwirtschaft zu betreiben. Dazu kommt eine Kooperation mit dem Hasso-Plattner-Institut (HPI). „20 Trainer vom HPI werden die Schüler der elften Klasse an fünf Tagen in Design Thinking schulen“, beschreibt Simon Friedrich-Raabe, kommissarischer Schulleiter der neuen Schule. „Das ist Schule 2.0.“

„Es ist gut angelaufen, wir bekommen positives Feedback von den neuen Lehrern, den Schülern und auch den Eltern“, sagt Friedrich-Raabe. Deren Interesse war schon vorab groß: Zu einer Informationsveranstaltung im November kamen 150 Besucher, längst nicht nur aus Potsdam.

100 Siebt- und 50 Elftklässler hat Friedrich-Raabe nun aufgenommen, überwiegend aus Potsdam, einige aus dem Umland und einzelne aus Berlin. Etwa die Hälfte der älteren Schüler besuchte vorher die andere Montessori-Schule der Stadt in Potsdam-West. Jule Weber ist eine von ihnen. „Ich bin wirklich froh, dass es in der neuen Schule die Möglichkeit gibt, mit dem offenen Lernen weiterzumachen“, sagt sie.

Viele Bewerbungen von Lehrern

Die Bewerberzahl überstieg die 13 Lehrerstellen. „Ich konnte auswählen“, sagt Friedrich-Raabe. Mit den Kollegen, aber auch mit den Schülern gemeinsam erarbeitet er nun Schritt für Schritt, wie die Reformpädagogik nach dem Konzept der Italienerin Maria Montessori hier konkret umgesetzt wird. „Wir finden gemeinsam Wege, ein individuelleres Lernen umzusetzen“, sagt der Schulleiter. „Wir unterstützen die Selbstständigkeit im Arbeiten, es geht nicht nur um Inhalt, auch die Methodik besprechen wir. Denn die Lernwege sind sehr unterschiedlich.“

Wenn dann in den kommenden Jahren weitere Klassen dazukommen, soll – wie auch an der anderen Montessori-Schule – jahrgangsübergreifend unterrichtet werden. Auch mehr fächerübergreifendes Lernen wünscht sich Friedrich-Raabe – nicht ganz einfach im Rahmen des Lehrplans. „Wir werden sehen, wie viele Freiheiten wir uns nehmen können“, sagt der Schulleiter. 

https://schulzentrum-am-stern.de/