• Rechenzentrum feiert sechsten Geburtstag: Ode an den Kontrast

Rechenzentrum feiert sechsten Geburtstag : Ode an den Kontrast

Zum Jubiläum des Kreativhauses spricht Oberbürgermeister Schubert (SPD) ein Grußwort. Auch mit dabei: Der Künstler Jasper Precht, dessen Bilder Potsdam als Stadt der Widersprüche feiern.

Abend über Potsdam. Die Ausstellung „Introspektion“ rückt Potsdams Platten in romantisches Licht. 
Abend über Potsdam. Die Ausstellung „Introspektion“ rückt Potsdams Platten in romantisches Licht. Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Ohne Kontraste, sagt Jasper Precht, funktioniert nichts. Nicht seine erste Ausstellung, die er heute im Rechenzentrum eröffnen wird: Hier hängen impressionistische Naturmotive neben urbaner Melancholie. Nicht seine Arbeit als Maler, für die er als Gegenpol den Brotjob als Produktdesigner braucht – allein schon, um finanziell unabhängig zu sein. Am wenigsten aber würde seine Kunst ohne Kontraste funktionieren. Hell trifft hier auf dunkel. Romantik auf Platte. Potsdam trifft auf Potsdam.

„Ich habe immer gesagt: Meine Malerei ist unpolitisch“, sagt der 1992 in Oldenburg Geborene. Seit dem Frühjahr 2019 hat er sein Atelier im Rechenzentrum. Jasper Precht sagt auch: Ohne diesen Ort, wo er sich preiswert einmieten konnte, würde es ihn als Künstler womöglich gar nicht geben.

Seine Malerei will er ausdrücklich nicht mit einem vernunftgesteuerten Gestus verbunden sehen: Er malt aus der Empfindung heraus, ohne Botschaft. „Aber klar, dass ich gerade hier mein Atelier habe, ist auch ein politisches Statement.“ Potsdam sei eine Stadt der Kontraste, das habe ihm gefallen seitdem er 2013 zum Studium herkam. „Alles hat seinen Wert“, sagt er, der als Student selbst in einem Plattenbau wohnte. „Das, was sich im Rechenzentrum entwickelt hat, ist durch nichts zu ersetzen“. Kreativität könne man nicht erzwingen, sagt er in Anspielung auf das geplante Kreativquartier.

Jasper Precht stellt erstmals aus.
Jasper Precht stellt erstmals aus.Foto: Ottmar Winter

Auch der Bau hat Geburtstag

Heute feiert nicht nur das Rechenzentrum sein 6. Jubiläum, sondern auch der Bau selbst hat Geburtstag: Er wurde 1971 von einem Architekturkollektiv um Sepp Weber, der auch an der Errichtung des Havelhochhauses und der Alten Fachhochschule beteiligt war, fertiggestellt. Das ehemalige Institut für Lehrerbildung gibt es seit 2018 nicht mehr, und auch, dass das Rechenzentrum noch steht, ist keinesfalls selbstverständlich: Das Datenverarbeitungszentrum stand 2015 bereits kurz vor dem Abriss. Damals war das Atelier- und Probenhaus „Alte Brauerei“ gerade geschlossen worden, Potsdamer Kreative forderten einen neuen Ort mit moderaten Mieten von der Stadt. Solch ein Ort sollte das Rechenzentrum werden – zunächst für drei Jahre bis 2018, inzwischen bis mindestens 2023.

Aber was wird danach? Das ist die Frage, um die nach wie hitzig debattiert wird. Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) sucht bekanntlich nach einem Kompromiss, er hat sich zu dem „Ziel eines weitestgehenden oder vollständigen Erhalts des Rechenzentrums“ bekannt – was der Wiedererrichtung der Garnisonkirche mit originalem Kirchenschiff im Weg stünde. Unterstützer:innen des Letzteren fordern lautstark ein Bekenntnis Schuberts zum Kirchenbau.

Um so größer ist die Spannung darüber, wie der Stadtchef sich bei den heutigen Feierlichkeiten im Rechenzentrum äußern wird. Rein baurechtlich sei ein Erhalt möglich, befand ein Expertenteam des Architektenverbands Architects for Future kürzlich, und auch Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle (SPD) hat ihre Wertschätzung für den Ort unterstrichen - ohne sich freilich dezidiert über dessen Zukunft zu äußern. Während die Initiative Mitteschön den Abriss will, hat die Linke beantragt, den Bau unter Denkmalschutz zu stellen. Die politische Dimension der Debatte um Erhalt oder Abriss des Baus ist größer denn je.

Potsdams Skyline. Blick vom Flatowturm.
Potsdams Skyline. Blick vom Flatowturm.Foto: Ottmar Winter

Ausstellung wirkt wie eine Aufforderung zum Innehalten

Angesichts all dessen wirkt die Ausstellung von Jasper Precht wie eine Aufforderung zum Innehalten. „Introspektion“, das bedeutet Selbstbeobachtung. Entstanden ist der Großteil der Bilder während der Corona-Pandemie. Zu sehen sind Gemälde im Zeichen des Zwielichts. Eine nächtliche Radfahrerin unter der S-Bahnbrücke in Babelsberg. Brandenburgische Kiefernbäume, die lange Schatten werfen. 

Ein Schwimmer unweit des Kiwitt im Abendlicht, über ihm ein Abendhimmel – und am anderen Ufer ein Plattenbau. Auch ein Plattenbau aus Waldstadt ist hier zu sehen, davor eine Figur im Schneeregen. Oder ein Blick vom Babelsberger Park auf die Potsdamer Skyline: die Nikolaikirche, daneben wiederum die Silhouette von Plattenbauten – ein „Abend über Potsdam“ des Jahres 2021. Ohne den Kontrast der Plattenbauten bliebe nur ein rosaroter Himmel. 

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Das Programm

Am heutigen Mittwoch wird ab 17 Uhr im Rechenzentrum gefeiert. Zunächst gibt es Grußworte unter anderem von Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD), danach öffnet neben Japser Prechts „Introspektion“ die Ausstellung „Big, Nevermind, and lost“, eine Gruppenausstellung von Künstler:innen aus dem Haus. Um 18 Uhr singt der Potsdamer Kneipenchor ein Geburtstagsständchen. 

Um 18.30 Uhr zeigen Stevie Koglin und Lukas Schapp das Tanzstück „101 Concrete“ vor dem Haus. Ab 20 Uhr legen die DJanes Clara Wodka, Björn Bühler und Marabou auf. Bis 11. September folgt ein Programm aus Konzerten, Vorträgen und Filmen. Infos unter www.rz-potsdam.de. Am 15. September um 17 Uhr gibt es eine Demo für den Erhalt des Rechenzentrums, Treffpunkt Dortustraße 46.

Hinweis: In einer früheren Fassung des Textes hatten wir berichtet, Ministerin Schüle habe sich für den Erhalt des Rechenzentrums ausgesprochen. Dies haben wir nach einem Hinweis aus dem Ministerium korrigiert.

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