• Raketen und Böller: Potsdam prüft punktuelles Feuerwerk-Verbot

Raketen und Böller : Potsdam prüft punktuelles Feuerwerk-Verbot

Nach den vielen Verletzungen und Sachbeschädigungen in der Silvesternacht wird in Potsdam ein punktuelles Verbot von privatem Feuerwerk geprüft. Böllerverbot in Potsdam? Nicht alle sind von der Idee begeistert.

Die Stadtentsorgung hat schon am frühen Neujahrsmorgen mit dem Beseitigen des Silvestermülls angefangen – man rechnet mit insgesamt 15 Tonnen. Zunächst waren große Plätze und Hauptverkehrsstraßen dran. Bis Ende der Woche sollen alle Straßen sauber sein, dann folgen die Grünflächen. 22 Mitarbeiter waren an Neujahr zusätzlich im Einsatz, so ein Sprecher.
Die Stadtentsorgung hat schon am frühen Neujahrsmorgen mit dem Beseitigen des Silvestermülls angefangen – man rechnet mit...Foto: Manfred Thomas Tsp

Potsdam - An bestimmten Orten in Potsdam könnte es nächstes Jahr ein Böllerverbot geben. Nach den Meldungen über schwere Verletzungen und Sachbeschädigungen habe sich die Verwaltung dazu entschlossen, über ein punktuelles Verbot nachzudenken, sagte Stadtsprecher Jan Brunzlow am Mittwoch auf PNN-Anfrage. In den nächsten Monaten werde man deshalb ein Meinungsbild einholen – bei der Feuerwehr, den Potsdamer Unternehmen, aber auch den betroffenen Stellen in der Stadtverwaltung, etwa den Bereichen Umwelt und Denkmalpflege. Nach der Sommerpause wolle man dieses Meinungsbild dann der Stadtverordnetenversammlung vorlegen und damit eine Debatte anstoßen, ob ein Verbot an bestimmten Orten sinnvoll sei.

Rechtlich möglich sei dies in jedem Fall, so Brunzlow. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) mache es vor – sie hat das Böllern in ihren Anlagen bereits verboten. Und auch in anderen Städten gelte ein solches Verbot bereits. Tatsächlich sind private Silvesterfeuerwerke in vielen deutschen Städten mittlerweile nicht mehr erlaubt: In Düsseldorf oder Tübingen ist die Altstadt tabu, in Bremen die Zone rund um den Marktplatz, in Frankfurt ein Uferabschnitt am Main und in Hannover durften in diesem Jahr erstmals weite Teile der Innenstadt nur ohne Böller und Raketen betreten werden.

Auch in Potsdam war ein Böllerverbot immer wieder Thema – doch am Ende wurde es immer wieder verworfen. Nach der letzten Silvesternacht hat aber offenbar ein Sinneswandel bei der Stadtverwaltung stattgefunden. In diesem Jahr wurden wie berichtet besonders viele Verletzungen durch Feuerwerkskörper im städtischen Klinikum „Ernst von Bergmann“ behandelt. Bei drei Männern mussten Finger amputiert werden, zwei unbeteiligte Frauen erlitten schwere Augenverletzungen – Folgeschäden können nicht ausgeschlossen werden. Auch die Feuerwehr hatte alle Hände voll zu tun, mehrere Raketen hatten Brände ausgelöst.

Landesweiter Minusrekord

Für die Umwelt ist das exzessive Geböllere ebenfalls schädlich, wie die Feinstaub-Statistik zeigt. So schlugen die Messgeräte in der Silvesternacht mächtig aus, in der Großbeerenstraße wurde sogar der landesweite Rekord für den Einstundenmittelwert aufgestellt: 342 Mikrogramm je Kubikmeter – der Grenzwert liegt lediglich bei 200 Mikrogramm.

Und auch die Welterbestätten haben dieses Jahr besonders gelitten: So zerstörte eine Rakete das Glas in der Tür der sogenannten Moschee an der Breiten Straße – die Schadenshöhe kann noch nicht beziffert werden. Und auch vor Schloss Sanssouci wurden illegalerweise wieder Raketen abgeschossen, wie Stiftungssprecher Frank Kallensee auf PNN-Anfrage bestätigte. Mehrere Personen seien unerlaubt eingedrungen und hätten nicht den eigentlich an Silvester einzigen offiziellen Zugang durch das Mühlentor genutzt. Ähnliche Vorfälle habe es im Park Babelsberg am Flatowturm gegeben. Aus den Vorjahren kennt die Stiftung das Problem, deshalb habe man in der Silvesternacht den Wachschutz in allen Bereichen erhöht, so Kallensee. Am Mühlentor des Parks Sanssouci gebe es außerdem jedes Jahr Einlass- und Taschenkontrollen. Das Privatfeuerwerk unterhalb der Schlossterrasse in Sanssouci sei zum Beispiel umgehend unterbunden worden.

Von Silvesterraketen und Böllern gehe eine akute Brandgefahr aus, warnte Kallensee. „Leichtsinnig gezündete Raketen oder Irrläufer können die historischen Bauten und Gärten beschädigen und Brände verursachen. Das verheerende Feuer in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar 2004 hat deutlich gezeigt, welchen Gefahren die Schlösser und ihre Kunstschätze sowie die Gartenanlagen durch Feuer ausgesetzt sein können.“ Dass die Stadt hier weitere Einschränkungen prüfen will, fände die Stiftung daher „richtig und sinnvoll“.

Verbot bei Politikern umstritten

Weniger überzeugt ist hingegen bislang die Stadtpolitik. „Silvester ohne Feuerwerk wäre wie Weihnachten ohne Baum“, sagte zum Beispiel SPD-Fraktionschef Pete Heuer. Er findet die hohe Zahl an privaten Feuerwerken im restlichen Jahr, für die Ausnahmegenehmigungen beantragt werden müssen, bedenklicher. Auch CDU-Fraktionschef Matthias Finken setzt auf Eigenverantwortung: „Man muss nicht alles politisch regeln.“ Wie bisher sollte Feuerwerk in besonders schutzwürdigen Bereichen wie den Schlossgärten und neben Krankenhäusern verboten sein. Ähnlich sieht es die linksalternative Fraktion Die Andere: „Wir sehen die Knallerei zwar skeptisch, zusätzliche Verbote aber auch“, sagte André Tomczak. Abseits des Jahreswechsels sollten nicht genehmigte Feuerwerke von Privatpersonen aber geahndet werden. Ähnlich wie die Stadtverwaltung argumentieren die Grünen: „Bis zum nächsten Silvester sollte diskutiert werden, wie man es besser machen kann“, sagte Fraktionschefin Janny Armbruster. Das Feuerwerk sollte Freude machen und nicht Angst und Schrecken verbreiten. Rücksicht auf Kinder, alte Menschen und Tiere sei wichtig. Andererseits handele es sich um eine jahrhundertealte Tradition, die nicht leichtfertig aufgegeben werden dürfe.

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Ob es im Falle eines Böllerverbotes dann ein zentrales Feuerwerk in der Potsdamer Innenstadt gäbe, blieb hingegen noch völlig offen. „Das spielt für uns zunächst keine Rolle“, so Stadtsprecher Brunzlow. Bei der AG Innenstadt würde man es begrüßen. Deren Vorsitzende Bärbel Schälicke brachte auch gleich den Lustgarten als möglichen Standort ins Gespräch. Der Platz sei gut zu erreichen – und Anwohner gebe es auch keine.

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