• Radfahren in Potsdam: Verkehrsexperte ist für radikale Lösungen

Radfahren in Potsdam : Verkehrsexperte ist für radikale Lösungen

Michael Ortgiese, Professor für Verkehrswesen an der Fachhochschule, spricht im PNN-Interview über die Radverkehrsplanung in Potsdam.

Foto: Ottmar Winter

Herr Ortgiese, Potsdam belegt Platz 5 im bundesweiten Fahrradklimatest des ADFC. Wie fahrradfreundlich ist die Stadt?
 

Das Ergebnis spiegelt die Lage recht gut wieder. Potsdam ist schon radverkehrsfreundlich, allerdings mit einigen Einschränkungen. Der Aufbau eines zusammenhängenden Radwegenetzes erfordert Anstrengung, denn die Fahrbahnbreite ist zum Teil gar nicht ausreichend.

Welche Stellen finden Sie gefährlich?

In meinem persönlichen Umfeld beispielsweise die Jägerstraße und Alleestraße, im Bereich der Alexandrowka.

Hat die Stadt hier genug getan?

Man muss entschuldigend sagen: Es ist eine Krux, gerade im Innenstadtbereich. Es gibt die Bemühungen, Radwege auszuweisen, aber es geht in diesen Straßen nur begrenzt.

Welchen Ausweg sehen Sie aus diesem Dilemma?

Wir müssen uns hier grundlegendere Gedanken machen, auch radikalere Lösungen in Betracht ziehen. Wir müssen uns die Frage stellen, in welchen Straßen wir überhaupt noch motorisierten Individualverkehr zulassen wollen.

Michael Ortgiese
Michael OrtgieseFoto: Andreas Klaer

Sie denken an eine Trennung?

Das ist ein perspektivischer Gedanke. Aber ja, wenn der Radverkehr zunimmt und wir eine Taktverdichtung vom öffentlichen Nahverkehr wollen, wäre es eine Option, bestimmte Straßen nur für Radverkehr und ÖPNV auszuweisen.

In einer Umfrage der PNN bemängeln viele Radfahrer fehlende Radwege. Muss die Planung hier noch nachbessern?

Es gibt bereits ein Radschnellwegekonzept, aber das muss noch umgesetzt werden. Die Kosten dürfen nicht unterschätzt werden. Wer Radwege ausbauen will, muss zweifelsohne Geld in die Hand nehmen. Allerdings dürfen die politischen Parteien nicht nur auf eine Lösung setzen. Es muss ein ganzes Maßnahmenpaket geben, das neben dem Rad auch öffentlichen Nahverkehr, aber auch Carsharing berücksichtigt.

2018 gab es so viele Fahrradunfälle wie noch nie in Potsdam. Wo gibt es im Bereich Sicherheit noch Nachholbedarf?

Gerade die Knotenpunkte, etwa rund um den Bahnhof, wo besonders viel los ist, müssen bei Planungen noch einmal besonders analysiert werden. Häufig sind hier nur einseitige Radwege vorhanden. Die Fahrradstreifen könnten hier weiter in die Kreuzungen hineingezogen werden. Der Ausbau der Radwege verbessert auch die Sicherheit. Denn gerade auf hochbelasteten Straßen mit Mischverkehr steigt das Potenzial für Unfälle.

Wird der Radverkehr in den nächsten zehn Jahren noch zunehmen?

Ja, davon ist auszugehen. Das liegt auch daran, dass wir so am schnellsten auf die Klimaproblematik reagieren können.

In den „Fridays for Future“-Klimademonstrationen fordern die Schüler, öfter das Rad und den ÖPNV zu nutzen. Verändert dieser Bewusstseinswandel etwas?

Das halte ich durchaus für möglich. Schon heute merken wir zarte Ansätze. Gerade in den Städten, in denen viele Ziele in einem Radius von maximal fünf oder sechs Kilometern erreichbar sind, steigen die Menschen leichter auf das Fahrrad oder den ÖPNV um. In Potsdam spielt auch der Fußgängerverkehr eine wichtige Rolle. In peripheren Räumen ist es viel schwieriger, auf das Auto zu verzichten.

Welche Rolle werden E-Bikes spielen?

E-Bikes werden an Bedeutung gewinnen, gerade bei Stadtgebieten, die weiter vom Zentrum entfernt liegen. Das wird auch Menschen vom Umstieg überzeugen, E-Bike-Fahren macht einfach mehr Spaß und erleichtert es, den inneren Schweinehund zu besiegen. Aber bisher ist nicht geklärt, ob diese die Radwege nutzen dürfen. Eine Option wäre, breite Radschnellwege für schnelle E-Bikes mit bis zu 45 Stundenkilometern freizugeben, auf den anderen müssten sie sich an die Begrenzung von 25 Stundenkilometern halten.


Michael Ortgiese, 52, ist seit 2012 Professor für Verkehrswesen an der Fachhochschule in Potsdam. Nach seinem Ingenieursstudium war er in der Stadt- und Verkehrsplanung tätig.

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