• Prozess um Horror-Überfall in Potsdam: Wer wusste was?

Prozess um Horror-Überfall in Potsdam : Wer wusste was?

Die Angeklagten im Prozess um den brutalen Einbruchsüberfall in der Bertinistraße widersprechen sich. Sie sollen wie wild auf ein Ehepaar eingeprügelt und am Tatort sogar eine Kamera installiert haben.

Foto: dpa

Potsdam - Im Prozess um den brutalen Einbruchsüberfall auf eine Familie in der Bertinistraße im vergangenen Sommer widersprechen sich die Angeklagten. Am zweiten Verhandlungstag am Montag haben sowohl der zweite Hauptangeklagte als auch einer der beiden als Mittäter angeklagten Männer ausgesagt. Der vierte Mann will sich derzeit nicht vor Gericht äußern.

Wie berichtet müssen sich die vier Berliner im Alter von 22 bis 32 Jahren vor dem Landgericht Potsdam verantworten – unter anderem wegen des Vorwurfs des erpresserischen Menschenraubs. Laut der Staatsanwaltschaft sollen die zwei Hauptangeklagten, John R. und Jorge H., in der Nacht zum 25. Juli in das Haus der Familie in der Bertinistraße eingebrochen sein, um Geld zu erbeuten. Als die Bewohner von den Geräuschen aufwachten, sollen sie mit einem Küchenmesser bedroht worden sowie geschlagen und getreten worden sein, auch nachdem sie 3000 Euro Bargeld übergeben hatten. 

Einer räumte ein, die minderjährige Tochter weggeschafft zu haben

Wie John R. in seiner Erklärung am ersten Verhandlungstag eingeräumt hatte, hat er auch die minderjährige Tochter in den Schwitzkasten genommen und ins Badezimmer geschafft. R. hatte sein brutales Verhalten gegenüber den Opfern mit einem Kontrollverlust angesichts der unerwarteten Situation erklärt. Er habe nicht damit gerechnet, dass Menschen im Haus seien. Das sei ihm vorher so von Jorge H., den er als Kopf hinter dem Überfall beschrieb, versichert worden.

Für Jorge H. stellt sich das Geschehen indes anders dar. Dass ein „älterer Mann“ im Haus sein könnte, sei vorher klar gewesen, sagte der 22-Jährige vor Gericht. Dem vermuteten Bewohner habe er mit einem vom Küchentisch der Familie genommenen Messer drohen wollen, um ihn zu der Herausgabe des vermuteten Geldes – wie R. sprach auch H. von vermeintlichen 140 000 Euro Bargeld und berief sich auf Informationen der Putzfrau der Familie – zu bewegen. Dass sich im Haus dann auch eine Frau und ein minderjähriges Mädchen befanden, habe ihn „geschockt“ – aber nicht davon abgehalten, ihnen mit dem Messer zu drohen und die Herausgabe des Geldes zu fordern.

Völlig außer sich soll R. auf das Ehepaar eingeschlagen haben

Schockiert habe ihn das brutale Vorgehen von R., sagte H. Der habe völlig außer sich auf Mann und Frau eingeschlagen und getreten: „Ich habe ihn noch nie vorher so erlebt.“ Auf seine Zurufe zur Mäßigung habe er nicht reagiert.

H. belastete am Montag außerdem seinen Mitangeklagten und damaligen Arbeitskollegen Florian G., in dessen Auto die Männer nach Potsdam gefahren waren. Laut H. soll G. der eigentliche Kopf gewesen sein und ihn selbst erst am gleichen Tag eingeweiht haben.

Dieser Darstellung widersprach G. Für den besagten Tag sei überhaupt kein Einbruch geplant gewesen – vielmehr habe man sich für einen möglichen späteren Einbruch einen Überblick vor Ort verschaffen wollen. Dass Jorge H. und John R. in der Julinacht in das Haus einbrachen, will der 32-Jährige G. erst am nächsten Tag aus dem Internet erfahren haben. Selbst als H. mit einer Wunde an der Hand, die er sich durch das Einschlagen einer Scheibe am Haus zugezogen hatte, zurück zum Auto kam, schöpfte G. keinen Verdacht. Laut G. trennten sich die Männer in den frühen Morgenstunden – in der Zeit zwischen dem Einschlagen der Scheibe und dem eigentlichen Einbruch: Weil H. und R. auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht wieder ins Auto steigen wollten, sei er mit dem als vierten Mann hinzugeholten Nico N. allein zurück nach Berlin gefahren, so G.

Die Täter installierten am Haus eine Kamera

Laut G. sollte der Einbruch zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden, wenn die Familie im Urlaub wäre. An der Vorbereitung sei auch Jorge H. beteiligt gewesen. So habe er mit H. vorab am späteren Tatort eine Überwachungskamera installiert. Davon habe man sich Aufschluss darüber erhofft, wann die Familie verreist.

Davon, dass sich in dem Haus womöglich eine große Bargeldsumme befindet, habe er im Frühjahr eher aus Zufall über die Putzfrau erfahren, sagte G. Sie sei eine Freundin seiner Eltern und habe bei einem Besuch, bei dem auch G. zugegen war, von der Potsdamer Familie erzählt, bei der es viel Bargeld im Haus gebe. Eine genaue Summe habe er nie gekannt und auch gegenüber den nun Mitangeklagten nie genannt, so G. Die hätten sich bei der Fahrt nach Potsdam „aufgeschaukelt“ und von immer höheren Summen gesprochen. Offenbar hielt G. die erwartete Summe aber für hoch genug, um dafür „rund 80 Euro“ in den Kauf der Überwachungskamera zu investieren.

Ein Urteil könnte es noch vor Weihnachten geben

Für den Prozess sind insgesamt neun Verhandlungstage angesetzt, noch vor Weihnachten könnte ein Urteil fallen. Jorge G. wirft die Staatsanwaltschaft eine weitere Straftat vor, über die mitverhandelt wird. Er soll 2013 mit zwei anderen Komplizen beim Einbruch in ein Haus in Berlin-Wandlitz Goldbarren, Silber und Münzen im Wert von rund 300 000 Euro erbeutet haben.