• Prozess am Potsdamer Landgericht: Angeklagte gestehen Überfall in Golm

Prozess am Potsdamer Landgericht : Angeklagte gestehen Überfall in Golm

Ein Trio aus Potsdam störte eine Drogenparty von vier Männern, um 30.000 Euro angebliche Schulden einzutreiben. Polizisten schildern die Verfolgungsjagd vor Gericht.

Die Angeklagten (Mitte).
Die Angeklagten (Mitte).Foto: Carsten Holm

Potsdam - Der 36-jährige mutmaßliche Haupttäter Stefan P. hatte die wesentlichen Tatvorwürfe bereits während des ersten Verhandlungstags am 27. Januar eingeräumt – an diesem Mittwoch legten auch seine mutmaßlichen Mittäter vor der 2. Großen Strafkammer des Potsdamer Landgerichts ein Geständnis ab. Die 29 Jahre alte Gina F., die Freundin von Stefan P., und dessen 28-jähriger Bekannter Steven L. räumten ein, am 1. August vergangenen Jahres gegen 23.10 Uhr zu dritt und maskiert in eine Wohnung in Golm eingedrungen zu sein, um 30.000 Euro einzutreiben. Sie glaubten, dass der 17 Jahre alte Hugo R. dem mutmaßlichen Haupttäter das Geld angeblich gestohlen hatte.

Das Trio ist wegen gemeinschaftlichen schweren Raubes angeklagt. Den mutmaßlichen Tätern droht eine mehrjährige Freiheitsstrafe, weil ihre Opfer mit Faustschlägen traktiert sowie mit Kabelbindern gefesselt wurden.  Gina F. führte zudem einen Elektroschocker mit sich und setzte ihn laut Staatsanwaltschaft gegen Hugo R. ein. 

Gina F., die in der Gastronomie arbeitet, und der Kraftfahrer Steven L. ließen ihre „abschließenden Erklärungen“ von ihren Verteidigern verlesen – das heißt, dass sie vor Gericht keine weiteren Fragen mehr beantworten wollen.

Die Angeklagten und ihre Anwälte.
Die Angeklagten und ihre Anwälte.Foto: Carsten Holm

"Stefan muss seinen Drogenkonsum in den Griff bekommen"

Sie habe am ersten Verhandlungstag bei den Angaben zu ihrer Person „nicht die ganze Wahrheit“ gesagt, gab F. zu. Sie stamme aus einem zerrütteten Elternhaus, ihre Eltern hätten sich getrennt, als sie zehn Jahre alt gewesen sei. Sie habe Drogen genommen und dann Stefan P. kennengelernt. Der Kraftfahrzeugmeister führte bis zu seiner Festnahme nach dem Überfall einen Ein-Mann-Betrieb.

P., der seit der Tat in Neuruppin in Untersuchungshaft sitzt, sei der erste Mann, mit dem sie eine glückliche Liebesbeziehung führen konnte, sagte Gina F. Sie sei noch immer mit ihm zusammen, „aber Stefan muss seinen Drogenkonsum in den Griff bekommen“, wenn es so bleiben solle. In den wenigen, kurzen Momenten, die ihnen im Gericht blieben, wenn etwa Stefan P. in Handschellen in den Saal 8 geführt wurde, das Gericht den Raum aber noch nicht betreten hatte, umarmten sich die beiden und tauschten lange Zärtlichkeiten aus.

"Die Bullen kommen"

Sie habe geglaubt, dass Hugo R., ein früherer Nachbar ihres Freundes, ihm eine Ledertasche mit 30.000 Euro gestohlen habe. R. habe gewusst, dass Stefan P. seine Wohnung oft nicht abschloss, zudem habe er sich „verdächtig“ gemacht. Er sei „großspurig“ aufgetreten, sie habe den Eindruck gewonnen, dass R. „Geld hatte“.   

„Ich gab ihm einen Schlag auf den Rücken“, beschrieb Gina F. ihre Tatbeteiligung. Den Elektroschocker habe sie mitgenommen, um „mit dem Geräusch Eindruck zu machen“. Nach mehreren Zeugenaussagen war am ersten Verhandlungstag die Frage aufgetaucht, ob es weitere Mittäter gab, etwa einen Mann, der vor der Tür zu der Wohnung in Golm Schmiere stand und „Die Bullen kommen“ rief, als die Polizei anrückte. Gina F. sagte aus, dass sie kurz an der Tür gewesen sei, um Stefan U., den Mieter der Wohnung  zu suchen. Dieser konnte während des Überfalls flüchten und versteckte sich unbemerkt in einer oberen Etage des Mehrfamilienfamilienhauses. Sie selbst habe gerufen: „Die Bullen kommen“.

"Wir stürmten die Wohnung"

Der mutmaßliche Mittäter Steven L. ließ verlesen, er habe am Tattag „erheblich unter Drogeneinfluss gestanden“ und nach der Schilderung von Stefan P. „keinen Zweifel“ daran gehabt, dass Hugo R. seinen Bekannten bestohlen hatte. Er habe helfen wollen, das Geld zurückzuholen. „Wir konsumierten Drogen und begaben uns zur Wohnung“, sagte Steven L. über die Vorbereitungen des Überfalls am Abend des 1. August, „wir stürmten die Wohnung, um die 30.000 Euro durch Zwang herauszubekommen“.  P. habe sofort geschrien: „Wo ist mein Geld?“ Sein eigenes Verhalten, so der Angeklagte, sei „absolut inakzeptabel“, er habe „dem Geschädigten durch mein Verhalten erhebliches Leid zugefügt“.

Zu den vier jungen Männern, die sich an diesem Tag in Golm zu der Party mit fertiggedrehten Joints und Wodka verabredet hatten, zählte auch der 18 Jahre alte Student Fabian W. Er bestätigte, was auch schon Hugo R. am ersten Verhandlungstag ausgesagt hatte: Dass R. damit gedroht wurde, ihn zu verstümmeln. „Wir schneiden jetzt einen Finger ab. Wo ist das Messer?“, habe einer der mutmaßlichen Täter gesagt. Eine maskierte Frau mit blonden Haaren, offenbar Gina F., habe massiv gedroht: „Für 10.000 Euro tötet man.“

Der Polizeieinsatz verlief vorbildlich

Die Aussage allerdings findet sich nicht in den Protokollen der Kriminalpolizei, die Fabian W. nach der Tat vernommen hatte. Bei der ersten Vernehmung, sagte der Student, „war ich bekifft“. Der Kriminalbeamte, der ihn vernahm, soll nun als Zeuge geladen werden. Der schwere Vorwurf steht unbestätigt im Raum: Auch die anderen Teilnehmer der vierköpfigen Kifferrunde hatten davon nicht berichtet.   

Zu Tage trat, dass die schnelle Festnahme von zwei der drei  mutmaßlichen Täter wegen eines offenbar vorbildlich abgelaufenen Polizeieinsatzes möglich war. Stefan U., der Mieter der Wohnung in Golm, hatte nach seiner Flucht ins Treppenhaus über „110“ die Polizei informiert. Innerhalb von nur zwölf Minuten waren die ersten beiden Beamten am Tatort, wenig später traf eine Zivilstreife ein.

Wie in einem Fernsehkrimi

Was dann passierte, könnte aus dem Drehbuch eines Fernsehkrimis stammen. Zwei Beamte erhielten von den Kifferfreunden den Hinweis, dass die mutmaßlichen Täter sich kurz zuvor über die Tür, durch die sie in die Wohnung eingedrungen waren, zu Fuß in die Flucht geschlagen hatten. Zu ihnen gesellte sich ein dritter Polizist, der in einer Zivilstreife unterwegs war.

Sie nahmen die Verfolgung auf. Der 29 Jahre alte Polizeibeamte Martin S. schilderte, was geschah: Er habe im Gebüsch hinter dem Haus ein Geräusch gehört, offenbar das Rascheln, das einer der Flüchtigen verursacht hatte. „Dann entfernte sich das Geräusch nach rechts“, sagte S. – und der Polizist folgte. Die nächtliche Jagd führte durch ein Feld und durch eine Baustelle, und wenig später wurde Steven L. festgenommen. Er sei „zu Boden gebracht oder zu Boden gesprochen worden“, sagte S. Er meinte die mündliche Aufforderung an den Verdächtigen, sich auf den Boden zu legen.

Mit dem Kopf gegen einen Eisenträger geprallt

Schnell ging auch Stefan P. ins Netz. Er rannte in der Dunkelheit über die Baustelle und prallte mit dem Kopf gegen einen Eisenträger, stürzte, rappelte sich wieder auf, stürzte ein zweites Mal und wurde mit blutüberströmtem Gesicht festgenommen. Ein Arzt nähte die Wunde im "Ernst von Bergmann"-Klinikum mit vier Stichen.

Aber auch die Kollegin der Beamten, die in der Zivilstreife saß, hatte Jägerglück. Den Zivilpolizisten war, als sie sich in Golm dem Tatort näherten, ein Fahrradfahrer aufgefallen. Es war einer aus der Kifferrunde, der sich aber allem Anschein nach als Tatbeteiligter entpuppte: Maximilian G., gegen den die Staatsanwaltschaft nun ein gesondertes Strafverfahren führt. Er steht unter starkem Verdacht, die Terrassentür der Wohnung von Stefan U. offen gelassen zu haben, um dem mutmaßlichen Täter-Trio leichten Zugang zu ermöglichen. Die Polizeibeamtin sorgte dafür, dass er nicht floh. Gina F. stellte sich später. 

Verteidiger will psychiatrische Untersuchung

Am Ende des zweiten Verhandlungstages stellte Matthias Schöneburg, der Potsdamer Strafverteidiger von Stefan P., am Mittwoch überraschend den Antrag, seinen Mandanten psychiatrisch untersuchen zu lassen. Ein Gutachter soll klären, ob P. die Tat wegen seines Drogenkonsums im Zustand eingeschränkter Steuerungsfähigkeit begangen habe und die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik des Maßregelvollzugs in Betracht käme.

Täter mit psychiatrischen Störungen werden, wenn sie schuldunfähig sind, nicht mit einer Freiheitsstrafe sanktioniert, sondern in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Sie werden dort therapiert, bis sie stabilisiert sind und in der Gesellschaft wieder Fuß fassen können.

Das Gericht setzte für den Prozess zwei weitere Verhandlungstage fest. Am Freitag, dem 21. Februar, sollen ab 13 Uhr weitere Zeugen gehört werden, am Montag, dem 16. März geht es ab 9 Uhr im Potsdamer Justizzentrum weiter.                       

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