• Prostitution in Potsdam: Kurzarbeit auf der „Libido-Meile“

Prostitution in Potsdam : Kurzarbeit auf der „Libido-Meile“

Prostitution ist wegen Corona seit Mitte März verboten, dennoch wird auch in Potsdam Sex verkauft. Das Gesundheitsamt der Landeshauptstadt plädiert für eine Lockerung der Restriktionen für Bordelle.

Die Polizei erteilte dieser Prostitutierten in Groß Glienicke einen Platzverweis.
Die Polizei erteilte dieser Prostitutierten in Groß Glienicke einen Platzverweis.Foto: Carsten Holm

Potsdam - Auf den ersten Blick liegt Samanthas Arbeitsstelle inmitten einer Idylle. Die 25 Jahre alte Bulgarin steht an einem warmen Sommertag auf einem Parkplatz am Rande der Landesstraße 20 zwischen Groß Glienicke und Seeburg. Ein Windstoß rauscht durch den Wald, vor ihr wiegen sich die Halme reifer Gerste. Nur eine wilde Müllkippe trübt das Bild. 

Samantha ist Prostituierte. Wie auch immer man ihren Fahrer nennen mag: Der Freund, Helfer oder Zuhälter, der sie an diesem Nachmittag aus Berlin nach Groß Glienicke brachte, hat sein Auto in einem schmalen Waldweg geparkt, er hält sich für Zwischenfälle bereit. Klingelt sein Handy, kann er in einer halben Minute bei ihr sein.

Samantha braucht jeden Euro, um zu überleben

Zum Unmut vieler Groß Glienicker standen vor Corona bis zu zehn Frauen an dieser Straße, manch einer sprach von der „Libido-Meile” draußen vor der Stadt. Jetzt aber wartet nur Samantha dort auf Kundschaft. Sie trägt ein korallfarbenes T-Shirt, knallenge Jeans-Hot-Pants, Flip-Flop-Sandalen und eine rote Umhängetasche. Für den Augenaufschlag am Waldesrand sind die XXL-Extensions ihrer Wimpern farblich auf die schwarzen, schulterlangen Haare abgestimmt. 

Sexarbeiterinnen demonstrieren auf dem Hamburger Kiez gegen ein Arbeitsverbot im Rotlichtsektor.
Sexarbeiterinnen demonstrieren auf dem Hamburger Kiez gegen ein Arbeitsverbot im Rotlichtsektor.Foto: picture alliance/dpa

Nur mühsam überdeckt das starke Make-up die Furchen und Dellen, die das Leben im Gesicht der jungen Frau schon hinterlassen hat. Wegen Corona läuft das Geschäft schlecht, fünf Monate mit der Pandemie haben Samanthas Existenzgrundlage zerstört. „Verbote von Sexarbeit drängen besonders diejenigen in die Illegalität, die wenig Wahlmöglichkeiten und oft keinen Anspruch auf Grundsicherungsleistungen haben”, erklärt die Prostituierten-Selbsthilfegruppe Hydra auf Anfrage der PNN. 

Samantha ist eine von ihnen. Sie braucht jeden Euro, um zu überleben, auch für sie kommt, in Anlehnung an Brecht, erst das Fressen und dann das Gesetz. So steht Samantha am Nachmittag illegal im Wald, bevor sie sich abends in Berlin, wiederum illegal, mit Kunden trifft. 

Die Bulgarin weiß vom Prostitutionsverbot. Sie ist nicht weiter überrascht, als ein Polizeifahrzeug aus Potsdam neben ihr hält. Ein Bürger aus Groß Glienicke hat die Behörden kurz zuvor über „Sex an der Landesstraße 20" informiert. Vom Ordnungsamt ist kein Trupp in der Nähe, nun hilft der Revierbeamte aus. 

"Ausweis" ist eines der wenigen deutschen Wörter, die Samantha kennt

Höflich bittet er Samantha um ihren Ausweis. Sie versteht. „Ausweis” gehört zu den wenigen deutschen Wörtern, die sie kennt. Geläufig sind ihr Synonyme für die üblichen Sexpraktiken, will sie Wünsche nicht erfüllen, schüttelt sie ihren Kopf. Sie weiß, was ein Kondom ist, aber wenn ein Freier sie nach dem Preis fragt, muss sie sich behelfen. Dann streckt ihre Finger empor: vier für einen 15-Minuten-Job im Auto, sechs bis acht für ein halbes Schäferstündchen im Wald, zehn für das ganze Programm mit viel Zeit. Ist dem Kunden ihre Offerte zu hoch, klappt sie einen oder zwei Finger wieder ein. 

Der Oberkommissar erteilt ihr einen Platzverweis. Wenig später bringt Samanthas Fahrer sie nach Berlin zurück, wo sie weiterschuftet. Als EU-Bürgerin kann die Bulgarin nach Deutschland reisen, wann immer sie will. Weil sie hier im Wald verbotswidrig Sex anbietet, muss sie aber mit einer Strafe rechnen. Eigentlich. Auf die Frage der PNN nach deren Höhe antwortet die Pressestelle des Rathauses, die Tat könne „durch eine Geldbuße bis zu 25.000 Euro geahndet werden”.

Kleinanzeigen im "Blickpunkt" Wochenzeitung.
Kleinanzeigen im "Blickpunkt" Wochenzeitung.Foto: Carsten Holm


25.000 Euro. Für eine Ordnungswidrigkeit. Als die PNN zu bedenken geben, dass dieser Betrag „absurd” hoch sei, klappt das Rathaus, wie Samantha, einen Finger ein: „Dass dies bei einem ersten Vergehen nicht angewandt wird, ist selbstredend.” Noch am selben Tag ist kein Finger mehr emporgereckt: „Wir haben kein Bußgeld verhängt.” Eine erneute Nachfrage am 13. August führt zum gleichen Ergebnis: „Es sind bisher keine Verfahren eröffnet worden.” 

Es ist wohl nur Symbolpolitik. Denn die bloße Androhung von Bußgeldern für Prostitution während der Coronazeit scheint nicht mehr Angst auszulösen als ein grimmig dreinblickender Stofftiger auf einer Kinderzimmercouch. Mit ihrem Bluff aber steht die Stadt Potsdam nicht allein. Zum Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg gehört ein Teil des auch während Corona berüchtigten Straßenstrichs an der Kurfürstenstraße, einem Hotspot der Armuts- und Beschaffungsprostitution.

Der Versuch, einen Hauch von Verfolgungsdruck zu verbreiten

Dort dasselbe Spiel: Als die PNN nach Bußgeldern im Rotlichtmilieu fragen, ist am 24. Juli von 17 „bearbeiteten” Fällen die Rede. Drei Tage später teilt Pressestelle auf erneute Nachfrage mit, es sei „erst einmal ein Bußgeld verhängt worden”, 1000 Euro. Zur Kasse gebeten wurde aber nicht eine Prostituierte, sondern ein Gastronom „wegen der nicht erlaubten Öffnung einer Gaststätte”. Die Drohgebärden mit hohen Bußgeldern sind, so scheint es, kaum mehr als der Versuch, unter Sexarbeiterinnen einen zarten Hauch von Verfolgungsdruck zu verbreiten. 

Vor Corona durfte Samantha ihren Körper legal anbieten, weil Sexarbeit, anders als in Bulgarien, hierzulande nicht nur geduldet, sondern grundsätzlich erlaubt ist, seit 2001 das erste Prostitutionsgesetz und 2017 das neue Prostituiertenschutzgesetz in Kraft traten. Wer sein Geld so verdienen will, muss sich nur bei einem Gesundheitsamt anmelden, bevor er vom Gewerbeamt die Erlaubnis dafür bekommen kann. 

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Nach Zahlen, die das Statistische Bundesamt Ende Juli vorlegte, waren im Dezember 2019 in Deutschland knapp 33 000 Menschen für das Gewerbe angemeldet. 19 Prozent von ihnen hatten die deutsche Staatsbürgerschaft, 35 Prozent die rumänische. Samantha zählt zu den elf Prozent Bulgaren, aus Ungarn kamen acht Prozent. Die Zahlen haben mit der Wirklichkeit wenig zu tun, sie geben nur die angemeldeten Prostituierten wieder. Realistischere Schätzungen gehen von zwischen 100.000 und 400.000 Sexarbeitern aus.

Gebrauchte Kondome und Gleitgelverpackungen werden beim Frühjahrsputz entsorgt

Für Bürger von Groß Glienicke allerdings ist jedes Straßenmädchen eines zu viel. Jahrelang haben sie gegen die Prostitution gekämpft, der Erfolg ist bescheiden. Manche Bürger wissen Dinge zu erzählen, die unappetitlich sind. Hatten Prostituierte ihre Kunden bedient, warfen sie ihre Arbeitsutensilien oft achtlos ins Grün. Im Lauf der Zeit häufte sich dort Sex-Müll wie gebrauchte Kondome und Gleitgelverpackungen, im April 2018 trafen sich Groß Glienicker zum Frühjahrsputz und sammelten alles ein. Dem Bürger F. reichte es hernach: „Mein Ekel-Pensum ist für heute mehr als erfüllt.” Im Mai 2018 schrieb Ortsbeiratsvorsitzender Winfried Sträter der Stadt einen Brandbrief: „Der Zustand ist unhaltbar.” 

Im August 2018 beantragte die Stadt beim Innenministerium, an der L 20 einen Sperrbezirk einzurichten. Im März 2019 kam die Antwort: Eine Sperrbezirksverordnung in Groß Glienicke sei „rechtlich nicht möglich”.
Immer wieder haben es Mächtige des Milieus versucht, auch in Potsdam Fuß zu fassen, oft scheiterten sie. In den 1990er-Jahren hielt ein Puff in der Pirschheide nicht lange durch, wie sich Frank Lüder, Aufsichtsratsvorsitzender der Taxi-Genossenschaft, erinnert. In jener Zeit fuhren Freier auch in die „Rote Villa” an der Berliner Straße oder in den „Blauen Engel” in der Großbeerenstraße. In diesem Bordell erlosch das Rotlicht 2002, als Konflikte mit Schusswaffen gelöst werden sollten.

Prostitution hat in Potsdam eine lange, allerdings kaum erforschte Geschichte

An den Rand der Verzweiflung brachten Milieunäre Bewohner eines Mietshauses in Drewitz. Ab November 2014 mühte sich allwöchentlich ein neuer Trupp von jungen Frauen in High Heels und mit Rollkoffern in der Fritz-Lang-Straße in die vierte Etage des Eingangs Nummer 13. Ein Herr E. hatte dort ein Bordell eingerichtet. Die dünnen Wände des Plattenbaus dämmten branchentypische Geräusche wie quietschende Betten und lustvolles Stöhnen kaum. Erst nach einer Räumungsklage wurde es geschlossen. 

Symbolbild.
Symbolbild.Foto: AFP

Prostitution hat in Potsdam eine lange, allerdings kaum erforschte Geschichte. Die Historikerin Susanne Marok, heute Leiterin des Jan-Boumann-Hauses im Holländischen Viertel, fand im Stadtarchiv Hinweise auf Bordelle zur Zeit Friedrichs des Großen, obwohl die im 18. Jahrhundert seitens der Kirche und der Obrigkeit verboten waren. 

Als die Stadt um 1786, dem Todesjahr des Alten Fritz, nach Angaben des Potsdam Museums fast 22 000 Einwohner hatte, führten zumeist Frauen die einschlägigen Lokalitäten nahe der alten Stadtmauer, Freudenmädchen boten sich in den schlecht beleumundeten Nebenstraßen am Brandenburger und Nauener Tor an. „Die Mätressen der hohen Herrschaften”, erzählte die Historikerin Marok den PNN mit einem Lächeln, „wurden natürlich nicht zu den Huren gezählt”.

Das eigentliche Problem, sei erst nach der Wende aufgetreten

Gänzlich unerforscht ist die Prostitution zu DDR-Zeiten. Das Thema sei „tabu” gewesen, „offiziell gab es sie nicht”, sagte die heute 90 Jahre alte Brunhilde Hanke, von 1961 bis 1984 Oberbürgermeisterin der Stadt, den PNN. Ihr seien regelmäßig Berichte über die Sicherheitslage vorgelegt worden, „über Prostitution kam darin nichts vor”.

Huren hielten sich in der DDR vorzugsweise in den Bars von Interhotels der Messestädte bereit. Das Potsdamer Interhotel, das heutige Hotel Mercure, zählte offenbar nicht dazu. Nein, organisierte Prostitution habe es nicht gegeben, berichtet der gerade pensionierte Küchenchef Michael Häberer, der 43 Jahre lang dort arbeitete: „Das hätte in unserer Nachtbar stattfinden müssen, und das hätte ich gewusst.” 

Der heute 66 Jahre alte Hans-Jürgen Scharfenberg, der zu DDR-Zeiten am Lehrstuhl „Staatsrecht kapitalistischer Staaten” der Babelsberger Akademie für Staats-und Rechtswissenschaften arbeitete und promovierte, lebt seit 1974 in Potsdam. Weiß er etwas vom Hörensagen? „Die Prostitution war nicht greifbar”, so der Linke-Politiker, „es mag in Potsdam einzelne Frauen gegeben haben, die sich etwas dazuverdienten”. Aber das eigentliche Problem sei „erst nach der Wende aufgetreten.”  

Polizisten begleiten bei einem Polizeieinsatz in der Kurfürstenstraße in Berlin eine Frau zu einem Kontrollpunkt.
Polizisten begleiten bei einem Polizeieinsatz in der Kurfürstenstraße in Berlin eine Frau zu einem Kontrollpunkt.Foto: picture alliance / dpa

An eine dieser einzelnen Frauen erinnern sich alteingesessene Potsdamer. Sie wohnte, erfuhren die PNN, im obersten Stockwerk eines Geschäftshauses an der Klement-Gottwald-Straße, der heutigen Brandenburger Straße. Die damals etwa 30-jährige, attraktive Frau hatte angeblich so oft Besuch einzelner Herren, dass es auffiel. „Bauarbeiter pfiffen vom Gerüst oder von unten zu ihr hoch”, erzählt ein Zeitzeuge. Es sprach sich auch herum, dass sie sich mitunter mit einem Eimer Kohle bezahlen ließ, um heizen zu können. 

Eine plausible Erklärung für die Pufflosigkeit an der Havel ist wohl, dass Potsdam, anders als Leipzig, keine Messestadt war. Dort blühte das Geschäft mit der Lust, die Prostituierten gehörten mit Stundensätzen von 100 West-Mark und bis zu zehn Freiern pro Nacht zu den zeitweiligen Spitzenverdienern der DDR.

Zaghafter Neustart in Corona-Zeiten

In diesem März aber begann die finsterste Zeit für die Potsdamer Prostituierten. Die Zahl der Corona-Infektionen stieg rapide, auch Sexarbeit wurde verboten. Im Schattenreich des Milieus scheuten Luden, Prostituierte und Freier zunächst das Licht, bevor zaghaft der Neustart begann. In Babelsberg ließ sich plötzlich wieder „JennyKaetzchen” zum Stundensatz von 100 Euro buchen, im Zentrum hielt sich „Little_Tinkerbell” bereit (Haarfarbe: Blond. Alter: 28. Größe: 1,58. Gewicht: 57. Körbchengröße: E.). 

Dann aber breitet sich das Verbotene zügig aus. Frauen offerieren ihre Dienste bei „MietMich.de” oder „Kaufmich.de”, und wer den Namen der Stadt bei „Kaufmich.de” eingibt, gelangt über eine Umgebungskarte mit neun roten Frauen-Symbolen zu Fiola aus Bornstedt. Stundensatz 120 Euro, für das Doppelte verspricht sie, sich „so richtig ins Zeug” zu legen. Was da passieren kann, erläutert sie mit Beispielen aus dem Kanon ihrer Kunst. Ihr Kunde „red_sun” hat das offenbar erlebt und die Contenance verloren. Im Bewertungskästchen spricht er von „Suchtgefahr und Wiederholungszwang”.

Sexverbot hin oder her: In den einschlägigen Foren des Internets haben Potsdamer eine große Auswahl. Eine Mitarbeiterin des bundesweit operierenden „Actrice-Escort-Service” aus Rellingen bei Hamburg bedauert, dass „nur fünf Frauen im Augenblick bereit sind zu arbeiten”. Gehört Olivia aus Berlin dazu? Ja, sie könne am Montag um 19 Uhr zu einem Hausbesuch nach Potsdam kommen, Stundenlohn 300 Euro. Die angebliche Projektmanagerin werde mit Mund-Nasen-Schutz an der Haustür klingeln, „alles andere wird dann mit der Dame abgeklärt”. Corona? Kein Thema. 

Ein Escort-Service aus Berlin bietet den Einsatz von Olivia, wie sie sich im Internet nennt, auch in Berlin an.
Ein Escort-Service aus Berlin bietet den Einsatz von Olivia, wie sie sich im Internet nennt, auch in Berlin an.Foto: Carsten Holm

Sex trotz Corona? Antwort: "Du Gummi"

Ein Anruf bei Lisa. Sie empfängt Freier im Potsdamer Zentrum. „Ich Russland”, sagt sie mit dunkler Stimme, „ich Zeit.” Stundenpreis 100 Euro. Sie nennt eine Adresse, die Wohnung liegt in der Schopenhauerstraße nahe des Luisenplatzes. „Klingeln König”, empfiehlt sie (Name geändert). Sex trotz Corona? „Du Gummi”, sagt sie. 

Für und gegen dies und das bieten etliche Thai-Massagestudios Hilfe an. Geradezu erbost reagieren Frauen in vier Studios auf die ewige Wiederkehr der immer gleichen Männerfrage: Wird der ganze Körper massiert? Andererseits: Kaum hat sich ein Kunde in einem anderen Studio auf einem bunten Lotusblumenlaken ausgestreckt, stellt die Masseurin die dort immer gleiche Kernfrage: „Willst du Massage für 50 oder 70?” In einem Thai-Salon in Babelsberg werden die Feinheiten schon am Telefon geklärt: „Normal 50. Handentspannung 100. Beide nackt.” 

Graubereich Tantramassagen

Und dann ist da noch der Graubereich sogenannter Tantra-Massagen. Etliche Masseurinnen verstehen sich als spirituelle Körpertherapeutinnen, die Babelsberger Tantrikerin Luna (Name geändert) etwa lädt zu einer „Reise in die Sinnlichkeit”, bei der nicht etwa ein Orgasmus das Ziel sei, sondern der „sinnliche Nährwert”. Bei einigen Massagen werde der Intimbereich einbezogen, „damit man sich ganz fühlt”. Luna kennt die Männer. Die hätten, sagt sie, „immer den Wunsch, einen Orgasmus zu erleben”. Sie gehe „mit der Energie, wenn die dahin will, der Raum, in dem das Männliche fließen kann, ist da”.

Amtsärztin Kristina Böhm
Amtsärztin Kristina BöhmFoto: Sebastian Gabsch


Der Begriff Lingam stammt aus dem indischen Sanskrit und bezeichnet die männlichen Genitalien. Für eine zweieinhalbstündige Lingam-Massage nimmt Luna 210 Euro, für 40 Euro mehr lässt sich mit ihr eine dreistündige „Schoßraum-Beheimatung” erleben. Covid-19, sagt die Therapeutin, nehme sie ernst. Sie bitte ihre Gäste, Telefonnummer und Adresse zu hinterlassen. Und wenn jemand behauptet, sein Name sei James Bond? „Wenn er so heißt?“, fragt Luna zurück.

Auch eine Sternenreise in andere energetische Galaxien ist in Potsdam möglich. Ein Babelsberger Tantra-Studio lässt Männer zum Preis von 150 Euro für 90 Minuten den sogenannten „Big-Draw” erleben, einen Orgasmus ohne Ejakulation – „falls Du Deine Energie lieber bei Dir behalten möchtest, um sie in Deinem System zu speichern”. 

Kritik an Tinder: Gibt es nicht dort auch Ansteckungs-Risiken?

Wie groß aber ist die Ansteckungsgefahr mit dem Virus bei gekauftem Sex? „Gering, weil es fast nur Eins-zu-eins-Kontakte gibt”, sagte die diplomierte Berliner Sozialarbeiterin Stefanie Klee den PNN. Sie ist Prostitutions-Aktivistin, seit 20 Jahren selbst Sexarbeiterin und war 2002 Mitgründerin des Bundesverbands Sexuelle Dienstleistungen. „Orgien und Sexpartys”, so Klee, „kommen im privaten Bereich oder im Fernsehen, aber nicht in Bordellen vor”. 

Sie hat die große Demonstration am 3. Juli in Berlin angemeldet, als Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, assistiert von aufgeblasenen Sexpuppen, „Öffnet die Bordelle jetzt!” forderten. Klee stört sich daran, dass niemand die Risiken bei Treffen benenne, die durch die Dating-App Tinder vermittelt werden: „Das Prinzip dort ist: Schnelle Intimität ohne langes Vorgeplänkel”, sagt Klee, „im Fokus ist aber nur die Prostitution”. 

Doch allmählich tut sich was. Der Berliner Senat hat das Verbot sexueller Dienstleistungen inzwischen gelockert, seit 8. August ist Sexarbeit wieder erlaubt, erst einmal ohne Verkehr, ab dem heutigen 1. September auch mit. Brandenburg ringt noch um seine rigide Verbotspraxis.

Ein Besuch im Potsdamer Gesundheitsamt, ein Gespräch mit Chefin Kristina Böhm, der promovierten Ärztin mit Erfahrung bei der Marine, und Diplom-Sozialarbeiter Marcel Kosubeck, dem Experten für die nach dem Prostituiertenschutzgesetz vorgeschriebene Beratung von Sexarbeiterinnen. Er wirbt bei ihnen für den freiwilligen, kostenlosen Test auf HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten. Beide halten es für falsch, dem Sexgewerbe „die Wirkung eines epidemiologischen Superspreaders” beizumessen, wie es 16 Bundestagsabgeordnete von CDU/CSU und SPD, allesamt eingefleischte Gegner der Prostitution, im Juni formulierten. Bordelle, forderten sie, sollten auch nach Corona geschlossen bleiben.

Marcel Kosubeck aus dem Potsdamer Gesundheitsamt mit dem Info-Koffer für Prostituierte samt Kondom und Dildo.
Marcel Kosubeck aus dem Potsdamer Gesundheitsamt mit dem Info-Koffer für Prostituierte samt Kondom und Dildo.Foto: Carsten Holm

Gesundheitsamtschefin: "Prostitution ist kein großes Risiko"

Böhm lässt sich davon nicht beirren: „Die Prostitution ist kein großes Risiko in der Coronazeit”, sagt sie, „auch wenn das Abstandsgebot von 1,50 Metern sich nicht durchhalten lässt und der Mund-Nasen-Schutz in Wahrheit keine realistische Option ist”. Andererseits gebe es „immer nur Eins-zu-eins-Kontakte, damit ist das Ansteckungsrisiko geringer als in einem Pulk in einer Bar“. 

Manche Prostituierten aus Bulgarien und Rumänien haben den Umgang mit Kondomen nicht gelernt und nutzen sie nicht. So stellt Sozialarbeiter Kosubeck bei der Beratung mitunter einen aluminiumfarbenen Koffer auf den Tisch, der eine große Zahl von Präservativen und zwei Holz-Dildos in verschiedener Länge und Dicke enthält. „Es ist mir lieber, sie lernen das bei uns, statt sie in ihrer Arbeit nicht zu verwenden”, sagt er. 

Nachdrücklich plädiert Kosubeck für eine Lockerung des Sexarbeitsverbots. „Sex ist ein menschliches Grundbedürfnis”, sagt er, „in den Wohnungen der Sexarbeiterinnen können Hygienevorschriften eingehalten werden.” Seine Chefin Böhm erinnert daran, dass in Zeiten des Lockdowns auch eine Zunahme häuslicher Gewalt dokumentiert wurde. „Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht”, sagt sie, „auch käuflicher Sex kann ein Ventil sein.” 

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